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Prenzlauer Berg: Currywurst & Schampus streng verboten

Auf einem Wochenmarkt hatte ein Berliner Gastronom mit einer ungewöhnlichen Kombination Erfolg: Zur Currywurst gab es Champagner. Doch nun ist ihm ein französischer Interessenverband auf die Schliche gekommen - und hat zu drastischen Mitteln gegriffen.

Von Hans Peter Schütz, Berlin

Es war einmal. Da schlenderte der bürgerliche Berliner am späteren Samstagvormittag zum Kollwitzplatz. Ein Auftritt, der im Szenebezirk Prenzlauer Bezirk Pflicht war. Mehr noch: Kultstatus hatte. Man ging zur Currywurst vom "Zander." Mit unterschiedlichem Schärfegrad der Curry-Sauce. Der reichte von "Mild" bis "Schwarze Witwe." Und man spülte stilvoll nach, während die Kinder auf dem benachbarten Spielplatz tollten. Mit einem Gläschen Champagner, zuweilen zwei, drei ... Echtem französischen Duval-Champagner, garantierter Spitzencuveé. "Schmeiß noch 'nen Schampus rüber", riefen die Gäste ihrem gastgebenden Gastronomen Roland Albrecht immer wieder fröhlich zu. Mit 500 Flaschen, mindestens, hat er es dort jedes Jahr krachen lassen.

Das war einmal. Das ist vorbei. Currywurst & Schampus sind neuerdings streng verboten. Zwar besitzt der Gastronom Albrecht eine stolze Urkunde mit Bundesadler und der Überschrift "Bundesrepublik Deutschland." Darin bescheinigt ihm mit Datum vom 5. Mai 2008 und der Amtsnummer Nr. 30 2008 009 841 das Deutsche Patent- und Markenamt Inhaber der Marke "Currywurst & Schampus" zu sein. Aber verkaufen darf er das genussvolle Menu nicht mehr. Es würde für ihn zur teuersten Currywurst samt Gläschen Schampus seines Lebens werden: 10.000 Euro. "Das geht nun wirklich nicht", seufzt Albrecht.

Gestrichen hat ihm den "Schampus", wie jede Berliner Zunge Champagner sprachlich perlen lässt, eine Unterlassungs- und Verpflichtungserklärung, die ihm wenige Wochen nach der Anmeldung beim Münchner Patentamt auf den Tresen flatterte. Abgeschickt von der CIVC. Das Kürzel steht für "Comité Interprofessionel du Vin de Champagne." Diese Organisation kämpft global für die Interessen der französischen Champagnerwirtschaft.

Global und radikal

Global und radikal. Wer etwa mit dem Spruch für sein Mineralwasser wirbt "Ein Champagner unter den Mineralwässern" wird ebenso vor Gericht bestellt wie jener Gastronom, der einmal eine "Champagnerbratbirne" angeboten hat. Wer so was macht, verletzt die Rechte der französischen Champagnerhersteller. Verstößt gegen die Vorschriften des deutsch-französischen Herkunftsabkommens und verletzt die geschützte herkunftsbezeichnung "Champagne."

Das hat sogar schon den Bundesgerichtshof (BGH) beschäftigt, die höchstrichterliche deutsche Rechtsinstanz. Das umgangssprachliche Wort Schampus darf danach im Zusammenhang mit der Currywurst nicht eingesetzt werden, weil es den geschützten Werbewert des französischen Wortes "Champagne" für eine deutsche Wurst benutzt. Ein Beispiel: Wer etwa wirbt "Champagner bekommen, Sekt bezahlen," macht sich strafbar. Und die Eigenmarke Albrechts "Currywurst & Schampus" nutzt den guten Ruf des Worts "Champagne" auf ein weit entfernt liegendes Produkt. Juristisch gesehen: eine sittenwidrige Wettbewerbshandlung. Dass Schampus zu Currywurst sehr gut passt, interessiert die Richter in den Roten Roben nicht. Und wenn Berliner (oder Hamburger, Münchner, Düsseldorfer) nach Schampus rufen, so der BGH, tragen sie zur Verwässerung des Begriffs "Champagne" bei, was wiederum den Werbewert von Schampus, äh, Verzeihung, des Champagners, mindert.

Dem Rechtsstaat gebeugt

Gastronom Albrecht vom Berliner Kollwitzmarkt beugt sich dem Rechtsstaat. Die Schützung der Markenurkunde "Currywurst & Schampus" beim Patentamt hat ihn zwar 10.000 Euro gekostet. Aber die ihm angedrohte Strafe von 50.000 Euro, wenn er damit weiterhin wirbt, ließ ihn zurückzucken. Auf seinem Lieferwagen hat er die Werbung "Currywurst & Schampus" mit Plastikstreifen überklebt. Sieht scheußlich aus, ist aber billiger als den Wagen neu spritzen zu lassen. Er hat beschlossen: "Für das Unternehmen Champagner arbeite ich nicht mehr."

Und das geht so. In absehbarer Zeit will er Bayerns Ex-Ministerpräsidenten Edmund Stoiber zu sich in sein Restaurant "Zander" am Kollwitzmarkt einladen. Der CSU-Mann ist ja derzeit als Ausmister der europäischen Bürrokratie in Brüssel emsig aktiv. Im "Zander", so Gastronom Albrecht, könne er sich darüber informieren, wie die EU-Bürokraten unternehmerisches nationales Tun behindern.

Winzersekt statt Champagner

Für die Bewirtung der Stoibers ist gesorgt. Er könnte sich eine Original Berliner Currywurst bestellen. Mit selbst gemachtem Ketchup und Schrippe (für Bayern: Brötchen). Kostet 2,50 Euro. Er könnte sich auch an ein Berliner Yuppie-Menü wagen: Dabei gibt es für 15 Euro eine Currywurst mit 22 Karat Blattgold, mit Trüffel-Pommes, Krautsalat nach Omas Rezept - und ein Glas ... Nein, nein. Kein Schampus. Der ist höchstrichterlich verboten. Es wird der Winzersekt "Katharina" Blanc de Noir Brut serviert.

Albrecht, der am Marktstand wie im Restaurant keine Kompromisse duldet: "Wir haben festgestellt, dass unsere besten Winzersekte sich nicht hinter den sprudelnden Schaumweinen unseres Nachbarn verstecken müssen. Und er verspricht, bei Stoibers Besuch auch auf einen bayerischen Schampus-Skandal hinzuweisen: Auf dem Münchner Viktualienmarkt ist "Weißwurst mit Schampus" nach vier Wochen und hinreißendem Absatz schnöde verboten worden.

  • Hans Peter Schütz