VG-Wort Pixel

"Spiegel"-Interview Drosten über weitere Corona-Welle: "Vielleicht entgehen wir einem zweiten Shutdown"

Dr. Eckart von Hirschhausen stellt Virologen Dr. Christian Drosten Fragen zum Coronavirus.
Sehen Sie im Video: Eckhart von Hirschhausen trifft den Virologen Christian Drosten.


Dr. Eckhart von Hirschhausen [00:00:00] Näher darf ich ihm nicht kommen, dem deutschen Mega Virologe Christian Drosten. Meine User haben viele, viele Fragen. Drei möchte ich gerne  loswerden. Viele laufen herum mit dem Virus, wissen aber nicht, ob wir ihn haben, und haben vielleicht auch keine Symptome. Darf weiter spazieren, darf man weiter joggen, auch wenn man sich krank fühlt?


Dr. Christian Drosten [00:00:27] Ich glaube, dass diese Trägerschaft eines Virus, wenn man sich das so vorstellt, gibt es gar nicht wirklich. Es gibt eine präsymptomatische Zeit von vielleicht ein oder zwei, einem Tag, wo man schon infektiös ist. Und es gibt viele Patienten, die sagen, sie haben keine Symptome. Wenn man aber nochmal genau fragt, haben Sie doch ein bisschen Kratzen im Hals. Also ganz asyptomatisch, da bin ich mir nicht so sicher.


Hirschhausen [00:00:52] Wie gefährdet sind Asthmatiker? Gelten sie auch als vorerkrankt? Da gibt es auch viele Kinder, die Asthma haben.


Drosten [00:01:01] Es ist tatsächlich so, dass ein nicht gut eingestelltes Asthma als ein Risiko gelten muss bei dieser Erkrankung. Und weshalb sollte man, wenn man nicht gut eingestellt ist, soweit wir es gerade noch serviert hat oder so. Dann muss man zu seinem Arzt. Denn es muss gut eingestellt sein. Lungenfunktion muss gut sein. Bevor jetzt diese Phase kommt.


Hirschhausen [00:01:44] Wie gefährdet sind wir in Deutschland? Sind wir grundsätzlich sowieso gesünder? Haben wir das bessere Gesundheitswesen? Oder hinken wir einfach nur der internationalen Entwicklung ein paar Wochen oder Monate nach?


Drosten [00:01:59] Zur Umweltverschmtzung kann man wenig sagen. Wir haben weniger beim Rauchen. Da muss man schon sagen: Jetzt ist die beste Zeit aufzuhören. Also wirklich. Insgesamt, beispielsweise im europäischen Vergleich, haben wir relativ viele Intensivbetten. Wir haben schon eine gute Ausbildung. Wir haben die letzten 15 Jahren aber auch viel rausgefahren.


Hirschhausen [00:02:21] An dieser Stelle auch einmal großen Dank aussprechen für Ihre wunderbare Wissenschaftskommunikation mit all den Unsicherheiten, die man hat, und auch im eigenen Lernen sind Sie dann Vorbild geworden. Und ich teile weiter sehr gerne alles, was durch Ihren klugen Kopf und auch durch die Expertengremien geht. Wie kann man sich vor Fake News schützen? Es gibt gerade auch von Herrn Vodac zum Beispiel, der sagt: Das ist alles gar nicht so schlimm. Schweinegrippe habe sie auch Panik gemacht. Warum ist es diesmal ernster als man bei der Schweinegrippe?


Drosten [00:02:52] Naja, wenn man jetzt hier sagt, das hat alles keine Bewandtnis, dann ist es natürlich schon irreführend. Wir müssen hier gesamtgesellschaftlichen Kommunikationsprozesse führen, um etwas zu vermitteln, das extrem schmerzhaft in der sofortigen Wirkung ist, und gezielt ist auf etwas, das über einen Monat in der Zukunft liegt. Und das ist extrem schwer zu vermitteln. Und wenn solche Störstimmen dann dazu kommen, dann macht das ganz viel kaputt. Das macht nicht nur Unsicherheit und Ärger, sondern das kostet Menschenleben im schlimmsten Fall.


Hirschhausen [00:03:28] Also wie bei dem Händewaschen und keine Keime weitergeben geht auch bei News, die man selber nicht einschätzen kann, keinen Unsinn weiter streuen, sondern auf die Stimme der Wissenschaft hören. Welche Seite empfehlen Sie selber? Wo informieren Sie sich?


Drosten [00:03:43] Für die Updartes schaue ich nicht bei Johns Hopkins, sonder bei den Europeans Centers for Disease Control. Die haben das in sehr schöner, kompakter Art und Weise. Und sie haben auch eine Falltabelle, die man mit einem Klick in Excel kopieren kann.


Hirschhausen [00:03:57] Profi Tipps gibt's weiter hier bei Hirschhausen Zuhaus. Danke an Christian Drosten und an alle, die sich um ernsthafte Wissenschaftskommunikation in dieser ernsten Lage bemühen. Also bleibt zuhause, bleibt munter und bleibt gut informiert.
Mehr
Der Virologe Christian Drosten äußert sich in einem Interview mit dem "Spiegel" verhalten optimistisch, dass Deutschland einer zweiten Corona-Welle entgehen könnte. Zudem könnten Quarantänezeiten zukünftig kürzer ausfallen.

Der Virologe Christian Drosten hält es für möglich, dass Deutschland eine zweite Corona-Welle erspart bleibt. "Vielleicht entgehen wir einem zweiten Shutdown", sagte der Virologe vom Berliner Universitätsklinikum Charité dem Nachrichtenmagazin "Spiegel".

Die Wissenschaft habe inzwischen ein besseres Verständnis des Infektionsgeschehens. "Jetzt kennen wir das Virus genauer, wir wissen besser, wie es sich verbreitet." Dies geschehe über wenige sogenannte Superspreader, also Infizierte, die für viele Ansteckungen verantwortlich sind. "Und ein solches Infektionsgeschehen kann man besser kontrollieren als eine gleichförmige Ausbreitung unterm Radar, wie wir das am Anfang angenommen haben", sagte Drosten. Es gebe jetzt eine "theoretische Möglichkeit", dass die Deutschen "ohne zweite Welle durchkommen".

Kürzere Quarantänezeiten

Wichtig sei nach wie vor, einen möglichen Ausbruch früh zu erkennen und zu stoppen, indem sämtliche Kontaktpersonen in Quarantäne kommen, ohne sie vorher erst langwierig zu testen. Dafür könnte die Zeit der Quarantäne aber deutlich verkürzt werden. Kontaktpersonen müssten künftig nur eine gute Woche in der Isolation verbringen, denn die Inkubationszeit und die Zeit, in der ein Mensch ansteckend sei, sei deutlich kürzer als anfangs gedacht, betonte Drosten.

Auch der Bonner Virologe Hendrik Streeck glaubt nicht, dass Deutschland von einer gewaltigen zweiten Corona-Welle überrollt wird. Er vermute, dass es immer wieder lokale Ausbrüche geben werde. "Das wird vielleicht im Herbst auch vermehrt und überraschend geschehen - aber ich glaube nicht, dass wir eine zweite Welle sehen werden, die uns regelrecht überschwemmt und überfordert", sagte Streeck den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland (RND) vom Freitag.

Großveranstaltungen weiter kritisch

Grundsätzlich sieht Streeck gute Chancen, das Virus beherrschbar zu halten. Einen entscheidenden Schlüssel für die Eindämmung sieht er vor allem in dem Verbot von Großveranstaltungen. "Die zu unterbinden, scheint am ehesten was gebracht zu haben", sagte der Direktor des Instituts für Virologie an der Uniklinik Bonn.

Als Hauptwaffe gegen das Coronavirus gilt ein Impfstoff, an dem weltweit mit Hochdruck geforscht wird. Einige Kandidaten sind in ersten klinischen Tests, mit einem Impfstoff wird in diesem Jahr allerdings nicht mehr gerechnet.

Streeck zweifelt indes an einem baldigen Erfolg der Impfstoffsuche. "Gegen HIV wurden schon über 500 Impfstoffe konstruiert, aber keiner hat funktioniert", sagte er. Man müsse sich auch auf die Möglichkeit einstellen, dass kein Impfstoff gefunden werde. "Das Virus ist da und wird bleiben. Und wir müssen uns darauf einstellen, damit umzugehen", sagte Steeck.

cf AFP

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker