Jahrestag KZ-Überlebende erinnern an Befreiung


An den früheren Konzentrationslagern Bergen-Belsen, Ravensbrück und Sachsenhausen haben am Sonntag hunderte Überlebende ihrer Befreiung vor 65 Jahren gedacht.

Eva Bäckerova sitzt auf einer Bank in der Sonne. Im Rücken der zierlichen 69-Jährigen ragt eine Mauer in die Höhe - dahinter erstreckt sich die weite Fläche des ehemaligen Konzentrationslagers Ravensbrück. Gemeinsam mit gut hundert anderen Überlebenden kam Bäckerova am Wochenende an den Schreckensort zurück, um an die Befreiung der KZ-Häftlinge durch die Rote Armee vor 65 Jahren zu erinnern. Noch heute können Besucher der Mahn- und Gedenkstätte das frühere Krematorium, den einstigen Appellplatz und die Standorte der Baracken sehen. Eva Bäckerova aus der Slowakei erlebte das Grauen als Kind in Ravensbrück.

"Es war kalt, ich hatte immer Hunger", erinnerte sie sich. "Ich war aber zu klein, um das alles zu begreifen." Mit ihrer Mutter und ihrer Schwester wurde sie von den Nationalsozialisten in das Frauen- KZ gesperrt. "Ich habe immer gezittert, dass meine Mutter von der Arbeit wiederkommt." Ihre Aufgabe sei es gewesen, währenddessen auf die jüngere Schwester aufzupassen. 1945 erlebte Eva Bäckerova als knapp Fünfjährige mit ihrer Mutter die Befreiung im Lager Bergen- Belsen. Die jüngere Schwester hatte die Strapazen bereits in Ravensbrück nicht überlebt: Sie starb im Alter von nur drei Jahren.

Laut Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten erinnerten am Sonntag rund 1500 Menschen an die Befreiung der Häftlinge vom April 1945. An der zentralen Veranstaltung nahmen Überlebende aus Europa, USA und Weißrussland teil. Wegen des Vulkanausbruchs auf Island konnten etwa 60 Überlebende und deren Begleiter - vor allem aus Israel - ihre Flüge zu den Veranstaltungen in den Gedenkstätten Ravensbrück und Sachsenhausen nicht nehmen und mussten fernbleiben, wie ein Sprecher der Stiftung mit großem Bedauern sagte.

Nach Sachsenhausen geschafft hatte es der Norweger Kjell Baarlid. Der heute 87-Jährige war als Widerständler gegen das Nazi-Regime zweieinhalb Jahre im Lager Sachsenhausen inhaftiert. Baarlid sagte, er sei schon 77 Mal in der heutigen Gedenkstätte gewesen, unter anderem, um dort Schulklassen zu begleiten. Dass das Gedenken an die Nazi-Verbrechen nach dem Tod der jetzt oft hochbetagten Zeitzeugen verblassen könnte, denkt er nicht. "Eher umgekehrt", meinte Baarlid angesichts vieler junger Menschen, die sich am Sonntag in Sachsenhausen aufhielten.

Auch Willi Telling aus den Niederlanden setzt ihre Hoffnung auf die junge Generation. Ihr Bruder Joop, der im Jahr 2000 im Alter von 80 Jahren starb, war in Sachsenhausen eingesperrt. Die im Rollstuhl sitzende Telling sagte, sie komme jedes Jahr mit ihrem Ehemann in die Gedenkstätte.

Eva Bäckerova sagte, dass sie das erste Mal Ende der 1990er Jahre wieder in Ravensbrück gewesen sei. Davor habe sie kaum über ihre Zeit als Kind im Lager gesprochen. "Ich wollte ein normales Leben führen." Mittlerweile ist sie Vizepräsidentin des Internationalen Ravensbrück- Komitees, das die Erinnerung an die Nazi-Verbrechen wach halten will. "Heute habe ich keine Probleme. Ich fühle mich jetzt frei."

Für viele der Überlebenden des Konzentrationslagers Bergen-Belsen ist es eine letzte Reise an den Ort, an dem sie die wohl schrecklichste Zeit ihres Lebens verbrachten. "Es ist kaum zu glauben, dass seit unserer Befreiung bereits 65 Jahre vergangen sind", sagte der Präsident des Weltverbandes der Bergen-Belsen- Überlebenden, Sam Bloch am Sonntag.

"Unsere offenen Narben sind kaum zu heilen", meinte er, nachdem er mühsamen Schrittes das Rednerpult erreicht hat. Knapp 200 Schicksalsgenossen waren wie er nach Bergen-Belsen gekommen - viele begleitet von Kindern oder Enkelkindern.

"Das Lager war die Hölle auf Erden, ein Ort der Hoffnungslosigkeit", sagte Kulturstaatsminister Bernd Neumann. "Bergen-Belsen ist ein Ort deutscher Schuld, aber es hat lange gedauert, bis das Land sich die Schuld eingestanden hat."

Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) erinnerte an die dramatische Lage in dem KZ unmittelbar vor der Befreiung. "Nur die Überlebenden wissen, welchen Unterschied vor 65 Jahren ein Tag, ein paar Stunden, oft genug Minuten vor und nach der Befreiung ausmachten." Das von den britischen Befreiern eilends herbeigeschaffte Wasser und Essen konnte vielen nicht mehr helfen - 14 000 starben an Entkräftung bald nach der Befreiung.

Im Konzentrationslager Bergen-Belsen wurden während des Zweiten Weltkriegs rund 120 000 Menschen interniert. Mindestens 52 000 von ihnen starben während der Haft, darunter auch Anne Frank, deren Schicksal durch ihre Tagebücher weltbekannt wurde. Seit 1952 ist auf dem Gelände eine Gedenkstätte eingerichtet.

Leticia Witte, Haiko Prengel und Michael Evers, DPA DPA

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