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Corona-Hotspot Indien NGO-Mitarbeiter: "Die Pandemie hat vielen Kindern ihre Chancen genommen"

"Fälle von Kinderarbeit und häuslicher Gewalt haben stark zugenommen", berichtet Childaid-Mitarbeiter Jonas Pfäffinger
"Fälle von Kinderarbeit und häuslicher Gewalt haben stark zugenommen", berichtet Childaid-Mitarbeiter Jonas Pfäffinger
© Childaid Network
Indien kämpft gegen eine gewaltige neue Corona-Welle. Doch die Ärmsten können sich die Sorgen um die eigene Gesundheit gar nicht mehr leisten. Wie es soweit kommen konnte und wieso die Lage für die Kinder besonders dramatisch ist, berichtet ein Childaid-Mitarbeiter.

Kaum Sauerstoff, überlastete Krankenhäuser und Masseneinäscherungen. In keinem anderen Land der Welt wütet die Coronakrise derzeit so schlimm wie in Indien. Am Freitag wurden mehr als 386.000 Neuinfektionen registriert, durchschnittlich sterben mehr als 3000 Menschen täglich an dem Virus. Vor den Kliniken warten Familien mit ihren an Covid-19 erkrankten Angehörigen oft vergeblich. Krankenhausbetten und Medikamente sind Mangelware und viele Patienten sterben, bevor sie überhaupt einen Arzt zu Gesicht bekommen.

Jonas Pfäffinger, 31, arbeitet für das Kinderhilfswerk Childaid Network in Nordostindien. Seit Ende 2019 ist er als Berater und Projektmanager in der Region Assam tätig, unterstützt Bildungsprojekte und arbeitet mit Kindern und Jugendlichen vor Ort. 

Herr Pfäffinger, die Bilder von überfüllten Krankenhäusern und Massengräbern aus Indien gehen derzeit um die Welt. Sie sind seit Pandemiebeginn im Nordosten des Landes. Wie schlimm ist die Lage für die Menschen vor Ort?

Als erstes muss man sich klarmachen, dass die Menschen in Indien nicht nur unter den gesundheitlichen Folgen der Pandemie extrem leiden, sondern auch unter den wirtschaftlichen. Für uns Europäer ist es natürlich beängstigend, zu sehen wie das Gesundheitssystem eines Landes zusammenbricht. Aber die ärmsten Bevölkerungsteile in Indien haben sowieso keinen Zugang zum Gesundheitssystem und diese Menschen können keine Rücksicht auf gesundheitliche Risiken nehmen, weil sie ihr täglich Brot verdienen müssen.

Im letzten Jahr hat die indische Zentralregierung Ende März einen landesweiten Lockdown verhängt, der viele unvorbereitet getroffen hat. Besonders für die Millionen von Wanderarbeitern, die den Großteil des Jahres weit weg von Zuhause in den Metropolregionen arbeiten, war die Lage sehr schlimm. Die haben keinerlei soziale Absicherung und von einem Tag auf den anderen ihren Job verloren.

Trotzdem ist Indien im letzten Jahr noch relativ glimpflich durch die erste Welle gekommen. Wieso gehen die Zahlen ausgerechnet jetzt so durch die Decke?

Zum einen gab es in der Bevölkerung zwischendurch kaum noch Verständnis für die Einschränkungen, zum anderen ist es auch eine politische Frage. In vielen Bundesstaaten finden dieses Jahr Regionalwahlen statt. Entsprechend gering war das politische Interesse hier wieder frühzeitig Maßnahmen zu ergreifen, die wiederum den Wahlkampf eingeschränkt hätten.

Während letztes Jahr sehr drastisch, sehr schnell eingeschritten wurde, wurde das dieses Jahr einfach verschlafen. Jetzt hat die Regierung zwar wieder mit regionalen Lockdowns reagiert, aber viel zu spät. Hinzu kommen die vielen riesigen hinduistischen Pilgerfeste, zu denen Millionen Menschen aus dem ganzen Land gekommen sind. Das führt jetzt natürlich dazu, dass diejenigen, die in ihre Heimat zurückkehren, das Virus mitbringen.

Mehr als 140 Millionen Inderinnen und Inder wurden bereits geimpft. Gibt das den Menschen Hoffnung?

Indien ist zwar einer der größten Impfstoffproduzenten der Welt, aber bei der schieren Bevölkerungsmasse ist es trotzdem ein Problem an genügend Dosen zu kommen. Täglich werden hier mehrere Millionen Menschen geimpft, dennoch sind wir gerade mal bei zehn Prozent der Bevölkerung. Wenn das Impftempo nicht schneller wird, läuft Indien wirklich die Zeit davon.

Sie kommen gerade von einer Reise aus dem ländlicheren Arunachal Pradesh in Nordostindienzurück. Wie haben Sie die Corona-Lage vor Ort erlebt?

Der Bundesstaat grenzt direkt an Myanmar und China und ist einer der abgelegensten des Landes. Man fährt dort stundenlang über Holperpisten bis man in die kleinen Bergdörfer kommt, die bis vor ein paar Jahrzehnten kaum Kontakt zur Außenwelt hatten. Das wirkt durch eine europäische Brille betrachtet wie aus einer anderen Zeit gefallen.

Letztes Jahr als die Covid-Zahlen stark gestiegen sind, haben sich diese Gemeinden komplett abgeschottet – und die erste Welle relativ schadlos überstanden. Unsere Arbeit in den Bildungsprojekten hat das aber extrem betroffen und es war eine riesige Herausforderung, mit den Kindern und Jugendlichen in Kontakt zu bleiben. Umso mehr habe ich mich gefreut, dass ich jetzt mit dem lokalen Projektteam unterwegs war, die Kindergärten besuchen und mit den Kindern sprechen konnte.

Welche Folgen hat Corona denn speziell für die Kinder und Jugendlichen in Indien?

Die Pandemie hat vielen Kindern und Jugendlichen ihre Chancen genommen. Durch den Lockdown ist für viele ein gutes halbes Jahr Schule weggefallen, wodurch sie langfristig den Anschluss und damit auch ihre Perspektiven verlieren werden. Besonders in armen Familien müssen jetzt auch die Kinder zum Einkommen beitragen – Fälle von Kinderarbeit haben demnach stark zugenommen. Teilweise gibt es auch erhöhte Fallzahlen von Kinderhochzeiten und schlimme Beispiele von Kinderprostitution. 

Aber auch in der breiten Masse hat die Situation natürlich extreme Auswirkungen auf die mentale Gesundheit der Kinder und auch die Fälle von häuslicher Gewalt haben enorm zugenommen. Nach den ersten Lockerungen haben wir gesehen, dass viele traumatisiert waren und gar nicht mehr in die Schule zurück wollten.

Was tun Sie vor Ort konkret, um den Kindern und Jugendlichen zu helfen und die Bedingungen wieder zu verbessern?

Einerseits arbeiten wir mit unseren Projektpartnern daran, in den Familien wieder ein Bewusstsein dafür zu schaffen, wie wichtig Bildung ist. Andererseits versuchen wir über Alternativprogramme nicht den Kontakt zu den Kindern zu verlieren – zum Beispiel über die Vernetzung mit Freiwilligen aus den Dorfgemeinden, die mit den Kindern spielen und sie unterrichten. Als die Regierung im letzten Jahr keine Hilfe geschickt hat, haben wir eine Zeit lang auch rund 40.000 Menschen direkt mit Nahrungsmitteln unterstützt.

Für sein Corona-Nothilfe-Programm ist Childaid Network gerade mit dem Covid-19 Relief Preis ausgezeichnet worden. Wie wollen Sie das Preisgeld von 50.000 US-Dollar vor Ort einsetzen?

Das war für unsere lokalen Partnerorganisationen und uns eine tolle Auszeichnung, über die wir uns sehr gefreut haben. Mit dem Geld wollen wir in Nordostindien Jugendliche und junge Erwachsene bei ihrer Berufsausbildung finanziell unterstützen. In dem Projekt geht es darum die Jugendlichen vor Ort auszubilden und es setzt auf Berufe, die regional eine Zukunft haben – wie Kunsthandwerk, Bambus- und Textilarbeit. Wir wollen damit einen Beitrag dazu leisten, dass junge Menschen nicht mehr ihre Heimat verlassen müssen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen.


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