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US-Experten empfehlen: Eine Aspirin täglich – hilft das, Herzinfarkt und Krebs vorzubeugen?

Aspirin hat einen schlechten Ruf. Es kann Blutungen und Geschwüre auslösen. Doch nun empfehlen US-Experten das Mittel, um Herzinfarkten, Schlaganfällen und Darmkrebs vorzubeugen. Ist Aspirin damit rehabilitiert?

Eine Aspirin-Tablette der Firma Bayer liegt auf einem Tisch.

Acetylsalicylsäure (ASS) wird vom Pharmaunternehmen Bayer unter dem Namen Aspirin vermarktet

Acetylsalicylsäure (ASS) ist eines der der ältesten und bekanntesten Schmerzmittel. Es lindert Kopfschmerzen, senkt Fieber und bekämpft Entzündungen. Seit seiner Entdeckung im Jahr 1897 durch einen deutschen Chemiker hat es einen Siegeszug rund um den Globus angetreten: ASS gibt es mittlerweile in allen möglichen Darreichungsformen – als Tablette, zum Auflösen in Wasser oder zum Kauen. Der Wirkstoff ist in vielen Präparaten enthalten, am bekanntesten ist jedoch die Marke Aspirin des Pharmakonzerns Bayer.

Dies ist die eine Seite des Wirkstoffs, die Erfolgsgeschichte. Doch das Schmerzmittel besitzt auch unerwünschte Nebenwirkungen. Es kann Schwindel, Asthma-Anfälle und Allergien auslösen und ist für Kinder unter 16 Jahren nicht geeignet. Zudem verdünnen Aspirin und andere Medikamente mit dem Wirkstoff ASS das Blut – oft für die Dauer von mehreren Tagen. Wer eine Tablette schluckt, sich im Anschluss schneidet oder verletzt, blutet länger. Noch gravierender sind innere Blutungen, die der Wirkstoff verstärken oder begünstigen kann, etwa im Hirn, im Magen oder Darm. Dabei handelt es sich um medizinische Notfälle. Menschen, die schon einmal ein Geschwür oder eine Blutung im Magen-Darm-Bereich hatten, sollten daher auf Aspirin verzichten.

Paradoxerweise verhilft eben jene blutverdünnende Nebenwirkung ASS zu neuer Popularität. Herzinfarkt- und Schlaganfallpatienten schlucken vom Arzt verordnete niedrig dosierte Acetylsalicylsäure. Sie soll verhindern, dass sich die Blutplättchen erneut verklumpen und so Gerinnseln vorbeugen. Seit Anfang der Neunzigerjahre ist der Wirkstoff für diese Indikation zugelassen – die Therapie mit ASS gilt als bewährt. Auch bei Patienten mit einem akuten Herzinfarkt kommt der Wirkstoff zum Einsatz und soll verstopfte Gefäße wieder öffnen.

US-Experten gehen nun sogar einen Schritt weiter. Das U.S. Preventive Services Task Force, eine Sachverständigengruppe von Medizinern, hat kürzlich neue Empfehlungen für ASS herausgegeben. Demnach ist eine tägliche Aspirin-Dosis nicht nur für Herzinfarktpatienten sinnvoll, sondern auch für an sich gesunde Menschen. Erwachsene zwischen 50 und 69 Jahren könnten mit einer niedrig dosierten Aspirin-Pille Herzinfarkten, Schlaganfällen und sogar Darmkrebs vorbeugen – vorausgesetzt, sie haben ein erhöhtes Risiko, in den kommenden zehn Jahren an einem Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erkranken. Die tägliche Einnahme von 81 Milligramm ASS sollte über die Dauer von mindestens zehn Jahren erfolgen.

Neu an den Empfehlungen ist der Einsatz von Aspirin zur Krebsprävention. Überraschend ist dieser Ansatz nicht, frühere Untersuchungen legten bereits einen Zusammenhang nahe. So kamen Forscher der Universität Oxford vor einigen Jahren zu dem Schluss, dass eine geringe tägliche Dosis Aspirin das Risiko verringere, an Krebs zu erkranken – in erster Linie war der Effekt für Darmkrebs beobachtet worden. Eine neuere Untersuchung aus dem März diesen Jahres scheint den Effekt zu bestätigen: Forscher der Harvard School of Public Health hatten die Daten von rund 135.000 Frauen und Männern ausgewertet und auch hier einen Zusammenhang nachweisen können. Bei Menschen, die Aspirin regelmäßig für die Dauer von mindestens sechs Jahren eingenommen hatten, sank das Krebsrisiko leicht, aber messbar. Unklar bleibt jedoch, wie dieser Effekt zustande kommt. Die Forscher wiesen lediglich einen Zusammenhang zwischen der Aspirin-Einnahme und einer geringeren Häufigkeit an Krebserkrankungen, vor allem Darmkrebs, nach.

Eine tägliche Aspirin auch für Gesunde?

Ist Aspirin damit rehabilitiert und kann bedenkenlos von jedermann genommen werden? Wohl kaum. Die Studie der Harvard School mag zwar einen interessanten Zusammenhang zwischen Aspirin und Krebsprävention aufzeigen – sie erlaubt aber keine Rückschlüsse darüber, welche Nebenwirkungen unter der Aspirin-Einnahme aufgetreten sind. Heißt: ASS mag im Einzelfall der Entstehung von Krebs vorbeugen, bei anderen Patienten kann es aber auch zu gravierenden Nebenwirkungen, etwa Blutungen, führen.

Mathias Heikenwälder vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg hält die bedenkenlose langjährige Anwendung von ASS daher für "sehr problematisch". Warum in Amerika großflächig zu einer solchen Therapie geraten werde, könne er nicht nachvollziehen. "Statistisch gesehen wird es bei langjähriger Behandlung mit ASS eine Patientengruppe geben, die davon profitiert", so Heikenwälder. "Auf der anderen Seite gibt es aber auch Patienten, die keinen Nutzen davon tragen werden, und sogar möglicherweise Patienten, die Nebenwirkungen entwickeln können." Zudem sei nicht untersucht worden, ob die langjährige Anwendung von ASS möglicherweise andere Krankheiten begünstige, etwa Autoimmunerkrankungen, Stoffwechselerkrankungen oder Verdauungsstörungen.

Sein Fazit: "ASS einfach auf gut Glück zu nehmen macht meiner Meinung nach keinen Sinn." Er rät Patienten, regelmäßig zu Vorsorgeuntersuchungen zu gehen, etwa zu Darmspiegelungen. Wer vorbeugend ASS einnehmen wolle, solle in jedem Fall Rücksprache mit seinem Hausarzt oder einem Spezialisten halten, ob es Gründe gibt, die gegen eine Langzeit-Einnahme sprechen. Heikenwälder: "Mit dem Arzt lassen sich auch weitere Fragen klären, etwa zur Dosierung oder den damit verbundenen Risiken."

Die Deutsche Herzstiftung steht einer unreflektierten regelmäßigen Einnahme von ASS zum Schutz vor Herzinfarkten ebenfalls kritisch gegenüber. Dies sei "nur für bestimmte Menschen ratsam", heißt es auf der Seite der Stiftung. Ob die Einnahme im Einzelfall sinnvoll sei, können Patienten im Gespräch mit einem Kardiologen in Erfahrung bringen. Dabei würden verschiedene Risikofaktoren wie das Alter, Geschlecht, Blutdruck und Rauchgewohnheiten berücksichtigt.

Fazit

Die Entscheidung, ob eine langjährige Einnahme von ASS zum Schutz vor Herzinfarkten, Schlaganfällen und Darmkrebs sinnvoll ist, kann nur in Absprache mit einem Arzt getroffen werden. Vor allem für gesunde Menschen, die sonst keine Risikofaktoren aufweisen, scheint die Gefahr eventueller Nebenwirkungen den Nutzen einer Therapie zu überwiegen.

Das Gute: Es existiert ein Weg, das Risiko für Krebs, Herzinfarkt und Schlaganfall auf natürliche Weise zu senken – ganz ohne Risiken. Ein gesunder Lebensstil trägt dazu bei, das Krankheitsrisiko möglichst gering zu halten. Heißt: viel bewegen, sich abwechslungsreich ernähren, Obst, Gemüse und Ballaststoffe essen und auf Rauchen und Alkohol weitgehend verzichten. Auch wenn es schwer fällt.

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