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Schaumwein-Test: Schampus schlägt sie einfach alle

Natürlich kann man auch ohne Champagner feiern. Besser aber schmeckt das Jahresende mit dieser Wunderwaffe des Vergnügens. In einer gewaltigen Blindprobe hat eine stern-Jury fast alles getestet, was sich Schaumwein nennt. Hier die Gewinner.

Von Christian Wenger

Der Engelsfurz geht so - "pfffff". Ahhh, nicht mit vulgärem Knall, sondern dezent soll der Druck entweichen, mit leisem Zischen - wie es bekanntlich klingt, wenn ein Engel furzt. Und so klingt’s auch, wenn geübte Hände Champagnerflaschen öffnen. Etwa 200- mal geschah das Mitte Oktober, als die Siegerflaschen aus der großen stern-Schaumweinprobe vom Mai (damals testete der stern unter Auslassung von Schampus alles, was schäumt), als diese Sieger also noch einmal gegen die bekanntesten Champagner antraten. Wozu der Luxus? Kein Luxus! Eine demütige Dienstleistung war das. Für Sie, verehrte Leser, und für uns alle galt es herauszufinden, was zu Weihnachten und zu Silvester schmeckt. Und was von dem guten Zeug gerade noch bezahlbar ist. Wie würden die Champions aus dem Frühjahr, wie würde der weltweite Schaumweinkleinadel gegen den König aus Reims abschneiden, den Champagner? Kann sich ein Cava oder Crémant überhaupt mit einem Champagner messen? Und ferner: Ist weitgehend maschinell und im großen Tank erzeugter Schaumwein mit einem bei viel Handarbeit in der Flasche vergorenen und gereiften Champagner vergleichbar? Er ist. Der stern hat ja nicht Äpfel und Birnen verkostet, sondern lediglich Weine, die allesamt mit natürlich erzeugter Kohlensäure zum Schaumwein wurden.

Die Jury hatte wie im Mai die Aufgabe, die Qualität der eingesandten oder eingekauften Weine zu beurteilen, die einen repräsentativen Ausschnitt des Angebots in Deutschland ausmachten. Optisch ging es um Farbe und Perlage (also die Bläschen), dann weiter um den Duft in der Nase, den Geschmack am Gaumen und den Gesamteindruck. Nur war diesmal, anders als im Mai, auch Champagner dabei. Die Juroren wussten selbstverständlich niemals, was sie gerade im Glas hatten, ob einen Sekt oder Winzersekt, einen Crémant, Franciacorta, Champagner oder Prosecco. Das Etikett, die ganze Flasche war anonymisiert. Und weil die Bewertung eines Weins eine sensible, schwierige und immer auch eine persönliche Angelegenheit ist, wurde jeder Wein von mehreren kompetenten Juroren bewertet. Da keiner der stern-Verkoster von sich glaubt, einen Unterschied von 0,5 Punkten auch nur annähernd herausriechen oder -schmecken zu können, hat diese Probe eine ganze Reihe Sieger, denn das Spitzenfeld war eng. Zum Kauf und Genuss können wir die ersten 20 Prozent empfehlen (Tabelle).

Alle flaschenvergorenen Weine streben höchste Qualität an

Was ist ein guter Schaumwein? Er präsentiert sich im Glas strahlend, funkelnd und leuchtend, er zeigt viele feine, zarte Bläschen - keine groben Kohlensäureperlen. In der Nase sind viel Frische und lebendige Aromen von Zitrusfrüchten, Apfel, Aprikosen, weißen Blüten. Je nach Typ und Alter sind da auch Anklänge an rote Beeren, Blutorangen, Trockenfrüchte, Röstaromen, Brioche, Honig und exotische Früchte. Eine straffe Mineralität kann er haben, im Gaumen soll er finessenreich zwischen Säure und Süße balancieren, cremig und unaufdringlich sein, ein klares, kompaktes Mundgefühl vermitteln, Tiefe und Länge haben und insgesamt Lust auf ein nächstes Glas machen. Im Frühjahr hatte ein Franciacorta die Liste der Sieger angeführt. Im norditalienischen Gebiet gleichen Namens werden diese Schaumweine nach strengen Ertragsbegrenzungen und ausschließlich in Flaschengärung erzeugt; die Rebsorten sind die gleichen wie in der Champagne, also Pinot Noir (Spätburgunder), Pinot Meunier(Müllerrebe/Schwarzriesling) und Chardonnay. Reputation, Bekanntheitsgrad und Verbreitung sind allerdings kaum vergleichbar: 321 Millionen produzierte Flaschen Champagner pro Jahr stehen gegen knapp 7 Millionen Franciacorta, die zudem fast alle im Ursprungsland getrunken werden.

Auch bei dieser Probe hinterließen die Weine der Franciacorta wieder einen ausgezeichneten Eindruck: Im Durchschnitt der Bewertungen (82,5 Punkte) liegen sie nur knapp hinter dem Champagner (83,5), und damit auf Platz zwei, gefolgt von Crémants aus Frankreich (81,7) und Cava aus Spanien (81,2). Die komplette Rangliste aller 176 Kandidaten finden Sie unter www.stern.de/schaumwein. Alle flaschenvergorenen Weine streben hohe und höchste Qualität an. Erreicht werden soll sie im Wesentlichen durch reglementierte und kontrollierte Erträge, hochwertige Rebsorten, Böden und moderne Kellertechnik. Entscheidend aber ist die zweite Gärung und vielmonatige Reifung in der Flasche - und nicht im Tank wie bei Sekt, Prosecco und Spumante. Körpereinsatz im Weinberg, Handarbeit, sorgfältiger Ausbau und jahrelange Lagerung des Weines auf der Hefe haben ihren Preis. Flaschenvergorene Weine müssen teurer sein als einfache Schäumer, denen das Prizzeln teils künstlich zugesetzt wurde und auf die die Sektsteuer von 1,36 Euro pro Liter gar nicht erst erhoben wird.

Echte Brillis scheinen im direkten Vergleich immer heraus

Die Crémants aus Frankreich entstehen in Gegenden, die auch für ihre Stillweine berühmt sind. Etwas im Schatten der Champagner und eher regional verbreitet bieten sie oft gute Qualität und, wie zwei der Sieger der Probe beweisen (Crémants aus Limoux in Südfrankreich), auch ein interessantes Preis-Leistungs-Verhältnis. Die zwei Cava unter den Siegern zeigen, dass auch bei einer Jahresproduktion von über 200 Millionen Flaschen gute Qualität möglich ist. Weil die Spanier als Erste begannen, die Heferückstände im Wein maschinell in den Flaschenhals zu "rütteln", konnten sie sich einen Preisvorteil verschaffen. Das spart die teure Handarbeit vor dem Entfernen des Hefepfropfens, dem sogenannten Degorgieren. Den Preisvorteil geben sie an ihre Kunden weiter. Auch einige deutsche Winzersekte, leicht zu erkennen, weil aus Riesling-Trauben gemacht, haben sich gut geschlagen. Weil sie nur in geringen Mengen und von den Winzern meist nur als ein Wein unter vielen angeboten werden, sind sie kaum bekannt und nur innerhalb Deutschlands.

Dass sich auch Sekte und Spumante, die nicht in der Flasche gärten und reiften, unter den Siegern platzieren konnten, ist bemerkenswert und beweist, dass hohe Qualität nicht zwangsläufig nur eine Folge des Verfahrens ist. Sie kann auch entstehen, wenn mit Anspruch gearbeitet wird. Genau wie schwache Champagner gibt es gute Sekte und auch Prosecco. Man muss halt etwas suchen, probieren oder sich auf Tests wie diesen verlassen. Geizgeile mag sie enttäuschen, die Fachleute aber überrascht sie nicht: die Dominanz des Champagners in unserem Test. Es ist wie mit Strass und Brillanten. Echte Brillis scheinen im direkten Vergleich immer heraus. Leider sind sie auch teurer zu produzieren als Presskristall. So ist auch der Preis von Champagner berechtigt. Der Arbeitsaufwand ist immens, und nur auf den kreidigen Böden um Reims reifen die Trauben so gut, dass am Ende ein Hauch von Himmel im Glas ist, wenn schon der Engelsfurz verflogen ist. Nicht einfach den billigsten Schaumwein kaufen - das Leben ist zu kurz, um schlechten Wein zu trinken. Der Satz ist zwar nicht neu, bleibt aber richtig. Die Schäumer beim Discounter sind billig, ja. Preiswert sind sie nicht.

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