Gerichtsverhandlung
Neustart für wohl ersten 'Ndrangheta-Prozess Ostdeutschlands

Einer der Angeklagten soll Mitglied der Mafia-Gruppierung 'Ndrangheta sein, der anderer soll ihn teils beim Drogenhandel unterst
Einer der Angeklagten soll Mitglied der Mafia-Gruppierung 'Ndrangheta sein, der anderer soll ihn teils beim Drogenhandel unterstützt haben. (Archivbild) Foto
© Jacob Schröter/dpa
Ein mutmaßliches Mafia-Mitglied soll teils unterstützt von einem Mitangeklagten mit Kokain gehandelt haben. Der räumt geschäftliche Beziehungen ein, doch die sollen ganz anderer Natur gewesen sein.

Im Prozess um mutmaßliche Drogengeschäfte der kalabrischen Mafia 'Ndrangheta am Landgericht Erfurt hat sich einer der beiden Angeklagten geäußert. Der 58-jährige italienische Staatsbürger lebt seit Jahren in Nordrhein-Westfalen, er räumte zwar Kontakt zu dem Hauptangeklagten ein. Der aber soll anders ausgesehen haben, als die Staatsanwaltschaft ihm vorwirft.

Ein Freund habe ihm den Kontakt zu dem jüngeren Mann wohl im Oktober 2024 vermittelt, da dieser Hilfe bei einem Unfallauto gebraucht habe. Als gelernter Kfz-Mechaniker und -Sachverständiger habe er ein Gutachten zu dem Wagen erstellen sollen, sagte der Angeklagte. Da der Jüngere kaum Deutsch spreche, habe er mit ihm auf Italienisch, genauer im kalabrischen Dialekt gesprochen. Denn beide Angeklagte stammen aus Locri. Die kleine im Süden Italiens in Kalabrien gelegene Stadt gilt als Hochburg der 'Ndrangheta. 

Von Kfz-Gutachten zu dubiosen Kreditgeschäften

Vor der Vermittlung durch seinen Freund habe er den Hauptangeklagten nicht gekannt, betonte der Mann bei seiner Einlassung. Sein Freund habe ihm gesagt, dass der heute 31-Jährige bei ihm in einer Eisdiele arbeite. 

Der jüngere Mann soll ihn auch um Hilfe beim Übersetzen von Versicherungsunterlagen im Fall des Unfallautos gebeten haben. Später soll der 31-Jährige ihm angeboten habe, ihn bei dubios erscheinenden Kreditvermittlungsgeschäften zu unterstützen. Er sei skeptisch gewesen, habe aber einen aus seiner Sicht denkbaren Kunden zumindest auf die Möglichkeit angesprochen. Ein Geschäft sei bis zu seiner Verhaftung 2025 aber nicht zustande gekommen.

Kein Wort über Drogengeschäfte

Der Angeklagte beschrieb in seiner Einlassung auch, dass der jüngere Mann schwer zu erreichen gewesen sei. "Er hat ständig die Handynummer gewechselt", sagte er. Nach einer Anzahlung für das Gutachten des Unfallautos habe er länger auf das restliche Geld warten müssen. Letztlich habe er die ausstehende Summe von wenigen hundert Euro durch einen Geschäftsführer in einem Restaurant seines Freundes erhalten. 

Über Drogengeschäfte, in die er laut Anklage mit dem jüngeren Mann involviert gewesen sein soll, verlor er kein Wort. 

Erfurt als mutmaßliche Umschlagszentrale

Dem Hauptangeklagten wirft die Staatsanwaltschaft vor allem den Handel mit etlichen Kilogramm Kokain im Zeitraum von Mitte 2022 bis Februar 2025 sowie die Mitgliedschaft in der 'Ndrangheta vor. Der Italiener soll etwa von der "Familien-Zentrale" der 'Ndrangheta in Erfurt aus den Umschlag der Drogen organisiert haben. In der Regel soll er je nach finanzieller Lage der Abnehmer mindestens 22.000 Euro verlangt haben. Sein Verteidiger erklärte, dass sich sein Mandant nicht äußern werde. 

Die 'Ndrangheta gilt der Internationalen kriminalpolizeilichen Organisation Interpol zufolge als eine der einflussreichsten und mächtigsten Mafia-Gruppierungen der Welt. In Thüringen rechnen Experten eine untere zweistellige Zahl an Menschen der italienischen Organisierten Kriminalität zu. Die Anzahl bewege sich seit mehreren Jahren auf einem recht konstanten Niveau.

LKA: Erster 'Ndrangheta-Prozess in Ostdeutschland

Nach Angaben des Thüringer Landeskriminalamts handelt es sich bei dem Prozess um den ersten gegen ein mutmaßliches 'Ndrangheta-Mitglied in Ostdeutschland. Der Prozess musste neu beginnen, da ein Schöffe der ursprünglichen Besetzung krank wurde und nicht verhandlungsfähig ist. Zum nächsten Verhandlungstermin am 22. April soll ein Polizeibeamter gehört werden, der die Ermittlungen geleitet hat.

dpa