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Geschasster "Bild"-Chef Reaktionen zum Fall Reichelt: "Der Kapitän lässt den Mann über die Planke laufen und alle grölen vor Freude über das Spektakel"

Der ehemalige "Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt
Der Axel-Springer-Verlag hat "Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt (Foto) von seinen Aufgaben entbunden
© Norbert SCHMIDT/ / Picture Alliance
Nach neuen Medienberichten über Machtmissbrauch hat der Axel-Springer-Konzern den "Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt von seinen Aufgaben entbunden. Ist damit wieder alles im Lot? Mitnichten, meinen Kommentatoren.

Im Frühjahr kamen Vorwürfe gegen "Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt zu Machtmissbrauch auf. Reichelt bekam eine zweite Chance. Nach erneuten Vorwürfen zieht der Konzern nun einen Schlussstrich: Axel Springer hat Reichelt mit sofortiger Wirkung von seinen Aufgaben entbunden (der stern berichtete), wie das Unternehmen am Montag mitteilte.

Reichelt verlässt den Medienkonzern und damit auch Deutschlands größte und auflagenstärkste Boulevardzeitung. Ist damit wieder alles im Lot? Mitnichten, meinen Kommentatoren. Der Aufklärungsbedarf sei groß, nicht zuletzt Springer-Chef Mathias Döpfner werde sich noch viele Fragen stellen müssen. Die Pressestimmen. 

Springer-Konzern schasst "Bild"-Chef – das Medienecho

"Der Tagesspiegel": "Axel Springer SE verliert und gewinnt mit der Trennung von Julian Reichelt. Der Ex-Chefredakteur konnte und lebte Boulevard (bis zur Maßlosigkeit). Aber mit dem Rauswurf erledigt sich ein Problem, das dem gesamten Medienkonzern und seiner Zukunft hätte gefährlich werden können. Die MeToo-Vorwürfe gegen Reichelt haben das Potenzial, die Expansion in den USA ins Stolpern zu bringen. (...) Ganz schlecht für Geschäft und Investment. Mathias Döpfner hat entsprechend gehandelt, damit mit der drohenden Niederlage nicht ein veritabler Verlust einhergeht. Und Julian Reichelt verlässt seine Lebensaufgabe Springer als machtloser, wohlhabender Mann."

"Süddeutsche Zeitung": "Im Hause 'Bild' selbst formulierten einige Kollegen teils vor laufender Livekamera Sätze des Bedauerns, die klangen, als sei der Chef soeben gestorben. In Summe wirkte das alles wie das Ende eines Schurkenfilms. Dabei ist ein Ende zunächst nur für Julian Reichelt im Amt des Chefredakteurs erreicht. (...) Diese Frage aber bleibt: Warum hat er so lange an Reichelt festgehalten? Döpfners Rolle in der Affäre Reichelt wie auch seine Eignung als Präsident des Bundesverbandes Digitalpublisher und Zeitungsverleger werden sehr genau zu prüfen sein."

"Meedia": "Mathias Döpfner hätte sich bei den von Reichelts Machtspielchen betroffenen Frauen öffentlich entschuldigen sollen. Personelle Konsequenzen wären schon nach der ersten internen Untersuchung fällig gewesen und nicht erst jetzt, da der Druck, mutmaßlich aus den USA, wegen einer Veröffentlichung in der 'New York Times', zu groß wurde. Dass im Zuge des ganzen Schlamassels auch noch ein verstörendes Zitat Döpfners aus einer Text-Nachricht an Benjamin von Stuckrad-Barre bekannt wurde, kommt zu alledem hinzu. (...) Was sich hier abspielt, ist einigermaßen atemberaubend. Der Fall Julian Reichelt war nur die Spitze des Eisbergs."

"DWDL": "Nein, es sind nicht die persönlichen Verfehlungen des Julian Reichelt, die ein Thema für den deutschen Medienjournalismus sind, weil es hier um ein juristisches Thema geht. Machtmissbrauch ist kein Kavaliersdelikt und ein Problem leider auch in anderen Branchen. Das berichtete Fehlverhalten ist untragbar. Bei den zweifelhaften Aussagen des Vorstandsvorsitzenden Mathias Döpfner wiederum besteht Anlass zur Sorge, dass diese einmal mehr ignoriert werden. Der Kapitän lässt den für ihn wichtigsten Mann über die Planke laufen und alle grölen vor Freude über das Spektakel. Dabei sollte man nicht vergessen, wer auf dem Schiff das Sagen hat."

Bayerischer Rundfunk(BR): "Neben der NYT hatte auch das Investigationsteam des Ippen-Verlags (...) in der Sache recherchiert und wollte eigentlich am Sonntag seine Ergebnisse veröffentlichen – noch vor der NYT. (...) Denen wurde per Mail und mündlich mitgeteilt, dass ihnen eine für 'Sonntag, 17. Oktober 2021 geplante Berichterstattung über Machtmissbrauch gegen Frauen und weitere Missstände bei Axel Springer SE und insbesondere die Person Julian Reichelt, BILD Chefredakteur' untersagt wird. (...) Es wäre ein Scoop gewesen, ein Beweis dafür, wie wichtig solche Investigativ-Reporter sind. Diese Chance hat der Ippen-Verlag verspielt – es war der Spiegel, der die Ergebnisse der Ippen-Kollegen veröffentlichte. Es bleibt die Hoffnung, dass Verleger daraus eine Lehre ziehen und ihren Investigativteams den Rücken stärken. Gerade und vor allem, wenn die Skandale die Medienbranche selbst betreffen."

fs DPA

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