Politiker erklären ja gerne mal die nächste Wahl zur wichtigsten aller Zeiten. Aber diese Landtagswahl ist wirklich etwas anders. Wenn die Menschen in Baden-Württemberg am 8. März ihre Stimme abgeben, endet eine politische Ära – und es beginnt etwas Ungewisses im Südwesten. Was die Abstimmung im Südwesten so speziell macht:
Kampf um Kretschmanns Erbe
Winfried Kretschmann tritt nicht mehr an. Das allein macht die Wahl historisch.Zum ersten Mal seit 15 Jahren steht sein Name nicht mehr auf dem Stimmzettel. Kretschmann verabschiedet sich mit 77 Jahren in den Ruhestand. Die beiden Anwärter auf seine Nachfolge, Cem Özdemir (Grüne) und Manuel Hagel (CDU), wollen sein Erbe antreten. Die Fußstapfen sind groß, zumindest wenn man das Ansehen Kretschmanns in Politik und Bevölkerung betrachtet. Sein Erbe werde bei der CDU in guten Händen sein, sagte Hagel schon vor langer Zeit. Es gehe nicht darum, Kretschmann zu kopieren, sondern zu kapieren, meint Özdemir.
Neues Wahlrecht
Erstmals dürfen in Baden-Württemberg 16- und 17-Jährige bei der Wahl mitstimmen. Zigtausende neue Wählerinnen und Wähler betreten damit die Bühne. Insgesamt gut 7,7 Millionen Wahlberechtigte dürfen im März ihre Stimme abgeben - so viele wie nie zuvor, so das Statistische Landesamt. Das Amt rechnet mit rund 650.000 Erstwahlberechtigten zwischen 16 und 22 Jahren - das entspricht 8,4 Prozent aller Wahlberechtigten. Wie sich der Zuwachs an jungen Wahlberechtigten auf das Ergebnis auswirkt, ist unklar.
Hinzu kommt ein reformiertes Wahlrecht, mit neuen Spielregeln für die Mandatsverteilung. Die Wählerinnen und Wähler haben nun zwei Stimmen, ähnlich wie bei der Bundestagswahl. Mit der Erststimme wird ein Wahlkreiskandidat oder eine Wahlkreiskandidatin direkt gewählt. Mit der Zweitstimme wird eine Partei gewählt. Diese stellt dafür eine Landesliste auf, über die Kandidatinnen und Kandidaten in den Landtag einziehen können.
Viel steht auf dem Spiel für die Grünen
Für die Grünen geht es um viel. Sie stellen bislang in Baden-Württemberg den einzigen Regierungschef. Damit könnte es bald vorbei sein. Seit dem Scheitern der Ampel kommt die Ökopartei nicht aus den Umfragetiefs. Und die Grünen müssen sich im Südwesten ohne Amtsinhaber-Bonus behaupten. Zwar ist Spitzenkandidat Cem Özdemir bekannt und beliebt. Allerdings entfaltet sein Wahlkampf bislang nicht das erhoffte Momentum. Die Grünen liegen in Umfragen bislang weit abgeschlagen hinter der Union.
Die Christdemokraten wiederum wittern ihre Chance: Jahrzehntelang regierten sie den Südwesten, bis sie 2011 von den Grünen entthront wurden. Nun hofft die Partei auf die Wiederherstellung der "natürlichen Ordnung" im Land.
FDP raus, Linke rein? Landtag wird durchgemischt
Die Zusammensetzung des Landtags dürfte sich ändern, zumindest wenn man Umfragen Glauben schenkt. Die Fünf-Prozent-Hürde bekommt diesmal eine besondere Bedeutung: Denn die FDP könnte erstmals in der Geschichte in ihrem Stammland aus dem Landtag fliegen, dem sie seit mehr als 70 Jahren angehört. FDP-Chef Hans-Ulrich Rülke spricht deshalb auch von der "Mutter aller Wahlen".
Die Linke wiederum, bislang in der außerparlamentarischen Versenkung, könnte erstmals überhaupt den Sprung ins Parlament in Baden-Württemberg schaffen. Die AfD dürfte stärkste Oppositionspartei werden - keiner will mit den Rechtspopulisten koalieren.
Wirtschaft unter Druck – Autoindustrie als Wahlkampfthema
Die Wirtschaftskrise verleiht der Wahl zusätzliche Brisanz. Baden-Württemberg ist ein industrielles Herz Deutschlands – und besonders abhängig von der Autoindustrie. Der tiefgreifende Strukturwandel schlägt hier unbarmherziger zu als in anderen Gegenden. Tausende Arbeitsplätze stehen zur Disposition, ganze Regionen blicken mit Sorge auf die Zukunft.
Entsprechend rückt Wirtschaftspolitik in den Mittelpunkt des Wahlkampfs: Es geht um Standortfragen, um Jobrettung, um Bürokratieabbau. Es gehe um "Wirtschaft, Wirtschaft, Wirtschaft", sagt etwa CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel, und tourt unermüdlich von einem Mittelständler zum nächsten. "Wir können Auto", sagt sein grüner Kontrahent Cem Özdemir - und kann sich auch mit einer Verschiebung des Verbrennerverbots anfreunden.
Auftakt zum Superwahljahr 2026
Nicht zuletzt kommt noch eine bundespolitische Strahlkraft hinzu. Die Landtagswahl in Baden-Württemberg ist die erste von fünf Landtagswahlen in einem dichten Superwahljahr 2026 – damit kann sie Signalwirkung entfalten, die weit über die Landesgrenzen hinausreicht. Die Strategen in den Parteizentralen in Berlin dürften genau hinschauen, was im Südwesten und den anderen Ländern passiert.
Niederlagen für die CDU könnten Kanzler Friedrich Merz und seine Koalition schwächen. CDU und SPD müssen um Ministerpräsidentenposten bangen. Die FDP könnte an Bedeutung verlieren. Von den Liberalen im Südwesten ist zu hören: Scheitern wir in Baden-Württemberg, scheitern wir überall. Die Linke und die AfD hingegen könnten erstarken. Es ist nicht ausgeschlossen, dass am Ende des Jahres erstmals die AfD einen Landesregierungschef stellt.