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Asthma und Schulsport: Wenn dem Kind die Luft wegbleibt

Sport kann einen Asthmaanfall auslösen, langfristig aber auch die Krankheit lindern. Asthmakinder sollten daher am Schulsport teilnehmen, raten Mediziner. Das Problem dabei: Die meisten Lehrer haben keine Ahnung, wie sie bei akuter Atemnot helfen können.

Von Martina Janning

Sportunterricht in einer Grundschule: Plötzlich muss Tom husten und kann gar nicht wieder aufhören. Er japst und sein Kopf läuft rot an. Tom kann kaum atmen und gerät mehr und mehr in Panik. Genau wie seine Lehrerin. Sie weiß nicht, wie sie dem Jungen helfen soll, den Asthmaanfall zu überstehen. Ein Defizit, das sie mit vielen Kollegen teilt, wie eine Studie der Universität Kiel zeigt. Die Wissenschaftler befragten in Schleswig-Holstein 120 Grundschullehrer, die Sport unterrichten. Das Ergebnis ist schockierend: Nur fünf Lehrkräfte konnten die Schritte des Notfallplans bei einem Asthmaanfall vollständig benennen, und lediglich ein Lehrer besaß umfangreiches Wissen zum Thema Asthma und Sport. 115 der 120 Pädagogen hatten keine Ahnung, wie sie mit Asthmakindern umgehen müssen. Dabei wussten 71 Prozent von ein bis zwei betroffenen Jungen und Mädchen in ihrem Unterricht. Hinzu kommen die Inkognito-Asthmatiker: In Deutschland ist etwa jedes achte Kind unter zehn Jahren und jedes zehnte Kind unter 15 Jahren asthmakrank. Damit ist Asthma bronchiale die häufigste chronische Erkrankung im Kindesalter.

Vermeidbare Fehler

Doch nicht genug damit, dass Lehrer nicht wissen, wie sie bei akuter Atemnot Hilfe leisten können, viele verhalten sich außerdem im Sportunterricht falsch und können damit sogar einen Asthmaanfall provozieren. Die Kinder zu Beginn einer Sportstunde einige Runden laufen zu lassen, ist weit verbreitet. Und grundfalsch, sagt Andreas Märzhäuser, einer der Studienautoren: "Wenn ein Asthmakind seine Leistung von Null auf Hundert steigern soll, werden seine Atmungsorgane zu stark belastet." Die Muskeln der Bronchien verkrampfen, die Schleimhäute schwellen an und bilden vermehrt zähen Schleim. Dadurch verengen die Bronchien, der Asthmatiker kann noch einatmen, aber das Ausatmen fällt ihm schwer - der Notfall ist da.

Welche Sportarten sind geeignet?

Um keinen Anfall zu riskieren, schließen manche Lehrer Asthmakinder vom Schulsport aus. Auch falsch, urteilt Märzhäuser. Die meisten Experten betonen heute, dass Asthmakranke von Sport profitieren können. Er kräftigt die Atemmuskeln, erhöht das Volumen der Lungen und fördert die Ausdauer - vorausgesetzt der Asthmakranke trainiert richtig. Um zu starke Anstrengung zu vermeiden, rät Diplom-Sportlehrer Märzhäuser zu intervallartiger Belastung: "Ungeübte Asthmakinder sollten zunächst im Wechsel etwa 20 Sekunden laufen und dann rund 120 Sekunden gehen." So können sie ganz langsam Kondition aufbauen. Grundsätzlich empfehlen Mediziner Asthmapatienten Ausdauersport mit sanften Bewegungen. Hierzu zählt der Bundesverband der Pneumologen Schwimmen, Joggen, Radfahren und Walking. Auch Tai Chi und Yoga könnten sich positiv auf die Atmung auswirken, sagen die Lungenfachärzte.

Außerdem: Bewegung fördert die körperliche und geistige Entwicklung eines Kindes. Zudem macht es kleine Patienten selbstbewusst, wenn sie ihre Krankheit durch Sport besser beherrschen können. Das Asthma sollte jedoch so behandelt sein, dass dem Kind "spontanes bewegungsreiches Spielen und Sporttreiben möglich ist", betonen die Experten vom Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG). Dazu gehört, dass ein Asthmakind seine Medikamente wie verordnet einnimmt und stets ein Notfallspray dabei hat.

Umweltbelastungen berücksichtigen

Sportlehrer sollten jedoch nicht nur darauf achten, dass Asthmakinder sich nicht überanstrengen. Sie müssten auch auf Umweltbelastungen Rücksicht nehmen, sagt Märzhäuser. Starken Pollenflug, hohe Ozonwerte oder Kälte können die empfindlichen Atemwege von Asthmakranken nämlich reizen und einen Anfall auslösen. Bei widrigen Bedingungen muss Sport im Freien also ausfallen.

Einen wichtigen Ansatzpunkt sehen die Kieler Wissenschaftler in der Ausbildung von Lehrern: Nur 2,5 Prozent der Befragten hatten in Studium und Referendariat mit Asthma zu tun. Die meisten Lehrkräfte eigneten sich ihr vorhandenes Wissen selbst an. "Es besteht ein dringender Schulungsbedarf", diagnostizieren Märzhäuser und seine beiden Kollegen in der Fachzeitschrift Pneumologie, die die Studie veröffentlicht hat.

Aber auch die Eltern sind gefragt. Sie müssen Lehrer über die Erkrankung und den Umgang mit ihrem Asthmakind informieren. Allen hilft es außerdem, wenn das Kind so früh wie möglich eine Asthmaschulung mitmacht. Dort lernt es, worin seine Krankheit besteht, wie es Auslöser vermeidet und was es bei einem Anfall tun muss.

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  • Martina Janning