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Ach, Mensch – Gesellschaftskolumne Ab in die Ferien!

Eigentlich sollen die Schulen nicht noch mal geschlossen werden
Eigentlich sollen die Schulen nicht noch mal geschlossen werden
© Getty Images; Carolin Windel
Bei allen Risiken und Nebenwirkungen: Die Schließung von Schulen wird wieder diskutiert. Weihnachten bietet einen Ausweg.

Die Sieben-Tage-Inzidenz bei 10- bis 14-jährigen Jungen und Mädchen lag zuletzt bundesweit bei 920. Bei den 5- bis 9-Jährigen bei 828. Der Wert bei den 15- bis 19-Jährigen betrug 552.

Voilà, drei einsame Spitzenwerte, wenn man die Altersgruppen betrachtet. Rund 87.000 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 5 und 19 sind in dieser Woche im November an Covid-19 erkrankt. Übertragen auf die Gesamtbevölkerung wären das etwa 90.000 Neuinfektionen am Tag – statt derzeit rund 60.000. Diese Zahlen nur mal so zum Einstieg.

Sie sind weitaus höher als in der zweiten und dritten Welle. Auf dem Höhepunkt der dritten lag die Inzidenz bei den 10- bis 14-Jährigen bei 235, es war die Zeit vor der Delta-Variante. Auf dieser Basis hat das Bundesverfassungsgericht am Dienstag über die Angemessenheit von Schulschließungen entschieden.

In der Schule besser aufgehoben

Seit der Unterricht im Klassenraum wochenlang ausgefallen war, galt: Das soll nicht noch mal passieren. Kitas und Schulen müssen geöffnet bleiben. Nicht nur, weil die Kinder sonst nicht genug lernen. Sie leiden unter der sozialen Isolation, sie bewegen sich weniger, sitzen mehr vor dem Bildschirm, nehmen zu und sind wegen häufigerer Streits größerem Stress ausgesetzt. Schlimmstenfalls werden sie öfter Opfer häuslicher Gewalt. Jeder Lehrer kennt Kinder, die in der Schule besser aufgehoben sind als zu Hause.

Auch für die Eltern bedeutete das Homeschooling maximalen Stress. Drei von vier Familien, so eine Studie, erlebten die Zeit als belastend. Nicht wenige gerieten in Existenzängste und -nöte, weil der Job reduziert oder gar aufgegeben werden musste.

Die Schließung von Kitas und Schulen scheint also keine gute Idee zu sein. Viel wird daher unternommen, um den Schulbetrieb auch in der vierten Welle aufrechtzuerhalten. Viele Lehrer beklagten verfrühte Lockerungen, etwa die Aufhebung der Maskenpflicht. Doch die gibt es jetzt wieder, etwa in Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen will darüber in diesen Tagen entscheiden. Mehrmals pro Woche wird getestet, in vielen Klassenzimmern brummen die Luftfilter, die Kinder lernen in dicken Jacken bei geöffneten Fenstern. Alles besser als zu Hause am Computer.

Aber auch das Risiko der Infektion wiegt schwer

Aber ist das wirklich so? Es ist eines der vielen Dilemmata der Pandemie: Was wiegt schwerer? Der Schaden des Homeschoolings? Oder der Schaden, den das Virus bei Kindern und Jugendlichen anrichtet? Schwere Folgeerkrankungen wie PIMS sind selten, häufiger kommt es zu Long Covid, für das es bislang keine Therapie gibt. Das RKI empfiehlt, dass Kinder "der Gefahr einer Infektion nicht unnötig ausgesetzt werden" sollten. Dennoch sollten Schulschließungen "so spät wie möglich eingesetzt werden", so das RKI in seiner Stellungnahme für das Bundesverfassungsgericht. Dieser Widerspruch offenbart das Problem.

Mit AHA-Regeln und Impfappellen allein werden wir die vierte Welle nicht brechen. Wenn wir über Lockdowns diskutieren, müssen wir dann nicht auch über befristete Schulschließungen sprechen? Denn es ist unklar, wie sehr das Geschehen in den Klassenzimmern die Pandemie antreibt. Das Impfen wird kurzfristig keine Rettung bringen. Biontech ist ab zwölf erlaubt, für die Jüngeren ab fünf gibt es eine Empfehlung der Europäischen Arzneimittelbehörde. Aber bis ein umfassender Impfschutz erreicht ist, werden Wochen vergehen. Vorausgesetzt, es gibt genügend Impfstoff. Übrigens ein guter Grund, sich mit Moderna boostern zu lassen: Biontech brauchen wir für unsere Kinder.

Hilfe im Dilemma bietet nun Weihnachten. Spätestens Mitte Dezember sollten in ganz Deutschland die Ferien beginnen. Viel verpasst wird da nicht mehr, die freien Tage zum Jahresende kommen in Sicht – und so könnte aus einer verlängerten Weihnachtspause ein dringend benötigter Wellenbrecher werden. Einer von vielen.

Erschienen in stern 49/2021

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