Büdelsdorf ist ein beschaulicher Ort in Schleswig-Holstein mit rund 10.000 Einwohnern. Unspektakulär gelegen zwischen Wohngebieten, kleineren Gewerbeflächen und ruhigen Straßen wirkt der Ort auf den ersten Blick wie viele andere Kleinstädte im norddeutschen Umland. Die nächstgelegene Bahnstation befindet sich im benachbarten Rendsburg, einer Kreisstadt. Einmal im Jahr allerdings wird eben dieses kleine Büdelsdorf zum Schauplatz eines Ereignisses von internationaler Bedeutung – der Kunstausstellung NordArt.
Industrie trifft Gegenwartskunst
Jeden Sommer verwandelt sich die historische Eisengießerei Carlshütte in einen Ort, an dem Vergangenheit und Gegenwart direkt aufeinandertreffen. Strahlträger und riesige Hallen prägen den industriellen Charakter. Die Eisengießerei ist dann Schauplatz für eine der größten Ausstellungen zeitgenössischer Kunst in Europa. Nach Angaben der Veranstalter kommen jedes Jahr über 100.000 Besucherinnen und Besucher aus aller Welt.
Aus rund 3.000 internationalen Bewerbungen werden jährlich etwa 200 Künstlerinnen und Künstler ausgewählt, deren Arbeiten dort präsentiert werden. In diesem Jahr sind es 203 Künstlerinnen und Künstler aus 50 Ländern - ein bewusst breites Spektrum, das unterschiedliche kulturelle Perspektiven nebeneinanderstellt. Kuratiert wird die Ausstellung von Wolfgang Gramm, Inga Aru und Taso Gramm. „Das Besondere an der NordArt ist, dass man hier nicht mit einem großen Kunstverständnis herkommen muss. Aber wenn man Lust hat, kann man auch tiefer eintauchen.“, sagte Taso Gramm der Deutschen Presse-Agentur.
Gezeigt werden Gemälde, Fotografien, Skulpturen, Videoarbeiten und raumgreifende Installationen, die sich nicht nur anschauen, sondern manchmal sogar durchschreiten lassen. „Kunst muss Interpretationen zulassen“, so Gramm. Nichts ist eindeutig, vieles bleibt offen, widerspricht sich vielleicht sogar bewusst.
Zwischen Spannung und Identität: Das Baltikum auf der NordArt
In jedem Jahr setzt die NordArt unterschiedliche thematische Schwerpunkte. Einer davon ist in diesem Jahr das Baltikum. Es werden Arbeiten von 22 Künstlerinnen und Künstlern aus Litauen, Lettland und Estland gezeigt. Die Werke spiegeln eine Region wider, die von Fremdherrschaft, dem Streben nach Unabhängigkeit sowie Fragen kultureller Identität geprägt sei und dadurch eine besondere künstlerische Sensibilität entwickelt habe. „Kunst ist eine Sprache, die alle verstehen“, sagte Kuratorin Inga Aru. Wenn man sich auf die Kunst einlasse, dann gäbe es auch die Möglichkeit zur Interpretation, so Aru.
Politik, Macht, Bilder - wenn Kunst Stellung bezieht
Viele Werke auf der NordArt sind politisch oder gesellschaftskritisch. Ein besonders eindrückliches Werk ist die großformatige Multimedia-Installation „Ironie des Schicksals“ von Bernd Reiter, die sich mit den Folgen globaler Machtkonflikte auseinandersetzt. In der Arbeit werden Symbole amerikanischer Finanz- und Wirtschaftsmacht – dargestellt durch luxuriöse Oldtimer-Limousinen – von der bedrohlich wirkenden Präsenz russischer Militärgewalt regelrecht zermalmt.
Parallel zeigen Bildschirme fortlaufende Bewegtbildsequenzen in einer Endlosschleife von verschiedenen Kriegsschauplätzen, wodurch die permanente mediale Verfügbarkeit von Gewalt deutlich wird. „Meine Arbeit versteht sich als eindringliches Mahnmal unserer Zeit. Sie soll das Bewusstsein für die Gefahren politischer Machtkonflikte schärfen, zur Reflexion anregen und die Hoffnung bewahren, dass sich die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen“, sagte Bernd Reiter der dpa. Für ihn seien Kunst und Leben untrennbar miteinander verbunden, so der Künstler.
Publikum als letzte Instanz
Jedes Jahr werden bei der NordArt auch Preise vergeben, darunter ein Publikumspreis. Die Besucher der Ausstellung können vor Ort abstimmen, welches Werk sie besonders anspricht. Dadurch wird die Ausstellung nicht nur zu einem Ort der Präsentation, sondern auch zu einem Raum der Auseinandersetzung, in dem Wahrnehmung selbst zum Teil des Kunstwerks wird. Denn am Ende bleibt genau das die vielleicht wichtigste Frage: Was bleibt hängen, wenn man wieder hinausgeht - aus der Halle, aus der Stadt, dem Bild?