Was tun, wenn ein Vater die Mutter vor den Augen der gemeinsamen Kinder umbringt? Wie hilft man Opfern von Terroranschlägen und ihren Angehörigen? Barbara Havliza musste mit dem Leid so vieler Menschen umgehen, die sich in den drei Jahren ihrer Amtszeit als Opferbeauftragte des Landes Nordrhein-Westfalen an sie gewandt haben. Bei ihrer offiziellen Verabschiedung in Düsseldorf gibt die 68-jährige Juristin einen behutsamen Einblick, was sich hinter einer solchen Mammutaufgabe praktisch eigentlich verbirgt.
"Also, es gibt viele Fälle, die mir in Erinnerung geblieben sind, aber die ich natürlich nur höchst anonymisiert wiedergeben kann", beginnt die frühere niedersächsische Justizministerin vorsichtig.
Wenn Terror die Liebsten aus dem Leben reißt
Da seien vor allem die zwei Großlagen in ihrer Amtszeit: 2023 die mörderischen Messerattacken eines Islamisten auf offener Straße in Duisburg und kurz darauf in einem Fitnessstudio mit einem Toten und vier Schwerverletzten. Und im Sommer 2024 der ebenfalls islamistisch motivierte Terroranschlag bei einem Solinger Stadtfest mit drei Zufallstodesopfern und zahlreichen Verletzten.
"An diesen Großlagen hingen Einzelschicksale", erinnert sich Havliza. Etwa die hochbetagten Eltern, die aus einem anderen Bundesland zur Beisetzung ihrer ermordeten Tochter anreisen wollten. "Mit dem Zug konnten sie wegen ihrer Gebrechlichkeit nicht mehr fahren, also mussten sie gefahren werden", schildert Havliza ihre damalige Mission. "Übernachtung konnten sie sich nicht leisten. Und dann müssen wir in Aktion treten."
Für solche Hilfestellungen in menschlichen Tragödien müssten Geldtöpfe aufgetan werden. "Aber da sind wir dann auch wirklich wie kleine Terrier - bis wir einen gefunden haben, solange beißen wir in Waden", schmunzelt sie.
Toter Sohn: Sozialhilfeempfängerin hat kein Geld für Tatort-Reiniger
Eingebrannt hat sich auch der Fall einer älteren Dame, deren Sohn sich umgebracht hatte. "Jetzt können Sie sagen, ist keine Straftat - ja stimmt", stellt die Juristin nüchtern fest. Die Frau habe aber nun mal angerufen und dringend um Hilfe ersucht: "Ich brauche die Papiere für die Beerdigung, ich bin Sozialhilfeempfängerin, die Polizei lässt mich so nicht in die Wohnung, weil die Art des Suizids war so, dass die Wohnung erst mal mit einem sogenannten Tatort-Reiniger gereinigt werden muss."
Den konnte die Mutter aber nicht bezahlen und eine Kostenübernahme gab es beim Suizid auch nicht. "Auch da kann ich Ihnen sagen, haben wir in viele Waden gebissen, aber einer hat nachgegeben", bilanziert Havliza ihre Erfahrungen.
Antriebsfeder im Elend: Betroffenen eine Stimme geben
Warum tut man sich das an, ständig mit Mord, Verbrechen aller Art und Leid so vieler Opfer konfrontiert zu sein? "Es macht ja auch Freude, am Ende des Tages bei all diesen schicksalhaften Dingen dann irgendwie zu merken, wir konnten helfen", antwortet Havliza. "Uns ist es einfach ein Anliegen, Betroffenen eine Stimme zu geben."
Etwa 500 bis 600 "echte Fälle" habe das Team der Opferschutzbeauftragten jährlich zu bearbeiten. Worum geht es meistens? "Häusliche Gewalt ist ein Riesenthema und wird auch immer größer", stellt sie fest.
Hinzu kämen die Suche nach einem Platz im Frauenhaus, einem Therapeuten oder einer Trauma-Ambulanz ebenso wie Hilfe bei Opferentschädigungsanträgen oder der Abwehr von Cyberkriminalität, Hass, Hetze und Stalking im Netz oder im realen Leben. "Das ist ganz schlimm für Menschen, die sich immer mehr zurückziehen, wenn sie gestalkt werden", berichtet Havliza. Viele legten auch die Hotline lahm, weil sie sich als Opfer der Justiz oder der Gesellschaft sähen – einige von ihnen psychisch auffällig.
Stabwechsel: Die neue Frau im Amt hat große Ziele
Havliza war seit März 2023 Opferbeauftragte in NRW und ist Mitte April abgelöst worden von der langjährigen Siegener Landgerichtspräsidentin Dagmar Schulze-Lange. Die Nachfolgerin hat bereits eine ambitionierte Agenda, die sie mit Hilfe der Landesregierung umzusetzen hofft: die Cybersicherheit, den Minderjährigenschutz und die Opfer häuslicher Gewalt stärken. Außerdem müssten internationale Netzwerke besser koordiniert und die psychosoziale Prozessbegleitung sowie der Täter-Opfer-Ausgleich ausgeweitet werden.
Nicht betroffen? Doch!
Eine eindringliche Mahnung gibt ihre erfahrene Vorgängerin, die als Richterin 32 Jahre lang Strafsachen – vom sexuellen Missbrauch bis hin zu Tötungsdelikten – verhandelt hatte, allen noch mit auf den Weg: "Vergessen Sie nie, dass jeder jederzeit Opfer werden kann, ohne dass Sie irgendetwas dazu tun", unterstreicht Havliza.
"Sie können hier raus gehen und es kann Sie irgendetwas ereilen, mit dem niemand von uns rechnet und was ihr Leben komplett von den Füßen auf den Kopf stellt. Auf jeden Fall ist nichts mehr, wie es noch eine Minute vorher war." Dass solche Situationen Menschen überfordern und auch für lange Zeit aus der Bahn werfen könnten, verstehe sich von selbst.
"Wenn Sie einen Angehörigen verlieren durch eine Straftat, sind Sie erst mal wie in einem Tunnel und wissen überhaupt nicht, was Sie jetzt tun können -geschweige denn, welche Rechte Sie haben", berichtet Havliza. "Und dafür sollen wir dann auch da sein."
Die Hotline zur Hilfe
Bürgerinnen und Bürger erreichen die Opferbeauftragte unter der Hotline-Nummer 0800 3345667 oder per E-Mail unter poststelle@opferbeauftragte.nrw.de.