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Vierlingsschwangerschaft mit 65 Jahren: "Diese Frau begibt sich in Lebensgefahr"

Annegret Raunigk, 65, ist mit Vierlingen schwanger und nimmt damit große Risiken in Kauf. Der Mediziner Klaus Vetter hält das für ein gewagtes "Experiment am Menschen", das nur schief gehen kann.

Die damals 55-jährige Annegret Raunigk, Mutter von 13 Kindern, mit ihrer jüngsten Tochter Leila. Heute ist sie 65 Jahre alt und wieder schwanger - mit Vierlingen.

Die damals 55-jährige Annegret Raunigk, Mutter von 13 Kindern, mit ihrer jüngsten Tochter Leila. Heute ist sie 65 Jahre alt und wieder schwanger - mit Vierlingen.

Annegret Raunigk trägt im Rentenalter Vierlinge aus. Ein riskantes Unterfangen - mit ungewissem Ausgang. Der Gynäkologe Klaus Vetter, ehemaliger Leiter der Klinik für Geburtsmedizin am Vivantes Klinikum in Neukölln, hat mit seinem Team die Geburten von rund 70.000 Kindern begleitet. Die kritischste Zeit, so glaubt er, stehe Annegret Raunigk erst noch bevor.

Annegret Raunigk sagt, sie fühle sich fit, die Schwangerschaft verlaufe ohne größere Komplikationen. Ein gutes Zeichen?
Da habe ich einen anderen Eindruck: Das, was sie sagt, passt nicht zu dem, wie es ihr tatsächlich geht. Offenbar kann oder will sie ihre derzeitige Situation nicht richtig einschätzen. Die Frau ist erst bei 21 Schwangerschaftswochen - und bekommt schon jetzt keine Luft mehr, wenn sie sich anstrengt. Im Fernsehen (RTL-Sendung "EXTRA", 13.04., 22.15 Uhr - Anm. d. Red.) sagte sie, sie sitze gerne auf der Treppe, weil sie in aufrechter Haltung besser atmen könne. Für Mediziner ist das ein Alarmzeichen.

Inwiefern?
Offenbar ist ihr Herz-Kreislauf-System überfordert. Das Herzminutenvolumen, also die Menge Blut, die das Herz pro Minute in den Kreislauf pumpt, ist bei einer Vierlingsschwangerschaft massiv erhöht. Das Herz muss stärker pumpen, um das Pensum für die Vierlinge auch jetzt schon bewältigen zu können. Die Kurzatmigkeit zeigt, dass die Frau an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit zu sein scheint.

Sie ist gerade einmal im fünften Monat.
Das ist ja das Schlimme - denn jetzt geht es erst richtig los. Die Belastungen durch die Schwangerschaft werden in den kommenden Wochen massiv zunehmen. Aus meiner Sicht handelt es sich dabei um nichts anderes als ein Experiment - ein Experiment am Menschen. Das kann mit Sicherheit nicht gut ausgehen. Ich kann nur Ferndiagnosen stellen, aber meines Erachtens nach ist diese Frau gerade im Begriff, sich in Lebensgefahr zu begeben.

Wie stehen die Chancen, dass alle vier Kinder gesund auf die Welt kommen?
Eher schlecht. Ich rechne damit, dass die behandelnden Ärzte zu einem frühen Zeitpunkt eingreifen und die Schwangerschaft beenden müssen, allein, um das Überleben der Mutter zu sichern. Wann das persönliche Limit der Frau definitiv erreicht sein wird, lässt sich allerdings auf Basis einer Fernsehsendung schwer einschätzen. Ab etwa der 30. Schwangerschaftswoche sind Frühgeborene mit einiger Sicherheit gesund überlebensfähig, besser sind allerdings 34 Schwangerschaftswochen. Dann stehen die Chancen sehr gut, dass sich die Kinder gesund entwickeln.

Bei höhergradigen Mehrlingsschwangerschaften besteht die Möglichkeit, einzelne Föten gezielt abzutöten, um das Überleben der Mutter zu sichern. Mediziner nennen das "selektive Reduktion". Könnte die Mutter noch vor der Wahl stehen, sich gegen einzelne Kinder zu entscheiden?
Dieser Eingriff hätte längst durchgeführt werden können. Im Normalfall geschieht die Reduktion viel früher, zum Beispiel bei zwölf Schwangerschaftswochen. Dazu wird ein Gift in das Herz des Ungeborenen gespritzt, was zu einem Herzstillstand führt. Dieser Eingriff - so schlimm er auch ist - wäre aus medizinischer Sicht in dieser Schwangerschaft sicher indiziert gewesen. Er ist immer dann sinnvoll, wenn die Mehrlingsschwangerschaft das Leben der Mutter gefährdet. Die Entscheidung für oder gegen einen Eingriff liegt allerdings bei der Schwangeren.

Könnte die Reduktion in dem fortgeschrittenen Stadium der Schwangerschaft überhaupt noch durchgeführt werden?
Theoretisch ist alles denkbar. Momentan sieht es allerdings so aus, als würde die 65-Jährige alles dafür tun, um die Schwangerschaft ohne Eingriffe fortzuführen.

Interview: Ilona Kriesl

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