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Chemie im Alltag: Schluss mit dem diffusen Unbehagen!

Mit immer feineren Methoden spüren Forscher Chemiespuren in unserem Körper auf. Doch bei vielen Stoffen ist unklar, ob sie dem Menschen schaden. Ein neues EU-Gesetz soll Licht ins Dickicht aus diffusem Unbehagen und ungeklärten Fragen bringen.

Von Fabienne Hübener

Chemiecocktail Hautcreme: Komplizierte Namen sorgen für Unbehagen

Chemiecocktail Hautcreme: Komplizierte Namen sorgen für Unbehagen

Während Sie diesen Text lesen, atmen Sie aus Ihrem Computer hormonverändernde Phthalate ein, nehmen über Ihr T-Shirt krebserregende aromatische Amine auf und speichern erbgutveränderndes Bisphenol A aus der Hautcreme. Wenn nicht schon die komplizierten Namen für Unbehagen sorgen, dann spätestens die Vorstellung, was dieser "Chemiecocktail" im eigenen Körper wohl alles anrichtet.

Die erfreuliche Nachricht: Vielleicht nichts. Obwohl Wissenschaftler inzwischen für eine Reihe von Substanzen die schädliche Wirkung im Tierversuch nachgewiesen haben, gibt es kaum eindeutige Beweise dafür, dass sie den Menschen gefährden. Die unerfreuliche Nachricht: Genauso wenig gibt es Beweise für die Ungefährlichkeit dieser Stoffe. Alles ist möglich in einer Zeit, in der Chemie aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken ist.

Viel Chemie - wenig Wissen

Um den verunsicherten Bürgern mehr Chemikaliensicherheit zu bieten, hat die Europäische Union zwei wichtige Schritte eingeleitet. Einmal tritt ab dem 1. Juni 2007 die europäische Verordnung REACH in Kraft. Damit verpflichtet die EU Chemikalienhersteller dazu, bislang nicht ausreichend auf Schädlichkeit geprüfte Substanzen umfassend zu testen.

Zum anderen startet in Kürze ein Pilotprojekt, mit dem erstmals europaweit einheitliche Daten zur Schadstoffbelastung im Menschen erhoben werden. "Es gibt einfach zu viele Stoffe, von denen wir viel zu wenig wissen", bringt es REACH-Experte Dirk Bunke vom Freiburger Öko-Insitut auf den Punkt. Die Politik hat also die Weichen gestellt. Die Fronarbeit findet nun in den Laboren der Giftforscher, der Toxikologen, statt.

Detektivarbeit im Labor

Die Spuren, denen die Schadstoffdetektive im Labor nachforschen, sind so unvorstellbar klein, dass Sherlock Holmes schon lange aufgegeben hätte. "Wir bewegen uns da im Femto-Bereich", erklärt der Wissenschaftler. Substanzen bis zu einem Femtogramm, also einem Billiardstel Gramm, können die Forscher dingfest machen. "Das entspricht dem berühmten Zuckerwürfel im Starnberger See", sagt Elmar Richter, Toxikologe an der Uni München.

Die Spurensuche im Menschen wird Human-Biomonitoring genannt. Ob Blut, Urin, Muttermilch, Nabelschnurblut oder die Luft nach dem Ausatmen - die Forscher nutzen alles, was sie aus dem Menscheninneren abzapfen können. Damit füttern sie ihre Hightech-Geräte - Gaschromatografen und Massenspektrometer - und heraus kommt ein detailliertes Bild der Schadstoffbelastung.

"Ein Hit reicht aus", sagt der Umweltmediziner Jürgen Angerer. Er meint damit, dass bereits ein einziges Schadstoffmolekül im Körper genügt, um das Erbgut zu verändern - der erste Schritt in Richtung Krebs. Gefährliche Substanzen entdecken die Toxikologen immer wieder bei ihrer Suche im menschlichen Körper. Erst kürzlich fand Richter ein krebserregendes aromatisches Amin in einem "Zauberpflaster" für Kinder. Doch ob und ab welcher Konzentration eine Gefahr droht, ist unbekannt. Wie bei allen krebserregenden Substanzen lässt sich die Schwelle nur schwer bestimmen, ab der eine Substanz gefährlich wird. Denn ein "Hit" kann zwar bei einem Menschen Krebs auslösen, bei einem anderen jedoch folgenlos bleiben.

Weichmacher im Politikerblut

Nicht immer steht die Krebsgefahr im Vordergrund. Manche Chemikalien gelten als "endocrine disrupting chemicals", als Substanzen, die den Hormonhaushalt durcheinanderbringen. "Wissenschaftler vermuten, dass Phthalate für den Abfall der Spermienzahl und der Spermienqualität beim Menschen mitverantwortlich sind", sagt Umweltmediziner Angerer.

Für Umweltschutzverbände sind diese Zusammenhänge schon seit Jahren Grund zu Sorge und Ärger. Um Politiker auf die Schadstoffbelastung aufmerksam zu machen, zapfte der WWF vor drei Jahren Blut von 47 EU-Politikern und schickte es zur Analyse ins Labor. Im Schnitt fanden die Umweltaktivisten dabei 41 Substanzen, darunter auch polychlorierte Biphenyle (PCB), die seit 2001 aufgrund ihrer krebserregenden Wirkung verboten sind, und die umstrittenen Pthalate.

Im Blut von 13 europäischen Familien wies der Bund Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) über 70 Substanzen nach. Mit zunehmendem Alter stieg die Schadstoffmenge an. "Krematorien stellen eine hohe Umweltbelastung dar", formuliert es BUND-Chemikerin Patricia Cameron provokativ.

REACH für alle

Die Reaktion der Industrie folgte auf dem Fuße: "Mit dieser Art des Individual-Biomonitorings kann man Menschen verrückt machen", sagt Michael Nasterlack, Arbeitsmediziner bei BASF. Alles, was der Mensch in die Umwelt bringe, so der Mediziner, werde man auch irgendwann im Menschen nachweisen können. Aber das heiße noch nicht, dass es auch schädlich sei.

Außerdem finde man die "böse" Chemie nicht nur in den Industrielaboren, sondern auch - wie etwa das Flammschutzmittel PCB - als Naturprodukt in Walfett. "Unzulässige Verharmlosung", kontert BUND-Expertin Cameron. "Die Industrie hat schon viel getan, müsste aber noch mehr tun", sagt Toxikologe Richter.

Die gefühlte Bedrohung bleibt

Tatsächlich nimmt die Schadstoffbelastung für manche Gefahrenstoffe seit den 1970er Jahren ab. Grund dafür ist unter anderem der Baustopp für Asbest; auch die stark krebserregenden polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffe (PAK), wie sie früher beispielsweise in Parkettklebern Verwendung fanden, werden heute kaum noch verwendet.

Die Gefahr und vor allem die "gefühlte Bedrohung" durch die Chemie im Alltag aber bleiben. Von der EU-Verordnung REACH erhoffen sich nun alle Experten - ob Vertreter aus Umweltverbänden, Industrie oder Wissenschaft - dass das Dickicht aus diffusem Unbehagen, verstörenden Einzelfunden und ungeklärten wissenschaftlichen Fragen gelichtet wird.

"Es führt kein Weg daran vorbei", sagt REACH-Experte Dirk Bunke, "dass wir die Stoffe, die uns im Alltag begleiten, endlich besser kennenlernen. Nur so können wir sicherer mit Chemikalien umgehen." In zehn Jahren wird man sehen, ob REACH unsere Umwelt tatsächlich sicherer gemacht hat.

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