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Hausarzt über Corona-Impfungen "Der Biontech-Engpass wird in den kommenden Wochen eher noch größer werden"

Corona-Impfung: Spritzen mit aufgezogenem Impfstoff gegen das Coronavirus liegen in einer Schale
Spritzen mit aufgezogenem Impfstoff gegen das Coronavirus
© Robert Michael / DPA
Millionen Menschen in Deutschland hoffen auf eine schnelle Impfung gegen das Coronavirus. Doch die Wartelisten in Hausarztpraxen sind lang. Im Interview berichtet der Berliner Mediziner Wolfgang Kreischer, warum er nicht mit einer baldigen Entspannung der Lage rechnet.

Herr Dr. Kreischer, viele Hausärztinnen und Hausärzte berichten über einen großen Andrang bei den Impfungen. Wie lange ist die Warteliste in Ihrer Berliner Praxis aktuell?

Das ist unterschiedlich. Wir haben für Astrazeneca recht kurze Wartelisten. Mit den Terminen klappt es da meist sehr schnell von der einen auf die andere Woche. Für Biontech dagegen haben wir die Liste eigentlich geschlossen. Da haben wir sechs Wochen im Voraus geplant. Allen anderen Patienten sagen wir, sie sollen sich danach wieder melden. Wenn wir da Wartezeiten einführen würden, dann wären wir bestimmt längst bei drei Monaten angekommen.

Das entspricht wie vielen Wartenden?

Ich schätze, das werden um die 300 bis 400 Personen sein. Dazu kommt noch einmal in etwa die gleiche Anzahl an potenziellen Nachrückern. In der Summe ist das aber schwer zu beurteilen, weil es auch viele gibt, die den Impftermin spontan absagen oder – was noch schlimmer ist – einfach nicht erscheinen. Schlicht aus dem Grund, weil sie eine andere Praxis früher drangenommen hat. Das wird zunehmend zum Problem.

Was passiert dann mit dem übriggebliebenen Impfstoff?

Wir müssen ihn schnell an andere Patienten verabreichen. Aktuell haben wir deshalb auch eine Art Notliste mit Personen, die kurzfristig einspringen können.

In vielen Bundesländern nahen die Sommerferien. Ist der Druck auf Sie und das Praxis-Team damit noch einmal gestiegen?

Der Druck ist seit Wochen unverändert groß. Ich kann gar nicht sagen, ob die Anfragen nun mehr oder weniger werden. Das Telefon klingelt einfach immer. 200 oder 300 Anrufe am Tag sind es bestimmt. Hinzu kommen jetzt auch noch Anrufer, die ihren Termin für die Zweitimpfung vorziehen wollen. Das geht natürlich gar nicht. Dann kommen wir hier aus dem Organisieren überhaupt nicht mehr raus.

Der Andrang der Patienten ist groß – auf der anderen Seite sind die Impfstoffmengen bei den begehrten Impfstoffen immer noch begrenzt. Wie viele Dosen bekommen Sie aktuell in der Woche geliefert?

Für die Erstimpfung mit Biontech haben wir in der vergangenen Woche ein Fläschchen bekommen. Das reicht für sechs Personen. Natürlich kommt dann noch einmal der Impfstoff für die Zweitimpfungen obendrauf und sicher unterscheiden sich die Impfstoffmengen auch von Praxis zu Praxis. Aber mit einer anderen Verteilung der Impfstoffe wäre uns schon sehr geholfen, also: weniger Astrazeneca, mehr Biontech. Aber das wird es nicht geben, weil der Biontech-Impfstoff vor allem in den Impfzentren zum Einsatz kommt.

Der Hersteller hat diese Woche angekündigt, in den ersten beiden Juni-Wochen voraussichtlich weniger Impfstoff als geplant liefern zu können…

Ja, und hinzukommt: Sobald die Zulassung für Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren da ist, wird er auch vermehrt für diese Altersgruppe eingesetzt werden. Der Biontech-Engpass wird in den kommenden Wochen damit eher noch größer werden. Die Diskussionen mit den Patienten werden da sicher auch nicht leichter. Es artet ja jetzt schon manchmal aus in Beschimpfungen. Am Telefon muss man deshalb jemanden sitzen haben, der hartgesotten ist und ein dickes Fell hat.

Am 7. Juni soll bundesweit die Priorisierung fallen. Halten Sie das für eine gute Idee?

Sobald sie fällt, ist es ja nicht so, dass jeder ab diesem Zeitpunkt sofort seinen Wunsch-Impfstoff bekommt. Wir Hausärzte haben außerdem noch unsere Listen abzuarbeiten mit den priorisierten Patienten. Damit sind wir noch nicht durch. Das heißt, wir können unsere Prio-Patienten jetzt nicht einfach hintenanstellen, nur weil jemand sagt: "Die Priorisierung ist weg, ich will drankommen." Ich denke, das hätte seitens der Politik besser vermittelt werden sollen. Stattdessen wurden falsche Hoffnungen geschürt und wir Hausärzte müssen es jetzt ausbaden.

Welche priorisierten Patienten stehen bei Ihnen noch auf der Liste?

Das sind unter anderem Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeheimen, die dort neu aufgenommen wurden und die noch nicht geimpft sind. Grundsätzlich würde ich aber schon sagen, dass ältere Patientinnen und Patienten ganz gut abgedeckt sind. Wenn der Biontech-Impfstoff nun auch bei Jugendlichen zum Einsatz kommen soll, sehe ich da eher Probleme für Menschen im mittleren Alter aufkommen, also für die arbeitende Bevölkerung. Das wird den Impfstoff für diese Bevölkerungsgruppe weiter verknappen.

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Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte jüngst vorgeschlagen, Impfstoff für Schülerinnen und Schüler zurücklegen zu lassen. Wie stehen Sie zu solchen Überlegungen?

Es wird dabei helfen, sich dem Ziel des Herdenschutzes zu nähern, weil unter den Jugendlichen ja die meisten Kontakte stattfinden. Allerdings erkranken junge Menschen auch seltener schwer am Coronavirus, und der Impfstoff wird an anderer Stelle fehlen. Eine schwierige Abwägung.


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