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Pandemie: Bayern plant Corona-Tests für alle – was dafür spricht und was dagegen

Bayern will als erstes Bundesland massenweise Corona-Tests ermöglichen - kostenlos. Für das Vorgehen gibt es gute Gründe. Aber auch einige, die dagegen sprechen. 

PCR-Test in einem Labor

PCR-Test in einem Labor: Das Bundesland Bayern will Corona-Massentests einführen

AFP

Wer sich in Bayern auf das Coronavirus testen will, soll dies künftig tun können - auch ohne Symptome oder erhöhtes Infektionsrisiko. Wie die bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) am Sonntag verkündete, plane Bayern eine "Corona-Testoffensive". Interessierte Patienten sollen sich demnach beim Hausarzt auf das Coronavirus Sars-CoV-2 testen lassen können. Die Kosten will der Freistaat übernehmen.

Bei den Tests soll es sich um sogenannte PCR-Tests handeln. Dafür wird in der Regel aus den oberen Atemwegen ein Abstrich genommen. Im Anschluss kommt die Probe in ein Labor, wo das Virus direkt nachgewiesen werden kann.

Doch wie sinnvoll sind Massentests? Patientenschützer Eugen Brysch von der Deutschen Stiftung Patientenschütz begrüßt die geplante Test-Ausweitung - Infektionsketten könnten damit "zügig und schnell" erkannt werden. Andere Stimmen äußern sich dagegen verhaltener. Politiker aus Hamburg und Schleswig-Holstein kündigten bereits an, dem Beispiel von Bayern nicht folgen zu wollen. Für beide Positionen gibt es gute Gründe - ein Überblick.

Was spricht für Corona-Massentests?

  • Gegen das Coronavirus gibt es bislang keinen zugelassenen Impfstoff. Um eine unkontrollierte Ausbreitung des Erregers zu verhindern, ist es daher besonders wichtig, Infektionsketten frühzeitig zu durchbrechen. Das gelingt etwa mit Quarantäne-Auflagen oder Kontakt-Einschränkungen. Auch Massentests können dabei helfen, Infektionen mit dem Coronavirus zu erkennen, noch bevor die Person weitere Menschen anstecken kann. Die Ausbreitung des Erregers wird eingedämmt.
  • Einige Personen entwickeln trotz Corona-Infektion keine oder nur leichte Symptome. Sie fühlen sich beispielsweise lediglich müde und abgeschlagen. Massentests können dabei helfen, auch diese Fälle zu erkennen. Weitere Ansteckungen würden vermieden.
  • Massentests ermöglichen eine Einschätzung des realen Infektionsgeschehens. Wird mehr getestet, sinkt die Dunkelziffer. Auch der politischen Entscheidungsfindung könnte das nutzen - etwa bei der Frage ob eine weitere Lockerung der aktuellen Kontaktbeschränkungen sinnvoll ist.
  • Außerdem liefern groß angelegte Tests Anhaltspunkte bei lokalen Ausbruchsgeschehen. Gefahrenlagen können schnell erkannt werden: Hat sich das Virus möglicherweise schon stärker in der Bevölkerung ausgebreitet? Ist ein lokaler Lockdown sinnvoll? Oder handelt es sich um einen eingekapselten Ausbruch, beispielsweise in einem einzelnen Betrieb, der schnell wieder eingedämmt werden kann?
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Was spricht dagegen?

  • Mit dem PCR-Test kann zwar relativ zuverlässig festgestellt werden, ob eine Infektion mit dem Coronavirus vorliegt oder nicht. Es handelt sich dabei jedoch "nur um eine Momentaufnahme", betont Ralf Reintjes, Professor für Epidemiologie und Gesundheitsberichterstattung in Hamburg. "Zwar sind die PCR-Tests sehr zuverlässig im Nachweis von vorhandenem genetischem Material des Virus zum Zeitpunkt der Probenentnahme, jedoch schließt das weder eine bereits bestehende Infektion aus, die sich möglicherweise gerade erst ausbreitet und sich noch in der Inkubationsphase befindet, noch eine kurz nach der Untersuchung stattgefundene Neuinfektion. Somit besteht die Gefahr, dass der/die Untersuchte sich möglicherweise fälschlich in Sicherheit wiegt." Aus diesem Grund seien auch negative PCR-Tests als Reisevoraussetzung für Menschen aus Risikogebieten mit "Vorsicht" zu betrachten. 
  • Massentests helfen dabei, asymptomatische Verläufe zu erkennen. Fraglich ist aber, ob dieser Vorteil auch den Aufwand rechtfertigt. Jeder einzelne Test bindet Kapazitäten in den Arztpraxen und Laboren. Auch Material wie Atemschutzmasken wird verbraucht, das möglicherweise an anderer Stelle dringender benötigt wird. 
  • Ein PCR-Testergebnis gilt zwar als zuverlässig - eine hunderprozentige Sicherheit gibt es aber nicht. "Es gibt immer Testunsicherheiten – vor allem bei der Probenahme", betont Friedemann Weber, Direktor des Instituts für Virologie an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Wird die Probenentnahme beispielsweise zu zaghaft ausgeführt, kann das Testergebnis verfälscht werden.
  • Massentests sind kein Freifahrtsschein und ermöglichen auch keine Rückkehr zu einem Alltag ohne Abstandsregeln. Die Corona-Auflagen müssten weiterhin eingehalten werden. Vor allem ältere Menschen und chronisch Kranke sind weiterhin zu schützen - auch wenn der letzte Coronatest negativ ausgefallen ist. 

Quelle: Zitate laut Science Media Center

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