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Junge deutsche Winzer: Von Sat.1 zur Winzerin mit dem gewissen Etwas

Teil 2: Katharina Wechsler ist kein Mädchen vom Land. Sie liebte die Großstadt und die Glamourwelt. Trotzdem pfiff sie aufs Show-Business und kehrte zurück zu ihren Wurzeln. Aufs Land und zum Wein.

Von Denise Wachter

Katharina Wechsler ist eigentlich kein Mädchen vom Land. Trotzdem kehrt sie zurück aufs Land und zum Wein.

Katharina Wechsler ist eigentlich kein Mädchen vom Land. Trotzdem kehrt sie zurück aufs Land und zum Wein.

Katharina Wechsler hatte die Nase voll, sie hatte keine Lust mehr beim "Witwenschütteln" zu zusehen und auf gar keinen Fall wollte sie jemals ein Messie-Haus betreten müssen. Oder bei einer "Konfro" dabei sein - in einem Drogeriemarkt mit versteckter Kamera. Damit sollte Schluss sein! Deshalb packte sie ihre Sachen und fuhr nach Hause. Von Berlin nach Westhofen im südlichen Rheinhessen.

Aber zurück zum Anfang: Es war im Jahr 2006 - Fußballweltmeisterschaft, das deutsche Sommermärchen. Wechsler beendete ihr Studium der Politik, Soziologie und Wirtschaft. Zuvor war sie bereits für ein Jahr in Paris, studierte an der Sorbonne französische Literatur. Schnüffelte Großstadtluft und ging noch für ein Praktikum in einer Plattenfirma nach Rio de Janeiro, Brasilien. In die große weite Welt.

"Es waren meistens Familien"

Dann bewarb sie sich beim TV-Sender Sat.1 für ein PR-Praktikum in Berlin. Aus dem Praktikum wurde ein Job, aus dem Märchen und der Glamourwelt eine eindimensionale Welt. Sie arbeitete als Redaktionsassistentin bei Sat.1 in verschiedenen Boulevardformaten. "Es waren meistens Famlien, in deren intimsten Privatsphären wir einstiegen. Das war mir so unangenehm", sagt Wechsler im Nachhinein. "Aber ich wollte damals unbedingt Glamourluft schnuppern. Ich hatte wahnsinnig viel Spaß und habe Freundschaften fürs Leben geschlossen."

Drei Jahre später lief das Fass dann aber über: "Ich konnte keine Geschichten mehr sehen von Menschen, die ihre Lieben verloren haben ("Witwenschütteln") und auch keinen Beitrag mehr zu Preisvergleichen in Drogeriemärkten." Mit versteckter Kamera, die an der Tasche oder der Sonnenbrille befestigt war, verglichen Redakteure die Preise in verschiedenen Drogeriemärkten. Fielen ihnen Ungereimtheiten auf, konfrontierten sie die Angestellten wegen Verbrauchertäuschung ("Konfro"). Katharina Wechsler kündigte ihren Vertrag bei Sat.1 und musste sich neu orientieren.

Die Entscheidung ihres Lebens

Ein Telefonat mit ihrer Mutter gab den entscheidenden Anstoß: Der Mischbetrieb (Fasswein und Landwirtschaft) des Vaters laufe aus, er habe keinen Nachfolger und weiß nicht, wie es weitergehen soll. "Das Gespräch löste irgendetwas in mir aus. Ich musste unbedingt nach Hause", sagt die 35-jährige Wechsler.

Zwei Monate später hatte sich Wechsler entschieden: "Ich liebe Berlin und eigentlich bin ich kein Landmensch. Aber Berlin kann einen auch runterziehen. Das Medienbusiness ist zu unstetig." Zwei Jahre lang besuchte sie die Winzerschule und machte Praktika. "Ich war Jungfrau, was das Thema Wein anging." Aber sie saugte mit Begeisterung alles auf und entwickelte sich schneller, als sie es selbst für möglich gehalten hätte.

Affären, Klatsch und Tratsch

Im Dorf dagegen gab es viel Getuschel. Es wurde gemunkelt, dass die Wechsler ihren Job verloren habe und deshalb zurück in die Heimat gekommen sei. Und es gab eigentlich keinen Mann in der Region, mit dem sie keine Affäre gehabt haben soll. Bis heute - fünf Jahre ist das jetzt her - hält der rheinhessische Tratsch an, wie in einer schlechten Seifenoper. Aber Katharina Wechsler steht darüber. Denn sie weiß, was sie kann. "Ich kann nur überraschen, weil mich niemand ernst nimmt", sagt sie.

Und das tut sie auch. Denn sie ist keine gewöhnliche Winzerin. Sie ist nicht nur ein Naturtalent in Sachen Wein, sondern auch das It-Girl in Winzerkreisen. Das Mädchen mit dem gewissen Etwas, das Großstadtflair ummantelt sie förmlich. Sie trägt gerne roten Lippenstift und auch heute ist er rot. Genauso wie die lackierten Fingernägel, von denen die Farbe schon leicht abblättert wegen der Arbeit im Weinberg.

Wechsler-Weine und die geliebte Scheurebe

Wechsler-Weine und die geliebte Scheurebe

Weine, die Geschichten erzählen

Auf jeden Fall liebt sie das, was sie da tut. Ihre Weine schmecken nicht nur, sondern erzählen auch Geschichten. Fräulein Hu, zum Beispiel, ist ein weißer Perlwein aus der Huxelrebe, der mit Weißburgunder, Riesling und Müller-Thurgau verschnitten ist. Er schmeckt frisch, frucht-betont und ist "trinkig", wie Wechsler den Perlwein beschreibt. "Fräulein Hu - Nice to meet you" ist der Vermarktungsname. Wechsler möchte die Weintrinker in das Indochina der 1920er Jahre entführen. Fräulein Hu ist eine exotische und begehrenswerte Frau, die sich gerne in der Opiumhöhle tummelt und viele junge Liebhaber hat. Eine Geschichte, die sich Wechsler selbst ausgedacht hat.

Das "Schweißtröpfchen" ist auch ein Wein mit Geschichte. Weil der Winzer bei der Arbeit so schwitzt, trägt der Wein diesen Namen. So heißt übrigens nicht nur der Wein, sondern auch der Weinberg.

Die Geschichten sind sehr wichtig für Wechsler. "Ich glaube, dass die Leute heute nicht nur wissen wollen, dass du guten Wein machen kannst, sondern auch die Person dahinter kennenlernen wollen", sagt die Winzerin. Deshalb nutzt sie auch Plattformen wie Facebook und Instagram. So kann jeder sehen, was sie macht und wer sie ist. Und sie kann sich mit Kunden und Weininteressierten austauschen. Der Wein Fräulein Hu hat sogar eine eigene Facebook-Seite. Mit Twitter ist sie noch nicht warm geworden. Das soll sich aber noch ändern.

"Ich war noch nie so glücklich"

Daneben baut sie noch Riesling, Silvaner und Burgunder an. Eine besondere Herzensangelegenheit ist ihr die Scheurebe: "Diese alte Rebsorte ist einfach Rheinhessen". 50 Prozent ihrer Weine gehen dabei an Privatkunden, die per Email Flaschen ordern. Die andere Hälfte vertreibt Wechsler an den Fachhandel, ins Ausland oder an die Gastronomie. Dieses Jahr rechnet sie mit 60.000 Flaschen, die sie füllen und hoffentlich verkaufen wird.

Noch gibt es viel zu tun und zu investieren, um den Fassweinbetrieb in einen reinen Flaschenweinbetrieb umzugestalten. Doch irgendwann hatte sie diesen Moment, diesen unbezahlbaren: "Ich stand im Weinberg und war noch nie so glücklich."

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