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Berlin vertraulich!: "Lumpi", der Schampus und Andrea Ypsilanti

Der SPD-Mann suchte im Bundestag seinen "Superzwergzuchtmäusebock", hielt ein Huhn im Büro und liebte es auch rhetorisch deftig. Jetzt feiert der Ex-Parlamentarier Hans Lemp seinen 80. Geburtstag sowie die Tatsache, dass er einer der wenigen Profiteure des Ypsilanti-Desasters ist.

Von Hans Peter Schütz

Einfallslose Parteistrategen wie profillose Politiker kommen in Berlin schon lange nicht mehr ohne Event-Agenturen ins Gespräch. Im fernen Vechta, einem der schwärzesten Wahlkreise der Republik (CDU-Stimmenanteil 1969: 73,1 Prozent) feiert diese Woche ein Polit-Pensionär seinen 80.Geburtstag, der über die Einfallslosigkeit der heutigen politischen Akteure nur den Kopf schütteln dürfte: Der Sozialdemokrat Hans Lemp, gerufen "Lumpi. Denn der pflegte sich mit den Worten vorzustellen "Lemp wie Lump, nur mit e." Mit einem vom Sozi Lumpi - von 1967 bis 1980 war er Mitglied des Bundestags - geschriebenen Werk setzt der Wissenschaftliche Dienst des Parlaments 2009 seine Serie mit Erinnerungsbüchern ehemaliger Abgeordneter fort.

Die Lektüre dürfte lohnen in einer Zeit, in der Volksvertreter fast ausnahmslos glatt gebügelt und modisch geföhnt daher kommen. In Lemps Wahlprospekt stand zu lesen: "Viele Menschen, die ihn mögen, habe ihn Lumpi genannt, weil er kein Sitzfleisch hat und weil ihm immer etwa Neues einfällt." Er annoncierte im Foyer des Bonner Bundeshauses den Verlust seines "Superzwergzuchtmäusebocks Wotan", weil er auch mal in den "Spiegel" kommen wollte. Im sechsten Stock des Abgeordnetenhauses hielt er sich ein "Eggi" getauftes Huhn, um gegen die überzogenen Profitspannen der Eierproduzenten zu protestieren, die sich in seinem Wahlkreis Vechta drängelten. Dem damaligen Presseamtschef Conrad Ahlers schenkte er zum Geburtstag ein Hoyaer Landschwein, um dem vornehmen Hanseaten mehr Bodenhaftung zu vermitteln. Kanzler Helmut Schmidt verehrte er ein paar Holzschuhe, damit der die SPD-Linken, die ihn bekämpften, kräftig mal in denselben treten könne. Carlo Schmid ließ er in Erdbeeren aufwiegen, um den Bauern seines Wahlkreises beim Absatz ihrer Früchte zu helfen. Seine Basisarbeit beschrieb Lemp mit dem Satz, er müsse die Menschen davon überzeugen, dass ein Sozi "keinen Pferdefuß und keine Hörn auf dem Kopf hat."

Parlamentsgeschichte schrieb er am 10. Dezember 1975, als er einen Zwischenrufer bei seiner Rede plattdeutsch mit dem Satz abbügelte "Holt dat Mul!" Der amtierende Bundestagspräsident Kai-Uwe von Hassel merkte an: "Holt dat Mul ist auf Plattdeutsch sicher keines Ordnungsrufes würdig. Auf Hochdeutsch würde ich einen erteilt haben." Zu literarisch höchsten Ehren hat Lemp es dank seines Wahlkampfhelfers Günther Grass gebracht. Der beschreibt im "Tagebuch einer Schnecke" eine Pinkelpause mit "Lumpi." Übrigens: Den vollen politischen Durchblick hat das Geburtstagskind bis heute: Er hat zwei Flaschen Schampus mit einer Wette gewonnen, in der er darauf setzte, dass die Hessin Andrea Ypsilanti mit ihrer Linkspartei-Strategie nicht durchkommen werde. Glückwunsch! Zum Geburtstag natürlich.

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Zum "Politiker des Jahres" hat das Fachmagazin "Politik und Kommunikation" Bundesfinanzminister Peer Steinbrück gekürt. Für die Laudatio auf den Genossen ließ sich CDU-Ministerpräsident Roland Koch gewinnen. Ein bisschen geseufzt hat der Hesse schon, als er jetzt in Berlin dazu antreten musste. Darauf eingelassen habe er sich schließlich, sagte er, als er quasi schon Polit-Rentner gewesen sei. Jetzt Steinbrück zu loben, sei mit einem größeren Risiko verbunden. Dann tat er es doch auf pfiffige Weise. "Der Bundesfinanzminister macht nicht die schlechteste Figur - natürlich unter der Leitung der Bundeskanzlerin." Und wenn es ihn nicht gäbe, auch das ein indirektes Kompliment, hätte die CDU noch mehr Stimmen. Aber es helfe alles nichts: Natürlich sei Steinbrück ein "Sozialist", stichelte Koch. "Aber es macht Spaß, mit ihm zu arbeiten." Er sei sicher, dass dieser Sozialist ihn nicht reinlege. Steinbrücks Antwort: "Das liegt an meiner Phantasielosigkeit." In einem Punkt waren sich Koch und Steinbrück auch jenseits der Finanzkrise ebenfalls einig: "Deppen und Schlauberger sind nicht einseitig auf die Parteien verteilt. Das folgt der normalen Verteilung in der Bevölkerung."

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Seit die CDU auf ihrem Parteitag beschlossen hat, die deutsche Sprache müsse im Grundgesetz als Amtssprache verankert werden, steht das politische Berlin vor schweren Problemen. CSU-Landesgruppenchef Peter Ramsauer hat wie immer eine CDU-ferne Position bezogen: "Der Freistaat Bayern hat das Grundgesetz ja bis heute nicht anerkannt." Deshalb berühre die Frage auch die CSU nicht. Die Linkspartei wiederum überholt die CDU rechts. Denn für sie fordert Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau, es müsse ein neuer Artikel 22, Absatz 4 in die Verfassung. Darin müsse stehen: "Das Wetter in der Bundesrepublik ist deutsch, wo es auch herkommt." Bundestagspräsident Norbert Lammert, der massiv hinter der Deutsch-Forderung im Grundgesetz steht, soll über die Kollegin seither ziemlich sauer sein.

  • Hans Peter Schütz