Alternative im Nahverkehr
Wie mitten im Ballungsraum eine neue Bahnstrecke entsteht

Für den Bau der RTW müssen auch immer wieder Bahnstrecken gesperrt werden. Foto: Boris Roessler/dpa
Für den Bau der RTW müssen auch immer wieder Bahnstrecken gesperrt werden. Foto
© Boris Roessler/dpa

Debattieren Sie mit!

  • Mit stern-Account aktiv an allen Debatten teilnehmen und kommentieren.
Jetzt registrieren
Sie ist als wichtige Entlastung in Frankfurt geplant, kommt allerdings nur langsam voran: Die Regionaltangente West. Ihr Fall zeigt, was Bauen im dicht besiedelten Gebiet bedeutet.

Wer im Rhein-Main-Gebiet mit der Bahn unterwegs ist, sieht viele Baustellen - auch diejenigen, die mit der Regionaltangente West (RTW) zu tun haben. Diese neue Bahnstrecke soll ab 2030 Kommunen im Westen Frankfurts mit dem Flughafen verbinden - eine wichtige Entlastung für den Verkehr in der Mainmetropole. Das Milliardenprojekt muss zahlreiche Hürden überwinden. 

"Wir bauen in einem dicht besiedelten Gebiet", sagt der Geschäftsführer der RTW Planungsgesellschaft, Horst Amann, im Interview der Deutschen Presse-Agentur. "Es gibt also unzählige Anlässe für Kreuzungen, Unterquerungen und Überführungen, die zu bauen sind." 

Allein 25 Brücken und zwei Tunnel seien geplant. Über die A5 werde eine rund 120 Meter lange Brücke gebaut. Insgesamt wird die RTW auf 52 Kilometern unterwegs sein. Unterquert werden müssen auch Gleise der Deutschen Bahn.

Sperrpausen erfordern großen Vorlauf 

Für die Baumaßnahmen seien immer wieder sogenannte Sperrpausen bei der Deutschen Bahn nötig: "Das bedeutet, der Bahnbetrieb muss unterbrochen werden - sei es für einige Stunden, für eine Nacht oder für ein ganzes Wochenende", sagt Amman.

Solche Sperrpausen seien nicht einfach zu bekommen: Sie müssten rechtzeitig angemeldet und von der Bahn genehmigt werden. "Dabei stehen sie in der Regel unter Konkurrenz zu vielen parallelen Baumaßnahmen auch der Deutschen Bahn selbst", sagt Amann.

Sperrpause konnte nicht genutzt werden

Jüngst stand eine solche lang geplante Sperrpause zur Verfügung, konnte aber nicht genutzt werden. Im Frankfurter Stadtteil Höchst soll für die RTW ein Tunnel unter den vorhandenen Gleisen am Bahnhof entstehen - es war aber keine Fachfirma für Oberleitungsbau verfügbar, die für Vorarbeiten nötig ist. 

Laut Amann musste daher umgeplant werden. Nun soll der Tunnelbau nächstes Jahr beginnen. Der zuletzt genannte Termin für die Inbetriebnahme der RTW auf einem Großteil der Strecke im Dezember 2030 soll aber Bestand haben. Er war bereits mehrfach verschoben worden. 

Markt wegen vieler Baustellen leer gefegt

Aktuell sei es sehr schwierig, passende Firmen sowohl für Planungs- als auch für Bauleistungen zu finden: "Für die vielen Aufträge, die zu vergeben sind - nicht nur bei der RTW, sondern insbesondere auch bei der Deutschen Bahn -, gibt es nicht ausreichend viele Firmen, die die angefragten Leistungen im angefragten Zeitraum erbringen können. Es herrscht also eine deutliche Verknappung am Markt."

Auch mit steigenden Baukosten kämpft die RTW. Als Gründe zählt Amann neben der hohen Nachfrage die Corona-Pandemie, den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine sowie die Spannungen im Nahen Osten an. Preise unter anderem für Stahl und Beton sowie Löhne seien gestiegen.

Aktuell sind für die RTW 1,8 Milliarden Euro veranschlagt. Der Großteil kommt von Bund und Land, aber auch die Kommunen an der Strecke sind beteiligt.

Was wird am Ende entstehen?

Über die Regionaltangente wird seit Jahrzehnten gesprochen, viele Kommunen und Menschen sehnen sie herbei. Denn sie schafft neue Verbindungen vom Taunus über den Flughafen bis in den Landkreis Offenbach. Bisher läuft ein Großteil des Verkehrs über den überlasteten Frankfurter Hauptbahnhof sowie den S-Bahn-Tunnel unter der City. 

Bis zu 60.000 Fahrgäste werden mit der RTW laut Prognosen pro Tag fahren. "Die Gründe, die RTW zu nutzen, sind insbesondere kurze Fahrzeiten und umsteigefreies Reisen", sagt Amann. 

Die Bahnen sind bestellt. Es handelt sich um spezielle Fahrzeuge, die mit unterschiedlichen Bedingungen zurechtkommen müssen, etwa verschiedenen Bahnsteighöhen. Denn teilweise werden für die RTW neuen Gleise gebaut, teilweise fährt sie auf vorhandenen. 

Klar ist: Die RTW wird ihren Betrieb stückchenweise aufnehmen. Teilstrecken könnten voraussichtlich 2029 in Betrieb gehen, sagt Amann. 2030 soll dann ein Großteil folgen. Bei zwei weiteren Teilbereichen werden die Genehmigungsverfahren nicht mehr rechtzeitig abgeschlossen. 

Was sind die Lehren?

Während die Regionaltangente West langsam entsteht, wird auch über eine Tangente im Osten Frankfurts nachgedacht. Fernziel ist ein Schienenring um die Mainmetropole herum - so müsste nicht mehr jeder Verkehr das Stadtzentrum durchqueren. Eine Machbarkeitsstudie wurde 2024 vorgestellt.

Mit Blick auf seine Erfahrungen sagt Amann, wichtig wäre, möglichst bald in konkrete Machbarkeitsuntersuchungen und erste planerische Grundlagen einzusteigen. "Auf dieser Basis kann dann auch die Diskussion mit der Öffentlichkeit und den Betroffenen geführt werden." 

Im Fall der RTW war nach ersten Überlegungen Anfang der 1990er Jahre im Jahr 2008 ernsthaft in die Planung eingestiegen worden. Der Bau begann dann 2022.

dpa