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Hochwasserkatastrophe in Deutschland Arbeit als Reporterin im Flutgebiet: "Wir sind keine Psychologen, keine Notfallseelsorger, keine Helfer"

Anwohner und Ladeninhaber versuchen, ihre Häuser vom Schlamm zu befreien
Ahrweiler: Anwohner und Ladeninhaber versuchen, ihre Häuser vom Schlamm zu befreien und unbrauchbares Mobiliar nach draußen zu bringen. stern-Reporterin Ingrid Eißele (kleines Foto) berichtet über die Arbeit als Journalistin im Katastrophengebiet.
© Thomas Frey / DPA
stern-Korrespondentin Ingrid Eißele berichtet über ihren Einsatz in den Flutgebieten, wie sie die Situation erlebte sowie die Arbeitsbedingungen und die Rolle der Journalist:innen vor Ort. 
Wie viele Reporter:innen waren für den stern in den vom Hochwasser betroffenen Gebieten unterwegs?

Vor Ort, in Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen, aber auch Bayern und Sachsen recherchierten rund ein Dutzend Reporterinnen, Reporter und Fotografen für den stern. Hinzu kamen Kolleginnen und Kollegen, die vom Büro aus zulieferten und zwei Kollegen, die aus den Vor-Ort-Berichten die großen Stücke für Print zusammenfügten. Insgesamt entstanden aus den Recherchen zwei Titelgeschichten fürs Heft, mehrere Beiträge für die Digitalkanäle, außerdem eine große Chronologie der Ereignisse und Helferportraits des Sonderhefts "Die Flut – Chronik einer angekündigten Katastrophe", das jetzt im Handel ist.

 Wo waren Sie, und wie haben Sie die Situation und die Stimmung vor Ort erlebt?

In der ersten Woche recherchierte ich in Sinzig und Remagen, in der zweiten in Ahrweiler. Schon die Annäherung an die Katastrophenregion längs der Ahr hatte etwas Surreales, noch am Freitag hing eine grau-gelbliche Dunstglocke über der Autobahn A 61 und ließ die Landschaft seltsam entrückt erscheinen, als überschritte man die Grenze zwischen Realität und Alptraum. Dieser Eindruck wurde in den folgenden Stunden und Tagen verstärkt. Wenn wir Reporter es schon nicht fassen konnten, wie unfassbar musste das Ausmaß der Zerstörung erst für die Betroffenen sein. Die Stimmung schwankte in den ersten Tagen zwischen Fassungslosigkeit und Verzweiflung, auch bei jenen, die Funktionsträger waren und Sicherheit geben sollten. Ein Bürgermeister, der meinen Kollegen Frank Brunner durch seinen zerstörten Ort führte, brach immer wieder in Tränen aus. Ein Feuerwehrchef, der seinen Freund und Feuerwehrkameraden verloren hatte, begann im Gespräch zu weinen. 

Wie haben Sie die Verfassung der Betroffenen wahrgenommen?

Viele unserer Gesprächspartner funktionierten dennoch auf erstaunliche Weise. Der Zusammenbruch gewohnter Strukturen setzte sie unter Dauerstrom. Für jede Katastrophenart gibt es Szenarien, Handreichungen, Einsatzpläne. Doch auf diese Dimension schien keiner vorbereitet. Beeindruckend war aber, wie schnell Hilfe von außen kam, und wie schnell sich die Menschen vor Ort gegenseitig halfen. Auch diese Solidarität hatte etwas Überwältigendes, und erfreulicherweise wurde die nachbarschaftliche Hilfe in den folgenden Tagen immer größer. Man half jenen, die es am meisten getroffen hatte. Diese Hilfsbereitschaft wirkte wie ein psychologischer Damm gegen die Ohnmacht. Es war eine ganz andere Stimmung als jene, die man beispielsweise nach Terroranschlägen oder Amokläufen erlebt. Hier waren nicht einzelne Menschen die Verursacher, sondern die Natur, in gewissem Sinne also wir alle. Das hat einen entscheidenden Unterschied gemacht.

Wie lange waren Sie dort unterwegs, wie waren Sie untergebracht? Sind Sie abends in ein Hotel eingekehrt, wie war das?

In der ersten Woche drei Tage, in der zweiten Wochen fünf Tage. Ursprünglich wollten wir in einem Hotel in Bad Neuenahr übernachten. Doch erst vor Ort zeigte sich, dass es zerstört war. Es hatte – wohl automatisiert – Stunden zuvor noch eine Buchungsbestätigung geschickt. Eine Unterkunft fanden wir kurzfristig am späten Abend noch in Remagen, das vom Hochwasser verschont geblieben war. Es liegt nur wenige Kilometer von Sinzig entfernt, aber wir brauchten mehr als anderthalb Stunden für die Fahrt dorthin. Das Wichtigste: Es gab dort Strom, um unsere Mobiltelefone aufzuladen. In den Folgetagen zogen wir nach Bonn, der besseren Infrastruktur wegen.“

Wie bereitet man sich als Journalist:in auf so einen Einsatz vor?

Natürlich packt man Laptop, Ladegeräte, Regenjacke und Gummistiefel ein, aber wirklich auf diese Dimension vorbereiten konnte man sich nicht, sie war für keinen einschätzbar. Vor Ort waren wir zeitweise von den Nachrichten abgeschnitten, da half nur Improvisieren. Am Freitagnachmittag beispielsweise fragte ich Helfer in Sinzig, wo wir eine Steckdose finden. "Danach suchen wir alle", sagten sie. Eine ältere Dame sagte: "Kommen Sie mit!" und lud uns in ihr Haus ein, das ein paar Straßen entfernt vom Überflutungsgebiet stand. Es war, wie viele Häuser in höheren Zonen, heil geblieben und gehörte zu den Straßen, die schon wieder eine Stromversorgung hatten. Wir durften unsere Handys aufladen, währenddessen versorgte sie uns mit Wasser und erzählte uns, wie sie die Nacht erlebt hatte. Zum Glück hatten wir eine Kollegin im Back Office, die uns beispielsweise lotste, wenn Strecken nicht mehr befahrbar waren, auch der Austausch mit den Kollegen in den anderen Bundesländern und der Redaktion in Hamburg funktionierte via Whatsapp-Gruppe sehr gut.

Die Menschen in den Katastrophengebieten stehen zum Teil vor den Trümmern ihrer Existenzen. Wie gehen Sie auf diese Menschen zu, um mit ihnen für den stern über das Erlebte zu sprechen, gibt es da eine Hemmschwelle?

Ja, denn von anderen Katastrophen – vor allem nach Terroranschlägen oder Amokläufen – wissen wir, wie kritisch die Stunden und Tage danach sind. Dass die Menschen noch unter Schock stehen, sie eigentlich eine gewisse Zeit brauchen, um den Schock zu verarbeiten. Wir wollen mit Menschen in Extremsituationen in Kontakt kommen, denen binnen weniger Stunden jede Sicherheit weggerissen worden war. Wir sind keine Psychologen, keine Notfallseelsorger, keine Helfer – also ehrlicherweise aus Sicht der Betroffenen ziemlich überflüssig. Dennoch sprachen nahezu alle mit uns, die wir um ein Gespräch baten. Das hat gewiss auch damit zu tun, dass sie sich das Erlebte von der Seele reden wollten, aber es ist auch ein Vertrauensbeweis, der uns auch über die Recherche hinaus in die Verantwortung nimmt. Es hilft, wenn man sich manchmal selbst fragt: Wäre ich selbst betroffen, was würde ich ertragen können? Klar, wir müssen unseren Job machen, dazu brauchen wir viele Informationen. Aber wir tragen zugleich Verantwortung, und das heißt, Gesprächspartnern keinen Schaden zuzufügen. Enorm wichtig waren dabei: Zeit, Ruhe und Geduld. Auch die Geduld der stern-Kolleginnen und Kollegen in Hamburg, die um den Faktor Zeit wissen und die auf ihre Leute vor Ort vertrauen. Auf manche Gesprächspartnerinnen und -partner mussten wir einige Tage warten, bis sie Zeit und Ruhe fanden.  

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 Fällt es da auch mal schwer, die neutrale Beobachterrolle beizubehalten? Hatten Sie vielleicht den Impuls, den Notizblock zur Seite zu legen und mit anzupacken?

Natürlich sind wir in erster Linie Beobachter. Aber was sollte uns hindern, bei einer derartigen Katastrophe, wo alle Welt hilft, auch selbst mal ein paar Stunden mit anzupacken?

In den betroffenen Regionen gab es z.T. weder Strom noch Internet. Wie haben Sie ihre Beiträge produziert bzw. übermittelt?

Wir fuhren jeden Abend raus aus dem Katastrophengebiet, damit wir unser Material versenden konnten. Frank Brunner, der noch am ersten Tag eine Geschichte für stern Digital aus der Gemeinde Schuld schrieb, fand in der Umgebung einige höher gelegene Waldparkplätze, an denen es Handyempfang gab. Sie waren nicht schwer zu finden: "Auf diesen Parkplätzen standen immer einige Autos mit Menschen drin, die alle auf ihren Handys rumgetippt haben."

rw

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