Bahnverkehr im Norden Bahnplanung bei Bergen: Gedenkstätte pocht auf Bedeutung

Für Planungen zur Bahnstrecke Hamburg-Hannover steht unter anderem der Bereich um Bergen-Belsen wegen der Gedenkstätte im Fokus.
Für Planungen zur Bahnstrecke Hamburg-Hannover steht unter anderem der Bereich um Bergen-Belsen wegen der Gedenkstätte im Fokus. (Archivbild) Foto
© Julian Stratenschulte/dpa
Zur Bahnstrecke Hamburg-Hannover stehen politische Entscheidungen an. Mit Blick auf den möglichen Verlauf hat die Gedenkstätte Bergen-Belsen eine klare Forderung an die Planer.

Für die Planung der Bahnstrecke zwischen Hannover und Hamburg pocht die Gedenkstätte Bergen-Belsen auf eine Berücksichtigung der historischen Verladerampe als wichtigen Gedenkort. "Wir vertrauen darauf, dass der Verkehrsausschuss des Bundestags sich der historischen Bedeutung des Ortes bewusst ist und diese bei seiner Entscheidung berücksichtigen wird", sagte die Leiterin der Gedenkstätte, Elke Gryglewski. 

Es könne nicht sein, dass pragmatische Gründe über die historische und internationale Bedeutung der Verladerampe von Bergen-Belsen gestellt werden, forderte Gryglewski. Andernfalls sehe sie auch eine internationale Aufmerksamkeit durch Überlebendenorganisationen, die die Entwicklung schon jetzt beobachteten. 

Zehntausende Menschen starben 

Die Verladerampe nahe dem ehemaligen KZ Bergen-Belsen wurde nach Angaben der Gedenkstätte zwischen 1940 und 1945 von Wehrmacht und SS für die Deportation Kriegsgefangener und KZ-Häftlinge genutzt, von denen 20.000 beziehungsweise mindestens 52.000 starben. 

Heute handele es um den einzigen Bereich, der räumlich noch das Aussehen der historischen Situation habe. "Als Ankunftspunkt für den Sterbeort ihrer Verwandten spielt die Verladerampe in der Erinnerung zahlreicher Angehöriger eine wichtige Rolle", teilte die Gedenkstätte mit.

Ein Sprecher der Bahn betonte auf Anfrage, dass sich das Unternehmen seiner historischen Verantwortung bewusst sei und die Gedenkstätte in besonderer Weise in den Planungen berücksichtige. Es gebe dabei einen engen Austausch mit der Gedenkstätte und weiteren Projektbeteiligten vor Ort. Das Ziel sei immer, eine sensible Lösung zu finden, mit denen alle Beteiligten zufrieden sind.

Bahn: "Wunsch der Gedenkstätte besitzt bei der Planung Priorität"

Gregor Peter Schmitz mit den Buchstaben GPS

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Nach Angaben der Bahn gibt es im Bereich Bergen-Belsen zwei Streckenführungen, die der Gedenkstätte beide nicht nahe kommen – beide Varianten sollen im nächsten Projektschritt weiter berücksichtigt werden. "Der Wunsch der Gedenkstätte besitzt bei der Planung Priorität", sagte der Bahnsprecher. 

Eine Illustration des Projekts auf der DB-Seite im Internet zeigt eine "Vorzugsvariante Hannover-Hamburg" mit einer pinken Linie. Im Bereich Bergen gibt es strichelte Linie, die als eine alternative Streckenführung wegen der his­tori­schen Bedeutung bezeichnet wird. 

Gedenkstätte hält Hinweis für nötig 

Auf Nachfrage betonte eine Sprecherin der Gedenkstätte, dass aus Sicht der Verantwortlichen dort allein die gestrichelt eingezeichnete Streckenführung ausreichend Abstand zum historischen Ort Verladerampe gewährleiste. "Da in den Karten der Bahn weiterhin beide Varianten enthalten sind und die Strichelung suggeriert, dass die für den historischen Ort notwendige Streckenführung nicht die priorisierte ist, erscheint es uns notwendig, auf die Bedeutung des Ortes hinzuweisen", teilte die Gedenkstätte weiter mit. 

Nach Einschätzungen der Verantwortlichen in Bergen-Belsen stellen die beiden Varianten keine gleichwertigen Lösungen dar. Das wolle man angesichts der bevorstehenden politischen Entscheidungen deutlich machen. 

Verkehrsministerium sieht "mehr als fragwürdiges Vorgehen"

Im niedersächsischen Verkehrsministerium wird der Hinweis als angebracht bewertet. Bei der Planung der Vorzugsvariante sei eine Beeinträchtigung der Gedenkstättenarbeit durchaus wahrscheinlich, sagte ein Ministeriumssprecher auf Anfrage. 

Nach den bisherigen DB-Informationen bestand nach Einschätzung des Ministeriums in Hannover die Erwartung, dass die Trassenführung mindestens einen Kilometer vom geschützten Denkmal Verladerampe einschließlich der umgebenden Elemente entfernt verlaufen sollte. "Nun ist die Strecke wieder deutlich näher an das Denkmal heran geplant worden", sagte der Ministeriumssprecher. 

Es handele sich um ein mehr als fragwürdiges Vorgehen, hieß es aus dem Ministerium weiter. "Wir haben die klare Erwartungshaltung, dass die Gedenkstätte Bergen-Belsen und damit die historische Verladerampe umfassend geschützt werden und deren Wirken für die Erinnerungskultur nicht durch die DB belastet werden."

dpa