HOME

Psychisches Leiden: "Ich hatte panische Angst": Wie ein Mann an einer "Brexit-Psychose" erkrankte

Am 24. Juni 2016 stimmte Großbritannien für den EU-Ausstieg ab. Drei Wochen später wird ein Mann mit akuter psychotischer Störung in ein Krankenhaus eingeliefert. Ein Arzt sieht einen direkten Zusammenhang zwischen den zwei Ereignissen.

Psychose nach Brexit-Votum: Ein Mann sitzt an einer Wand

Kurz nach dem Brexit-Votum bekam ein Mann ernsthafte psychische Probleme (Symbolbild)

Getty Images

Er litt unter Wahnvorstellungen, war verängstigt, unruhig und hörte Stimmen: In Großbritannien ist ein Mann kurz nach Bekanntwerden des Brexit-Votums am 24. Juni 2016 an einer Psychose erkrankt. Der behandelnde Mediziner glaubt, dass dies kein bloßer Zufall ist – sondern dass das Wahlergebnis zu der Erkrankung beigetragen hat. "Politische Ereignisse können einen erheblichen psychischen Stress auslösen und die psychische Gesundheit beeinträchtigen", schreibt Mohammad Zia Ul Haq Kathsu von der Universität Nottingham im Fachblatt "BMJ Case Reports". Das gelte insbesondere bei Menschen, die schon einmal psychisch erkrankt waren oder weiteren Risikofaktoren ausgesetzt sind.

Was war konkret geschehen?

Der Patient – ein Mann in den Vierzigern – wurde drei Wochen nach dem EU-Referendum in die Notaufnahme eines Klinikums eingeliefert. Er wirkte verwirrt und aufgeregt, hörte Stimmen und litt unter Wahnvorstellungen. Seine Frau berichtete, dass ihr Mann nach der Brexit-Wahl begonnen hatte, viel Zeit in sozialen Netzwerken zu verbringen. Dort tauschte er sich mit anderen Personen über seine Gedanken aus und äußerte seinen Unmut über die politischen Ereignisse. Er begann, sich zunehmend Sorgen über rassistische Übergriffe zu machen und schlief kaum noch. Ein Hausarzt verordnete ihm Antidepressiva und ein Schlafmedikament – doch die Beschwerden besserten sich nicht. Im Gegenteil: Dem Familienvater ging es zunehmend schlechter.

Er entwickelte paranoide Wahnvorstellungen und glaubte, andere Menschen würden ihn ausspionieren und umbringen wollen. Eines Tages sah er zwei Frauen und hielt sie für ein- und dieselbe Person. Als er begann, mit Gegenständen um sich zu werfen, brachte ihn seine Familie in die Notaufnahme. Dort setzte er sich auf den Boden und versuchte, den Boden mit seinen Händen "aufzugraben". Er gab an, so schnell wie möglich fliehen zu wollen. "Ich hatte panische Angst", wird der Mann in dem Fachblatt zitiert.

Die Ärzte diagnostizierten eine akute psychotische Störung, deren Symptome einer Schizophrenie ähneln, aber erst weniger als einen Monat bestanden. Der Mann wurde stationär aufgenommen, psychiatrisch behandelt und erhielt Olanzapin, ein Neuroleptikum. Im Laufe der Behandlung erklärte der Mann, er schäme sich dafür, ein Brite zu sein. Er sprach über seine Familie und erklärte, sie sei "multikulturell". In einem Gespräch sagte er: "Ich habe mir die Wahlkarte für die EU angesehen. Ich bin in einem Wahlkreis, der eine Meinung widerspiegelt, mit der ich mich nicht identifizieren kann."

Belastende Lebensereignisse können Psychosen begünstigen

Der Mann war bereits 13 Jahre zuvor an einer psychotischen Episode erkrankt, die aber weniger stark verlaufen war und nach wenigen Tagen unter Behandlung abklang. Aus möglicher Auslöser war damals Arbeitsstress identifiziert worden. Auch im Vorfeld der neuen Episode hatte der Mann über Probleme auf seiner Arbeitsstelle berichtet, die ihn nach Angabe seiner Frau allerdings nicht sonderlich zu beschäftigten schienen. Außerdem gab er an, unter privatem Druck zu leiden und auf seine Kinder aufpassen zu müssen. Es sei denkbar, dass der private und berufliche Stress eine Rolle bei der Entwicklung der neueren Psychose gespielt haben könnte, schreibt Mohammad Zia Ul Haq Kathsu. Der Hauptstressor scheint in diesem Fall jedoch die Brexit-Wahl gewesen zu sein - nicht zuletzt, weil das Ereignis für den Mann von so großer Bedeutung war. 

Wie und warum Psychosen entstehen, ist derzeit noch nicht vollständig entschlüsselt. Experten gehen von einem "multifaktoriellen" Geschehen aus. Das bedeutet, dass verschiedene Faktoren eine Rolle spielen, darunter biologische und psychosoziale. Belastende Lebenereignisse können das Erkrankungsrsiko erhöhen. Bei akuten, vorübergehenden Pychosen berichten etwa 30 bis 50 Prozent der Patienten über vorhergehenden Stress. 

Der Mann hatte Glück: Die Behandlung schlug an, und er konnte das Krankenhaus zwei Wochen später wieder verlassen. Das Neuroleptikum nahm er noch eine Weile in niedriger Dosierung weiter und konnte es zuletzt absetzen, ohne dass die Beschwerden wiederkamen. Bei seinem letzten Arzttermin im Juni 2019 war der Mann symptomfrei. 

Quellen: BMJ Case Reports / ICD-10 / Neurologen und Psychiater im Netz

ikr

Wissenscommunity