VG-Wort Pixel

Corona-Hotspot Portugal Arzt aus Porto: "Wir stehen kurz vor dem Zusammenbruch des Gesundheitssystems"


Zu wenig Intensivbetten, zu wenig Krankenhauspersonal, zu wenig Platz für die Toten in den Kühlräumen: Die Corona-Lage in Portugal ist dramatisch. Deutschland und Österreich wollen nun Hilfe in das abgeriegelte Land schicken.

"So etwas haben wir noch nie zuvor gesehen", sagt João Júlio Cerqueira, Hausarzt in Porto der spanischen Zeitung "El Diario". "Das ist nicht zu vergleichen mit der ersten Welle. Die Situation ist jetzt viel schlimmer." Die Anzahl der Fälle, die Anzahl der Todesfälle, selbst in seinen schlimmsten Prognosen, hätte er nie gedacht, dass es soweit kommen könne.

Das größte Problem sei jedoch, dass sich die Betten auf den Intensivstationen immer weiter füllen, obwohl die Regierung deren Anzahl seit Dezember 2019 bereits mehr als verdoppelt hat. "Wir stehen kurz vor dem Zusammenbruch des Gesundheitssystems", sagt Cerqueira.

Krankenhäuser vor dem Kollaps – Hälfte der Corona-Toten im Januar

Die Zahlen geben dem Hausarzt recht: Mit insgesamt 858 Covid-19-Patienten auf Intensivstationen und 6694 auf Krankenstationen gehen den portugiesischen Krankenhäusern die Betten aus. Denn laut den offiziellen Daten des Gesundheitsministeriums Portugal sind für Corona-Patienten "nur" 850 Intensivbetten verfügbar. Zusätzlich gibt es einen Mangel an Ärzten und Krankenschwestern. Wegen der Überfüllung der Intensivstationen stehen vor vielen Hospitälern Krankenwagen oft stundenlang Schlange.

Als wäre das nicht schlimm genug, warnte nun ein Verband, der Bestattungsunternehmen vertritt, davor, dass den öffentlichen Krankenhäusern der Kühlraum ausgeht, um die Leichen der Corona-Toten aufzubewahren. Einige – wie das Santa-Maria-Hospital in Lissabon – haben inzwischen Kühlcontainer vor den Gebäuden aufgestellt, um den Druck auf ihre Leichenschauhäuser zu verringern. Im Januar starben im Land insgesamt 5576 Menschen an dem Coronavirus, was 44,7 Prozent aller 12.482 Todesfälle seit Beginn der Pandemie entspricht, wie die Daten der Gesundheitsbehörde DGS zeigen.

Nach den Worten von Portugals Ministerpräsident António Costa ist die Lage "sehr schlimm". Das Land ist besonders stark von der als hochansteckenden Virusvariante aus Großbritannien betroffen. Am Samstag wurden in dem Land mit 10,3 Millionen Einwohnern 12.435 Neuinfektionen und 293 weitere Corona-Tote registriert. Damit hat Portugal gemessen an der Bevölkerungszahl derzeit die höchsten Ansteckungszahlen weltweit.

Deutschland und Österreich schicken Hilfe

Vergangene Woche hatte die Bundeswehr bereits ein medizinisches Erkundungsteam nach Portugal geschickt. Seit Sonntag ist klar: Hilfe soll kommen. "Nach jetzigem Kenntnisstand wird es sich um materielle und personelle Hilfe handeln", sagte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums der Deutschen Presse-Agentur.

Nach Informationen des "Spiegel" werde Anfang der Woche ein Team von 27 Ärzten und Sanitätern der Bundeswehr in das Land geschickt, um in den überlasteten Krankenhäusern auszuhelfen. Außerdem sei die Lieferung von Feldkrankenbetten und Beatmungsgeräten geplant. Nach "Spiegel"-Informationen wurde den Bundeswehrexperten vor Ort ein katastrophales Bild geschildert. Das Gesundheitssystem sei vollkommen überfordert, ein Großteil des Pflegepersonals in den Krankenhäusern sei selbst mit Corona infiziert.

Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz teilte am Sonntagmittag via Twitter mit, Intensivpatienten aus Portugal aufnehmen zu wollen. Wie viele Patienten ausgeflogen werden sollen, ist allerdings noch nicht klar. Vonseiten der Bundeswehr sei das Ausfliegen von Patienten jedoch zunächst nicht geplant.

Portugal macht Grenzen dicht

Portugal selbst hat sich zur Eindämmung der Pandemie mittlerweile abgeriegelt. Seit Sonntag ist in dem auch bei Deutschen beliebten Urlaubsland die Ein- und Ausreise ohne triftigen Grund untersagt. Auch in Deutschland gilt wegen erhöhter Ansteckungsgefahr durch die Mutationen seit Sonntag eine Einreisesperre aus Portugal.

An der Landesgrenze zwischen Portugal und Spanien wurden am Sonntag – wie bereits im Frühjahr 2020 – wieder Kontrollen eingeführt. An Häfen und Flughäfen wurden zudem nach dem Regierungsdekret die Kontrollen verschärft. Ausnahmen gelten unter anderem für Menschen, die zur Arbeit fahren, an ihren Hauptwohnsitz zurückkehren oder beruflich unterwegs sind, für den Warentransport sowie für medizinische Notfälle oder humanitäre Hilfe.

Die 1214 Kilometer lange Grenze zwischen Portugal und Spanien war wegen der Pandemie bereits erstmals am 17. März 2020 geschlossen worden. Erst am 1. Juli 2020 wurde sie im Zuge der seinerzeit stark rückläufiger Zahlen wieder geöffnet.

Weitere Quellen: "El Diario", Reuters, "El Pais"

les mit DPA/tkr

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker