Schnee, Eis, Kälte - der diesjährige Winter macht mal wieder klar, wofür diese Jahreszeit früher immer stand. Die Schneefälle der vergangenen Wochen sorgten für Zugausfälle, Autounfälle und Absagen beim Schulunterricht. Doch im Vergleich zu den Ereignissen vor 20 Jahren ist das alles harmlos.
In den ersten Wochen des Jahres 2006 wurden große Teile Bayerns von einer Schneekatastrophe heimgesucht. Mehr als 20 Menschen starben, zahlreiche Gebäude stürzten unter der Schneelast ein, tausende Helfer kämpften im Februar in Zwiesel im Bayerischen Wald und den anderen betroffenen Orten gegen die Schneemassen an.
Solch einen Winter hat es seitdem in dieser Dimension nicht mehr gegeben. Werden wir im Zeitalter des Klimawandels nochmals diese Schneemengen erleben?
Ein Rück- und Ausblick:
Kurz nach dem Jahreswechsel nahm die Katastrophe ihren Lauf
Am Nachmittag des 2. Januars 2006 waren etwa 50 Menschen zum Schlittschuhlaufen in der Eishalle vom oberbayerischen Bad Reichenhall. Nach tagelangen Schneefällen lag Tonnenweise nasser Schnee auf dem Dach. Da weitere Niederschläge angekündigt waren, sollte die Halle um 16.00 Uhr geschlossen und das Dach geräumt werden - fünf Minuten vorher geschah die Katastrophe: Die Halle stürzte ein, zwölf Kinder und Jugendliche sowie drei Mütter starben.
Das Unglück wurde durch Pfusch am Bau und den insgesamt maroden Zustand der mehr als 30 Jahre alten Halle begünstigt. Der Dachkonstrukteur der Halle wurde später im Strafprozess zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, zwei andere Angeklagte freigesprochen.
Das weitere Unheil deutete sich über Wochen an
In den kommenden Wochen schneite es immer weiter. Nach dem Unglück mit 15 Toten in Bad Reichenhall begannen Gemeinden in ganz Bayern, ihre Schwimm- und Sporthallen zu überprüfen - manche Gebäude wurden vorsorglich gesperrt. Immer wieder gab es im Laufe des Januars Alarm, weil Gebäude die Schneelast nicht mehr tragen konnten. So kollabierte im niederbayerischen Tittling nahe Passau eine leerstehende Produktionshalle.
In Bernried nahe Deggendorf brach kurz darauf das Holzdach einer Reithalle zur Hälfte ein. Die Pferde wurden aus dem angrenzenden Stall ins Freie gebracht. Während die Reiter aus dem Stall noch die Sättel und andere Wertgegenstände holten, krachte auch die andere Hälfte der Halle in sich zusammen - verletzt wurde glücklicherweise niemand. Im oberbayerischen Kreis Traunstein brach wenige Stunden später eine weitere Reithalle in sich zusammen.
Das bayerische Innenministerium ermahnte Immobilieneigentümer, dass sie ihre Gebäude regelmäßig kontrollieren müssten. Bei hohen Schneelasten müssten die Verantwortlichen ihre Dächer rechtzeitig räumen lassen.
Die Schneefälle erreichen im Februar ihren Zenit
Anfang Februar wurde die Situation noch bedrohlicher. Bereits seit November hatte es regelmäßig geschneit, Tauperioden waren ausgeblieben, im Bayerwald gab es eine teils mehr als drei Meter hohe Schneedecke. Am 8. Februar rief zuerst der Landkreis Passau den Katastrophenfall aus, fünf weitere Kreise aus Niederbayern und der Oberpfalz sollten folgen.
Martin Bohmann kann sich noch gut an die damalige Schneechaos-Woche erinnern: "Da hat es jeden Tag große Mengen geschneit, die Schneelast auf den Dächern wurde immer mehr." Der Schulbus sei auch nicht mehr den Berg hinauf gekommen, sagt Bohmann, der damals 15 Jahre alt war und heute ein Netz von privaten Wetterstationen in der Region betreibt. "Ich war damals schon sehr wetterbegeistert", betont er. Auf seiner Internetseite beschreibt er die Ereignisse vor 20 Jahren.
Mehr als 1000 Wohnhäuser und andere Bauwerke galten in der Region akut einsturzgefährdet, ihre Dächer mussten dringend von der Last befreit werden. Die Bundeswehr beorderte Soldaten zum Schneeräumen, Feuerwehrkräfte auch aus anderen Bundesländern fuhren nach Ostbayern. Selbst Deutschlands größter Flughafen in Frankfurt am Main schickte Spezialfahrzeuge, die sonst die Start- und Landebahnen des Airports räumen, samt Personal in den Freistaat.
Trotzdem kam es immer wieder zu Dacheinstürzen und anderen Unfällen. Sechs Menschen starben in dieser Zeit, mehr als 50 wurden teilweise schwer verletzt. Oftmals waren die Opfer beim Schneeräumen auf den vereisten Dächern ausgerutscht und abgestürzt.
Letztlich gab es durch das Schneechaos nach Schätzungen allein in Bayern Sachschäden in Höhe von etwa 100 Millionen Euro, auch Nachbarregionen wie Österreich und Tschechien waren betroffen. Teils waren Menschen, die auf einsamen Weilern lebten, tagelang von der Außenwelt abgeschnitten.
Schlimme Tragödien, ein 20-Jähriger verhinderte Schlimmes
Während der dramatischen Tage gab es allerdings auch einen Einsturz mit gutem Ausgang: In einem Supermarkt im oberbayerischen Töging am Inn (Landkreis Altötting) hörte am 7. Februar 2006 ein Auszubildender ein Knacksen im Gebälk. Der damals 20-Jährige fackelte nicht lang, rannte sofort durch die Gänge und warnte die Kunden und seine Kollegen. Alle 13 Menschen konnten gerade noch das erst ein paar Jahre zuvor errichtete Gebäude verlassen.
"Kaum waren wir draußen, ist das Dach ganz runtergekommen", berichtete der Lebensretter später von der Situation. "Es war eine Sache von Sekunden." Für sein beherztes Eingreifen wurde der junge Mann wenige Monate danach mit der bayerischen Rettungsmedaille geehrt.
Wie waren die Winter in den zwei Jahrzehnten danach?
Bayerns Landesamt für Umwelt verweist darauf, dass es auch seitdem noch Winter mit großen Schneemengen und Katastrophenalarm gegeben habe. Zuletzt sei dies im Januar 2019 der Fall gewesen. Damals seien beispielsweise in den Landkreisen Bad Tölz-Wolfratshausen oder Traunstein Schneehöhen deutlich über der Metermarke gemessen worden, berichtet das Landesamt.
Damals waren etwa 300 Bewohner des Berchtesgadener Ortsteils Buchenhöhe tagelang von der Außenwelt abgeschnitten, Touristen konnten nicht nach Hause fahren. Hunderte Helfer von Feuerwehr, Technischem Hilfswerk (THW) und Bundeswehr kämpften vor sieben Jahren mit Schneeschaufeln wieder einmal dagegen an, dass Dächer in sich zusammenbrechen.
Droht solch ein Geschehen wieder einmal?
"Auch in Zeiten der Klimaerwärmung wird es weiterhin Schneefälle und auch schneebedingte Extremereignisse geben", sagt ein Sprecher des Umwelt-Landesamtes. Trotz des Klimawandels könnte es auch in Zukunft Winter mit großen Schneemassen wie vor 20 Jahren geben, betont auch Andreas Walter vom Deutschen Wetterdienst. Allerdings nehme die Wahrscheinlichkeit für einen solchen Winter deutlich ab.
Die Wintersportler und die Touristenregionen müssen sich laut Walter darauf einstellen, dass es künftig in den kalten Monaten deutlich weniger Schnee gibt. Nach seinen Angaben ist in Deutschland eine Verschiebung bei den Niederschlägen zu beobachten. Diese gebe es weniger im Sommer, mehr im Winter. "Allerdings fällt dieser Niederschlag dann - in Kombination mit den steigenden Temperaturen - in den Wintermonaten auch zusehends häufiger als Regen."