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Umfrage Klimawandel größte Sorge von jungen Menschen – aber viele wollen dafür nicht grün leben

"Der Planet stirbt" steht auf einem Transparent bei einer Demonstration von "Fridays for Future" zum Klimastreik
Tausende junge Menschen gehen für den Klimaschutz auf die Straße. Eine Umfrage zeigt jedoch, dass viele sich dafür nicht zu sehr einschränken wollen. (Archivfoto)
© Martin Schutt / DPA
Immer wieder demonstrieren Tausende junge Menschen für mehr Klimaschutz. Doch im Alltag dafür auf etwas verzichten wollen viele nach einer Umfrage nicht. Die Jungen sind damit aber nicht allein.

Grün reden, aber nicht so grün leben? Viele junge Menschen wollen trotz Klima-Protesten auf ihren gewohnten Komfort nicht verzichten. Das jedenfalls legt das eine Umfrage nahe. Der Klimawandel macht demnach zwar vielen jungen Menschen in Deutschland Sorgen. Auf das Fliegen, Fleischessen und Autofahren beispielsweise will eine Mehrheit aber dennoch nicht verzichten.

"Die Gewohnheiten und der Wunsch nach Komfort sind zu groß", sagt der Jugendforscher Klaus Hurrelmann. Der mentale Durchbruch zum klimabewussten Leben stehe auch in der jungen Generation noch aus.

"Die Vorstellung, die wir Älteren haben: Dass sich fast nur vegan und vegetarisch in der jungen Generation ernährt wird und das Auto nicht mehr benutzt wird" – ja, diese Gruppe gebe es, sagt Hurrelmann. "Umso überraschender war es für mich zu sehen, dass sie eine Minderheitengruppe ist und es noch nicht geschafft hat, die Mehrheit auf ihre Seite zu ziehen."

Mehrheit kann sich Leben ohne Auto und tierische Produkte nicht vorstellen

In Zahlen stellt sich das in der Umfrage, die der Jugendforscher Simon Schnetzer am Montag präsentierte, so dar: Mit 56 Prozent sehen die meisten 14- bis 29-Jährigen im Klimawandel das wirtschaftlich-gesellschaftliche Thema, das ihnen Sorgen macht – mehr noch als die Zukunft des Rentensystems, steigende Preise oder eine drohende Spaltung der Gesellschaft.

Auf der anderen Seite: Zwar sagen 27 Prozent, sie seien bereit, konsequent auf Flugreisen zu verzichten – aber 39 Prozent lehnen das ab. Die übrigen 34 Prozent kreuzten unverbindlich "vielleicht" an.

Beim dauerhaften Verzicht auf das eigene Auto oder tierische Produkte sagt sogar mehr als die Hälfte "nein": Rund 60 Prozent der 14- bis 29-Jährigen sind nach wie vor regelmäßig privat mit einem Auto unterwegs. Mehr als 80 Prozent können sich ein Leben ohne Auto und ohne den Konsum tierischer Produkte nicht vorstellen. Am stärksten ausgeprägt sei das auf dem Land, wo es aber auch weniger Alternativen gebe, erklärte Schnetzer. Die Mehrheit der Befragten (56 Prozent) ernährt sich ohne Einschränkungen, allerdings erproben 44 Prozent auch alternative Ernährungsformen.

Problem: Komfortzone des Wohlfahrtsstaats

Auf deutlich mehr Zustimmung trifft die Vermeidung von Wegwerfprodukten aus Plastik – 65 Prozent unterstützen dies. Den Kauf von gebrauchter statt neuer Ware können sich 40 Prozent vorstellen, den Kauf von fairen Produkten oder biologisch hergestellten Lebensmitteln befürworten jeweils 36 Prozent.

"Der größte Gegenspieler von Veränderung ist die Komfortzone des Wohlfahrtstaats, in der sich die jüngere Generation nach dem Vorbild ihrer Eltern bequem eingerichtet hat", erklärte Hurrlemann, der Koautor der Studie. Unter diesen Umständen könne der von jungen Leuten mehrheitlich befürwortete Klimaschutz "nur mit klaren Regeln und Vorgaben durch die Politik gelingen".

Auch die ältere Generation tut sich schwer damit, sich für Klimaschutz einzuschränken. In Umfragen zeigen sich etwa viele bereit, auf kurze Flüge oder Autofahrten zu verzichten. Bis zum Beginn der Coronakrise hat das an der Realität aber auch bei den Älteren nicht viel geändert.

Bei Mülltrennung gehen Junge wie Alte meist problemlos mit. Doch Abstriche bei Essen, Urlaub und Verkehr sind schon schwerer hinzunehmen. Klimaschutz ja, aber mit möglichst geringen persönlichen Einschränkungen.

"Es geht um unsere Zukunft": Junge Klima-Politiker zeigen, wie internationale Zusammenarbeit geht

"Bereitschaft, Lebensstil zu verändern, ist latent da"

"Es ist auffällig, dass diejenigen in der jungen Generation, die sich für Veränderungen des Lebensstils einsetzen, sehr entschieden sind, sehr laut sind und auch deutlich wahrgenommen werden", sagte Hurrelmann. Er verwies auf das Beispiel Fridays for Future. Die internationale Bewegung bringt immer wieder Zehntausende auf die Straßen, um für mehr Klimaschutz zu demonstrieren.

Der Alltag folgt dem offenbar nur wenig. In Busse und Bahnen im Nahverkehr steigt man nicht häufiger als in das eigene Auto, wie die Umfrage ergab. Vegetarier und Veganer bilden auch unter jungen Leuten deutlich die Minderheit. Allerdings: Mit insgesamt rund 22 Prozent ist der Anteil mehr als doppelt so hoch wie in anderen Umfragen, die die Gesamtbevölkerung abbilden – ein Zeichen, dass sich möglicherweise doch etwas bewegt.

Viele wollen ihren Lebensstil "vielleicht" ändern. Für Hurrelmann ist das die spannendste Erkenntnis. "Die Bereitschaft der jungen Generation, ihren Lebensstil zu verändern, ist latent da." Viele warteten aber noch träge ab. Wer noch zu Hause wohne, könne oft auch nicht durchsetzen, welches Essen beispielsweise auf den Tisch komme.

Rente neben Klima auch ein wichtiges Thema für die Jugend

"Unter diesen Umständen kann der von jungen Leuten mehrheitlich befürwortete Klimaschutz nur mit klaren Regeln und Vorgaben durch die Politik gelingen", folgerte Hurrelmann. "Jetzt braucht es Ermutigung." Wichtig sei, dass diese auch von den Älteren komme.

Nicht nur das Klima beschäftigt die jungen Menschen: Knapp jeder Zweite (48 Prozent) sorgt sich um einen Zusammenbruch des Rentensystems. Im Vergleich zu früheren Befragungen hat dieses Thema damit einen höheren Stellenwert. Die in der vorangegangenen Erhebung im Sommer 2021 dominierende Spaltung der Gesellschaft treibt aktuell 44 Prozent um.

Wie die Studie weiter zeigt, lässt auch der Corona-Schock nur langsam nach. 40 Prozent der Befragten klagen aktuell immer noch über Beeinträchtigungen ihrer psychischen Befindlichkeit. Sie leiden unter einem Kontrollverlust bei der Alltagsgestaltung (37 Prozent), der Verschlechterung der persönlichen Beziehungen (29 Prozent) sowie der Bildungs- und Berufslaufbahn (20 Prozent). Für die Studie wurden vom 14. bis 22. Oktober 1014 junge Leute zwischen 14 und 29 Jahren befragt.

rw / Burkhard Fraune DPA AFP

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