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USA Strengere Gesetze haben Folgen: 10.000 Abtreibungen weniger innerhalb von zwei Monaten

USA im Sommer 2022: Frauen demonstrieren in Washington für das Recht auf Abtreibung
USA im Sommer 2022: Frauen demonstrieren in Washington für das Recht auf Abtreibung
© Zuma Press Wire / Action Press
Im Sommer machte der Oberste Gerichtshof der USA den Weg für Abtreibungsverbote frei. Seitdem entscheiden die Bundesstaaten. Mit Folgen. Innerhalb von zwei Monaten gab es mehr als 10.000 legale Abtreibungen weniger. Eine Expertin spricht von einem "Schock für das System". 

Der 24. Juni 2022 markiert eine Zäsur in den USA. An diesem Tag kippte der Oberste Gerichtshof das Grundsatzurteil Roe vs. Wade. Es hatte rund 50 Jahre lang das Recht auf Abtreibung in den USA gesichert. Im ganzen Land. Seit dem 24. Juni entscheiden wieder die einzelnen Bundesstaaten. Einige von ihnen hatten bereits strengere Gesetze in der Schublade liegen und verabschiedeten sie prompt. 

Seit dem Urteil im Sommer haben 13 US-Bundesstaaten Abtreibungen verboten oder streng eingeschränkt. Die meisten von ihnen im traditionell konservativen und republikanischen Süden. In Alabama, Arkansas, Louisiana und Mississippi beispielsweise sind legale Abtreibungen gar nicht mehr möglich. Neun weitere Bundesstaaten führten weitreichende Einschränkungen ein. Hier ging die Zahl der Abtreibungen in den Monaten Juli und August um ein Drittel zurück.

USA: Staaten mit liberaleren Gesetzen verzeichnen Zunahme von Abtreibungen

Landesweit gab es in den ersten beiden Monaten nach dem Supreme Court-Urteil mehr als 10.000 Abtreibungen weniger. Das ist eine Abnahme um sechs Prozent. In Staaten mit Verboten und Beschränkungen waren es im Juli und August 2022 ingesamt rund 20.000 Abtreibungen weniger verglichen mit den Daten aus dem April, also einem Zeitraum vor der Entscheidung. Diese Zahlen stammen aus einem ersten Überblick zur aktuellen Lage, an der Wissenschaftler und Anbieter von Abtreibungen beteiligt waren.

Die zugrundeliegenden Daten stammen von der neuen Organisation "WeCount", die laut der "New York Times" von der Society of Family Planning geführt wird, einer Gruppe, die Abtreibungsrechte unterstützt. Die Zeitung zitiert Alison Norris, Professorin für Epidemiologie an der Ohio State University und Co-Autorin des Berichts. Sie nennt den Rückgang bei Abtreibungen "einen Schock für das System". 

Dass einige Staaten Abtreibungen verboten oder deutlich beschränkt haben, bekommen diejenigen mit einer liberaleren Gesetzgebung zu spüren. Staaten, in denen Abreibungen legal bleiben, verzeichneten im Juli und August eine Zunahme von ungefähr 12.000 Abtreibungen. Das sind elf Prozent mehr. Das lege nahe, schreibt die "New York Times", dass rund die Hälfte der Frauen, die in ihrem eigenen Staat kein Recht auf eine Abtreibung hatten, in welche reisten, in denen das möglich war. Eine Folge dieses Andrangs sind längere Wartezeiten in den Kliniken (der stern berichtete). 

Gesundheitliche und soziale Folgen

Der Bericht der "Society of Family Planning" geht auch darauf ein, wer besonders von den Folgen der neuen Gesetzgebung betroffen ist: Menschen, denen es nicht möglich ist, für eine Abtreibung zu reisen. Dazu zählen junge Menschen, Inhaftierte, Menschen mit einer Bewährungsstrafe und Immigranten. Ebenso betroffen seien Menschen, die sich um kleine Kinder oder Ältere kümmern müssen sowie Menschen, die nicht freinehmen können, um für eine Abtreibung in einen anderen Staat zu fahren. 

Umfangreiche Untersuchungen haben gezeigt, dass es schwerwiegende Folgen hat, wenn eine gewünschte Abtreibung nicht durchgeführt werden kann. Folgen, die über Jahre hinweg andauern. Der Bericht listet auf: erhöhte ökonomische Unsicherheit, ein schlechterer Gesundheitszustand sowie wiederholte Gewalterfahrungen durch den Mann, der an der Schwangerschaft beteiligt war. 

Die eigentliche Zahl der Abtreibungen dürfte geringer sein

Die Entwicklungen der vergangenen Monate lösen bei Abtreibungsgegnern Freude aus. "Wir feiern die Tatsache, dass mindestens 10.000 Babys eine Chance zu leben haben", wird Kristan Hawkins, Präsidentin der Anti-Abtreibungsgruppe Students for Life in der "New York Times" zitiert. 

Die Zeitung arbeitet allerdings auch heraus, dass der Rückgang an Abtreibungen insgesamt geringer sein dürfte, als es die Daten vermuten lassen. Denn Abtreibungen, die außerhalb des US-amerikanischen Gesundheitssystems durchgeführt werden, sind ebenso wenig mitgerechnet wie selbstdurchgeführte Abtreibungen ohne einen medizinischen Anbieter. Eine wachsende Zahl an Frauen bestelle zudem Pillen aus Übersee online oder erhalte diese aus Mexiko. Ein Verbot von Abtreibungen kommt eben nicht unbedingt einer Verhinderung von Abtreibungen gleich. Es bedeutet für betroffene Frauen im Zweifel lange Reisen oder den Weg in die Illegalität und gesundheitliche Risiken. 

Mit den neuen Abtreibungsgesetzen in den USA geraten auch Zyklus-Apps in den Fokus. Aktivistinnen riefen bereits im Frühsommer dazu auf, Zyklus-Apps von Handys zu löschen, weil in den gespeicherten Daten Informationen zu Schwangerschaften stecken. Wie diese zu einer Strafverfolgung führen könnten, lesen Sie hier

Quellen: The Cut, The New York Times, Society of Family Planning

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