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Axel-Springer-Chef Warum Mathias Döpfner zurücktreten sollte

Mathias Döpfner
Springer-Chef Mathias Döpfner steht seit einer geleakten SMS unter Druck
© Britta Pedersen / DPA
Was muss noch passieren, damit ein CEO wie Mathias Döpfner seinen Rücktritt anbietet? Mitwisserschaft von Machtmissbrauch und fehlgeleiteter Unternehmenskultur, Querdenkerlyrik und Verharmlosung der Umstände – für stern-Chefredakteur Florian Gless ist klar: Es braucht jetzt eine Veränderung.

"Um […] mal etwas Stimmung in unseren Austausch zu bringen: Lies mal JR [Julian Reichelt] Kommentar heute. Das ist nur ein aktuelles Beispiel warum wir besonders genau vorgehen müssen. Er ist halt wirklich der letzte und einzige Journalist in Deutschland der noch mutig gegen [den] neuen DDR Obrigkeits Staat aufbegehrt. Fast alle anderen sind zu Propaganda Assistenten geworden. Da macht sich einer jeden Tag viele mächtige Feinde. Und wir müssen sehr genau unterscheiden woher die Gegnerschaft kommt."

Dieses Zitat stammt aus einem Kurznachrichten-Chat zwischen Mathias Döpfner und Benjamin von Stuckrad-Barre. Der erste ist der Vorstandsvorsitzende des Axel Springer Verlags, der andere ein bekannter Autor. Die beiden waren – offensichtlich sind sie es nicht mehr – mal befreundet. In einem großen Artikel über den Springer-Verlag hat die New York Times am Wochenende aus dieser Nachricht zitiert, und zwar den Satz mit dem "DDR-Obrigkeits-Staat". Seitdem ist Döpfner in Erklärungsnot.

Döpfner legt Wert darauf, dass es eine private Nachricht gewesen sei, kein öffentlicher Tweet oder Post. Die Veröffentlichung sei eine "Grenzüberschreitung".

Das sei ihm zugestanden. Personen des Zeitgeschehens und des öffentlichen Interesses – und dazu zählt Döpfner zweifellos – stehen stärker im Scheinwerferlicht als der normale Bürger. Und wenn sie selbst im Privatesten nicht mehr geschützt sind vor der Öffentlichkeit, wohin soll das führen?

Jeder bei BILD weiß, dass die Kultur rauer ist

Man kann fragen, was Stuckrad-Barre bewogen haben mag, diese Nachricht öffentlich zu machen. Denn nur von ihm kann sie stammen. Wie viel Enttäuschung oder Wut muss in ihm gebrodelt haben, um seinen ehemaligen Freund derart der Weltöffentlichkeit zum Fraß vorzuwerfen?

Döpfner versucht, die Bedeutung des Geschriebenen runterzureden, was bleibt ihm übrig? Es fehle völlig "der Kontext", "das Polemische", "die Ironie". Das sind rhetorische Stilmittel, scharfer verbaler Angriff und feiner Spott. Wenn er das ernst meint, will Döpfner sagen, dass er hier in einer großen Übertreibung über seinen BILD-Chef und die Bundesrepublik gesprochen habe.

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Aber was wäre dann der Sinn dieser Sätze? Was hätte der Springer-Chef tatsächlich sagen wollen über seinen Bild-Chef Julian Reichelt, "der letzte und einzige Journalist in Deutschland, der noch mutig gegen den DDR-Obrigkeitsstaat aufbegehrt"? Hahaha, was für eine Null? Was für ein Depp, der sich nicht traut, mal so richtig draufzuhauen?

Beides ergibt keinen Sinn. Denn eins kann man Julian Reichelt nicht vorwerfen: Dass er nicht immer wieder, auch irrlichternd, lautstark gegen die Politik der Regierung angeschrieben hat. Vor allem aber passt es nicht, weil sich Döpfner zu sehr vor Reichelt gestellt hat, als der im Frühjahr Gegenstand einer groß angelegten Untersuchung war. Es ging um den Missbrauch von Macht, um – jedenfalls laut Döpfner einvernehmliche – Liebesbeziehungen mit Kolleginnen, um Beförderungen von Geliebten. Vorwürfe, für die zurecht auch Döpfner die Unschuldsvermutung gelten lässt. Die aber kann nur in Bezug auf Reichelt gelten, nicht in Bezug auf ein System BILD, von dem jeder, der dort arbeitet oder je gearbeitet hat, weiß, dass die Kultur rauer und das Miteinander "eigen" ist.

Niemals hätte sich Döpfner über Reichelt belustigt

Wer die Amazon Prime Doku über das Boulevardblatt anschaut, erkennt sofort, dass Wertschätzung und Respekt nicht zum Alltag gehören in diesem männerdominierten System. Schon ein Vorgänger von Reichelt musste sich einem Ermittlungsverfahren wegen Vergewaltigung stellen. Das wurde eingestellt, der Mann verließ zeitnah das Unternehmen. Die Fülle der aktuell bekannt gewordenen Vorwürfe ist nicht mehr wegzuleugnen mit dem Verweis auf die Phantasie enttäuschter Liebhaberinnen. Das Bild, das sich aus den veröffentlichten Vorwürfen ergibt, ist zu klar. Es mag nicht für eine Strafverfolgung reichen. Aber ist ein so hochemotionales System, gefüttert aus Leidenschaft, bestimmt auch Zuneigung, aber eben auch Enttäuschung, Verbitterung, Neid und Angst, erst zu verurteilen, wenn es dem Deliktkatalog des Strafgesetzbuches entspricht?

Nein. Döpfner hat spätestens aus den Untersuchungsakten der Kanzlei Freshfields gewusst, wie es in der BILD-Redaktion zugeht. Wie Julian Reichelt dort herrscht: #metoo hoch zwei. Der Vorstandsvorsitzende hat ihn ermahnt, ihm Verantwortung entzogen und eine Frau ebenbürtig in die Chefredaktion gesetzt. Aber er hat Reichelt eine zweite Chance gegeben. Niemals hätte er sich ironisch oder polemisch über seinen Lieblings-Chefredakteur geäußert.

Und das ist nur der Aspekt Reichelt in der veröffentlichten Nachricht. Der andere ist mindestens genauso fragwürdig. "Fast alle anderen" Journalisten in Deutschland seien "zu Propaganda Assistenten" geworden, die eben nicht gegen den "neuen DDR Obrigkeits Staat" aufbegehren. Hier spricht nicht nur der feingeistige Verlagschef und Präsident des Bundesverbandes der deutschen Zeitungsverleger (BDZV), also der mächtigste Verleger des Landes. Hier verfällt der CEO eines der größten deutschen Medienkonzerne der Querdenker-Lyrik.

Springer-Chef hat sich selbst entlarvt

Polemik? Ironie? Zum einen entspricht dieses Denken haargenau der Haltung, die die BILD-Zeitung über weite Strecken während der Pandemie bedient und veröffentlicht hat. Ganz unironisch. Zum anderen ist der Vorwurf, "fast alle anderen" Journalisten seien die Lohnschreiber der demokratisch legitimierten Bundesregierung auch polemisch einfach absurd, erst recht aus dem Mund des BDZV-Präsidenten. Er schreibt von "Feinden" und von "Gegnerschaft", sieht die Gesellschaft in Lager unterteilt, die in seiner Perspektive gut und böse sind. Nur Reichelt (und man kann vermuten: mit ihm die BILD-Redaktion) stehen für Döpfner auf der guten Seite. Hier entzieht einer der obersten Lobbyisten der Presse- und Meinungsfreiheit seinen Kolleginnen und Kollegen, den Journalisten in den Verlagen, das Vertrauen. Privat oder nicht, polemisch, ironisch – spielt das noch eine Rolle?

Mathias Döpfner ist unter Druck. In dieser Woche übernimmt sein Verlag "Politico", eins der wichtigsten Portale für Online-Journalismus in den USA. 40 Prozent seines Verlages gehören dem US-Investor KKR. Dass dort, in den Vereinigten Staaten, gerade jetzt die kritische Geschichte in der New York Times erschienen ist, kann kein Zufall sein. Den Amerikanern kann das Herumgeeiere um die Zustände in der BILD-Redaktion nicht gefallen. Das veröffentlichte Zitat des Verlagschefs passt leider nur zu gut in das Bild einer Männertruppe, die sich allmächtig glaubt, mächtiger sogar als die staatlichen Instanzen, die sie als "DDR-Obrigkeitsstaat" abtun. Es mag der Ekel vor dieser Haltung gewesen sein, der Stuckrad-Barre bewogen haben mag.

Das alles wiegt umso schwerer, als Döpfner sich stets als feingliedriger Intellektueller gibt. Einer, dem es stets um das Gelingen von Demokratie geht, der sich für die Bedeutung der Kultur einsetzt und dem die Freundschaft mit Israel ein  wichtiges Anliegen ist. Doch durch sein Verhalten in der BILD-Affäre und diese Nachricht an seinen Freund ist er entlarvt. Mathias Döpfner sollte von allen Posten und Ämtern zurücktreten.


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