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Hilfe in Notlagen Existenzangst und soziale Isolation: Ansturm auf Telefonseelsorge in der Corona-Krise

Ein Mitarbeiter eine Telefonseelsorge
Ein Mitarbeiter eine Telefonseelsorge. In der Coronavirus-Krise fühlen sich mehr Menschen mit ihren Problemen allein als zu früheren Zeiten.
© Uwe Zucchi / DPA
Wegen der Corona-Pandemie schränken die Menschen ihre sozialen Kontakte ein. Aber wie bewältigt man existenzielle Sorgen, wenn man Familie und Freunde nicht besuchen darf? Ein Anruf bei der Telefonseelsorge kann helfen – auf diese Einrichtung gibt es einen regelrechten Ansturm.

Die Coronavirus-Krise führt zu einem Ansturm auf die Telefonseelsorge in Deutschland. Das bestätigten mehrere Anbieter dieses kostenlosen Services, bei dem man Tag und Nacht anonym Rat und Hilfe in existenziellen Notlagen bekommen kann. In den vergangenen drei Tagen hätten die Anrufe bei der Telefonseelsorge in ganz Deutschland um 50 Prozent zugenommen, sagte Pastorin Babette Glöckner, Leiterin der Evangelischen Telefonseelsorge in Hamburg, am Donnerstag dem stern.

"Wir arbeiten auf Volllast“, sagt auch Uwe Müller, Geschäftsführer der Kirchlichen Telefonseelsorge in Berlin und Brandenburg. Wegen der Corona-Krise nutzten derzeit noch mehr Menschen die Möglichkeit, sich am Telefon Rat und Hilfe für ihre Probleme zu holen, so der Telefonseelsorger.

Dafür gebe es vor allem zwei Ursachen: Erstens verstärkten die Vorsichtsmaßnahmen wegen der Coronavirus-Pandemie die Einsamkeit vieler Menschen. Und zweitens wachse bei vielen auch die Angst vor wirtschaftlicher Not.

Weniger soziale Kontakte wegen der Corona-Vorsichtsmaßnahmen

Viele Menschen hätten derzeit deutlich weniger direkte soziale Kontakte als in "Vor-Corona-Zeiten“, beobachten die Telefonseelsorger in Deutschland. Denn die sozialen Kontakte sollen wegen der großen Ansteckungsgefahr eingeschränkt werden.

Allein gelassen mit seinen Problemen – da kommt man schnell ins Grübeln. Die Probleme nehmen Dimensionen an, zu denen sie sich unter anderen Umständen nicht auswachsen würden. "Es existieren auch ganz viele realitätsfremde, paranoide Ängste derzeit“, sagt Pastorin Glöckner.

Auch wenn die Menschen in den Gesprächen mit den ehrenamtlichen Telefonseelsorgern vielleicht nicht direkt sagen, dass sie sich isoliert fühlen – die Ehrenamtlichen am Telefon nähmen die Einsamkeit zwischen Zeilen deutlich wahr, sagt die Pastorin.

Keine Selbsthilfegruppe, wenig Kontakt mit den Nachbarn

In der aktuellen Corona-Krise falle es vielen Menschen sehr schwer, ohne ihre normalen Gruppenerlebnisse klar zu kommen, dazu zählten zum Beispiel Selbsthilfegruppen, die für Menschen mit psychischen Problemen besonders wichtig sind. "Auch der intensivere Austausch mit Nachbarn unterbleibt zunehmend", beobachtet die Pastorin. Sportgruppen können nicht mehr besucht werden. Dies alles trage zur Vereinsamung bei.

Menschen mit psychischen Erkrankungen seien von Einsamkeit besonders betroffen. "Der Druck nimmt zu", sagt Pastorin Glöckner. Es riefen auch mehr Menschen als sonst bei der Telefonseelsorge an, die an einen Suizid denken.

Im Gespräch mit der Telefonseelsorge können die Probleme schrumpfen

Die Telefonseelsorge könne helfen, da ist sich die Pastorin sicher. Ihr Team ist – wie die übrigen Anbieter der Telefonseelsorge in Deutschland – Tag und Nacht anonym und kostenlos zu erreichen. "Es ist hilfreich, wenn ein Mensch die Angst eines anderen Menschen ernst nimmt", sagt sie.

Die Telefonseelsorger in Deutschland arbeiten ehrenamtlich. Um am Telefon Menschen in seelischen Notlagen beraten zu dürfen, muss man Schulungen und Monitorings absolvieren. Dieses Ehrenamt ist traditionell bei Frauen beliebt.

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Nicht nur die Einsamkeit werde aktuell als besonders schlimm empfunden, sagt Uwe Müller von der Kirchlichen Telefonseelsorge in Berlin und Brandenburg. Aktuell geraten viele Menschen in finanzielle und damit auch existenzielle Nöte. Oder sie haben Angst, dass es so weit kommen kann – etwa, weil Restaurants oder Läden schließen müssen, Veranstaltungen abgesagt werden oder sie als Freiberufler nicht mehr für ihre üblichen Aufträge gebucht werden.

Angst vor wirtschaftlicher Not wegen der Corona-Krise

In Zeiten vor der Coronavirus-Pandemie seien beispielsweise vor allem familiäre Schwierigkeiten, die Trauer um einen Partner oder eine schlimme medizinische Diagnose Gründe gewesen, um bei der Telefonseelsorge anzurufen, sagt Müller. Nun kämen auch noch Notlagen hinzu wie: "Mein Arbeitgeber geht pleite, ich habe Angst vor der Arbeitslosigkeit" oder "Ich muss wahrscheinlich wegen der Corona-Krise meinen kleinen Laden aufgeben". Wegen der Bordellschließungen riefen auch Prostituierte an. Diese Menschen hätten Angst, dass ihnen in ihrer finanziellen Not überhaupt niemand hilft.

Geschäftsführer Müller arbeitet selbst als Telefonseelsorger und erlebt daher den aktuellen Ansturm auf die Einrichtung hautnah. "Wenn man den Hörer auflegt, dann klingelt es sofort wieder“, sagt er. "Neun von zehn Anrufen drehen sich derzeit um Corona“. Nur nachts sei es etwas ruhiger.

Raus aus dem Panik-Modus – das hilft schon sehr viel weiter

Die Telefonseelsorger können die Probleme zwar nicht lösen – aber helfen, sie in einem realistischeren Licht zu sehen, nicht mehr im Panik-Modus. Dieses Sortieren der Gedanken helfe den Betroffenen. "Wir schaffen es, die Menschen von einem Level der Verzweiflung auf ein 'Beunruhigt'-Level herunterzubekommen", sagt Telefonseelsorger Müller.

Auch Pastorin Glöckner hat die Erfahrung gemacht, dass ein zweiter, etwas distanzierterer Blick auf ein Problem einem Betroffenen schon sehr helfen kann: "Man darf nicht gemeinsam Panik bekommen", sagt sie. Die Telefonseelsorge sei in diesen Zeiten ein Fels in der Brandung.

Während in vielen Betrieben derzeit mobiles Arbeiten und Home Office angesagt ist, können die Telefonseelsorger nur von ihren üblichen Arbeitsplätzen aus beraten und helfen – allein schon aus Gründen der IT-Sicherheit. Diesen Job kann man nicht von irgendeinem Telefon aus machen, sondern nur von den dafür vorgesehenen Arbeitsplätzen.

Auch in der Telefonseelsorge gibt es einen Fachkräftemangel

Für die aktuell hohe Nachfrage gebe es eigentlich zu wenig Mitarbeiter, das bestätigen die Telefonseelsorger in Hamburg und in Berlin und Brandenburg. "Wir überlegen auch, Leute aus dem Ruhestand zu reaktiveren und hoffen, dass einige später in den Ruhestand gehen als geplant", sagt Müller. Ähnliche Überlegungen gebe es auch in ihrer Beratungsstelle, bestätigt Pastorin Glöckner.

Die Telefonseelsorge berät nicht nur auf Deutsch, sondern in etlichen weiteren Sprachen, beispielsweise auf Russisch oder Türkisch. Auch gibt es eine muslimische Telefonseelsorge. Doch egal in welcher Sprache und bei welchen Problem die Helferinnen und Helfer am Telefon angerufen werden – die Betreiber dieser ehrenamtlichen Angebote rechnen damit, dass der Ansturm vorerst nicht abebbt, denn die Corona-Krise ist ja noch in vollem Gang.

Und gerade in Zeiten von Corona erscheint diese Einrichtung als geeignete Anlaufstelle für viele Menschen, die mit jemandem über ihre Sorgen und Nöte sprechen wollen. Ein Pluspunkt aus Sicht vieler Anrufer sei wohl auch, dass diese helfenden Gespräche ganz ohne direkte soziale Kontakte geführt werden, sagt Müller und bringt es auf den Punkt: "Zum Glück geht so ein Virus nicht durchs Telefon."

Sie haben suizidale Gedanken?

Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222 erreichbar. Auch eine Beratung über E-Mail ist möglich. Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.


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