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64-jährige Mutter: Wie weit darf die Medizin gehen?

Eine 64-Jährige brachte in Aschaffenburg am 29.11. ihr erstes Kind zur Welt. Der Fall sorgt durchaus für Irritation. stern.de hat mit Medizinern und Ethik-Experten über die Probleme der späten Mutterschaft gesprochen

Von Nina Bublitz

Sollten zwei Menschen, die beide 64 Jahre alt sind, zusammen ein Kind in die Welt setzen? Zu dem Thema hat wahrscheinlich jeder eine Meinung. Spontan schockt die meisten schlicht das Alter - die Vorstellung, dass zwei Renter einen Kinderwagen durch die Gegend schieben und beide Eltern schon pflegebedürftig sein könnten, bevor ihre Tochter volljährig wird.

"Dieser Fall wirkt verwerflich, weil hier eine Generation übersprungen wird. Man kann sich leicht vorstellen, dass dies später zu Problemen führt - auch wenn es das nicht muss", sagt der Berliner Geburtsmediziner Professor Klaus Vetter, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe. Seine persönliche Erfahrung: "Ich habe mit meinen Eltern Tennis gespielt, war mit ihnen Ski fahren - ich kann mir schwer vorstellen, dass dieses Kind in seiner Jugend so etwas mit den Eltern unternehmen kann." Er sehe den Fall zwar kritisch, aber finde die Entscheidung der Eltern nicht grob falsch.

Das Kind kann bei diesen Eltern glücklicher sein als in einer jungen Familie

Die Kölner Privatdozentin Dr. Christiane Woopen, die Mitglied des Nationalen Ethikrats ist, erklärt sich die erste Irritation, die der Fall auslöst, so: „Die spontane Ablehnung bezieht sich auf die Lebensumstände, die das Kind haben wird: Wenn es beispielsweise im Kindergarten und der Schule seine Eltern vorstellt - und andere Kinder jüngere Großeltern haben. Frauen, die selbst Mutter sind, wundern sich sicher auch darüber, dass jemand in diesem Alter noch die Strapazen, die mit einer Schwangerschaft, dem Betreuen eines Kleinkindes und den Herausforderungen der Pubertät verbunden sind, auf sich nimmt." Woopen fügt hinzu: "Aber die Beurteilung eines Einzelfalls ist immer schwierig: Das Kind kann bei diesen Eltern glücklicher sein, als in einer jüngeren Familie, wo die Rahmenbedingungen schwieriger sind."

"Natürlich können sich Eltern mit Mitte 60 nicht sicher sein, dass sie für das Kind da sein werden, solange es die intensive Betreuung der Eltern benötigt. Aber ich kann nicht sagen: Eine Frau mit 64 ist zu alt, um ein Kind zu erziehen", sagt Dr. Sigrid Graumann vom Institut Mensch, Ethik und Wissenschaft in Berlin, die Mitglied der Zentralen Ethikkommission der Deutschen Ärztekammer ist. "Schließlich sprechen wir Männern in dem Alter das Recht auf eine späte Vaterschaft auch zu. Und: Wenn Großeltern ein Enkelkind erziehen, weil die Eltern sich nicht kümmern, dann ist das sogar gesellschaftlich erwünscht - und das Alter kein Problem."

Durch die Eizellspende werden Frauen ausgebeutet

Jenseits der Wechseljahre können Frauen nur schwanger werden, wenn Sie eine Eizellspende bekommen. Die Entnahme von Eizellen ist ein Eingriff, der für die Spenderin nicht ganz ohne Risiko ist. In Deutschland ist die Methode verboten. Allerdings können Frauen in andere Länder - zum Beispiel Spanien - reisen, wo Eizellspenden erlaubt sind und später in Deutschland entbinden, wie dies auch die 64-Jährige getan hat. "In einer globalisierten Welt können sie einer Frau nicht die Behandlung verweigern, nachdem sie sich in einem anderen Land eine Eizelle hat einpflanzen lassen", erklärt Geburtsmediziner Vetter. "Die Eizellspende ist bei uns verboten, aber es gibt Samenbanken. Mir leuchtet das ehrlich gesagt nicht ein - bei beidem handelt es sich um Bio-Material, das zur Zeugung eines Kindes verwendet wird. Die Eizellentnahme ist zwar aufwendiger - aber die langfristigen Konsequenzen sind gleich. Meiner Meinung nach sollten beide rechtlich gleich behandelt werden."

Sigrid Graumann sieht die Eizellspende als grundsätzliches Problem: "Die Spenderin wird einem Gesundheitsrisiko ausgesetzt, das sie meist aus einer finanziellen Notlage heraus eingeht. In vielen Ländern, in denen Eizellspenden erlaubt sind und in denen deutsche Frauen Eizellspenden nachfragen, werden junge Frauen für Geld angeworben. Das halte ich für ethisch nicht vertretbar. Frauen mit einem Kinderwunsch sollten sich klarmachen, dass durch dieses System andere Frauen ausgebeutet werden und geschädigt werden können." Die Eizellspenden sind zudem oft anonym. Ein Kind hat dann später keine Möglichkeit, seine genetische Mutter kennenzulernen. In Deutschland sind aus diesem Grund auch anonyme Samenspenden verboten.

"Man spielt mit dem Leben von Mutter und Kind"

Klaus Vetter sieht bei dem aktuellen Ereignis ein ganz praktisches Problem: "Ein Fall wie dieser scheint zu zeigen, dass alles machbar ist. Aber ich sehe als Arzt die Risiken. Man spielt mit dem Leben von Mutter und Kind. Wenn sich der Körper in diesem Alter nicht an eine Schwangerschaft anpasst, dann kann das zum Beispiel zu einer Präeklampsie führen, einer Schwangerschaftsvergiftung. In den Medien sehen wir immer nur die Erfolge - und nicht die Fälle, in denen es zu Komplikationen kam."

Aber sollte die Medizin - selbst wenn die Risiken kalkulierbar sind - Frauen mit Mitte 60 noch zu einer Schwangerschaft verhelfen? Medizinethik-Expertin Christiane Woopen vertritt einen klaren Standpunkt: "Meine Meinung ist, dass sich die Medizin auf ihren Handlungsauftrag besinnen müsste. Sie soll Krankheiten und Behinderungen vermeiden oder ausgleichen, hier aber wurde dem Körper eine Funktion gegeben, die er normalerweise gar nicht mehr hat. Die Ärtze müssen auch das Wohl von Mutter und Kind bedenken."

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