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Corona-Opfer in Deutschland Trotz Corona wollte Samuel Ayim für seine Patienten da sein. Dann steckte er sich an. Und starb

Dr. med. Samuel Ayim zusammen mit seiner Tocher Dr.med.Amma Baldé
Der Mediziner aus Velbert muss sich in seiner Praxis angesteckt haben, sagt die Tochter. Er war einer, der sich ­gekümmert hat – nicht nur um seine Patienten
© Dr.med.Amma Baldé
Am 18. April gedenkt das Land seiner Pandemie-Opfer. Jedes hat seine eigene Geschichte. So auch Dr. Samuel Ayim, der am 3.7.1950 geboren wurde und am 15.4.2020 starb.

Samuel Ayim, Facharzt für Allgemeinmedizin und Gynäkologe, starb mit 69 Jahren. Ein Gespräch mit seiner Tochter Amma Baldé, 41, Ärztin

Kurz bevor Ihr Vater erkrankte, haben Sie Ihr drittes Kind zur Welt gebracht. Konnte er seine Enkeltochter noch kennenlernen?

Er hat sie nie im Arm gehabt, aber wenigstens noch gesehen. Er kam nach der Geburt ins Krankenhaus. Er blieb aber auf Abstand, denn er hatte in seiner Praxis auch Covid-19-Patienten. Er wollte uns nicht gefährden. Mein Vater stand einfach nur da und schaute seine Enkelin an. Ich werde nie diese Liebe, diesen Stolz in seinen Augen vergessen.

Sie sind selbst Ärztin – wäre es Ihnen lieber gewesen, Ihr Vater hätte seine Praxis gleich zu Beginn der Pandemie geschlossen?

Ich habe ihn damals inständig gebeten: Papa, bitte mach die Praxis zu. Und auch meine Mutter hat das getan. Mein Vater verstand unsere Bedenken, aber er sagte: "Ich kann meine Patienten jetzt nicht im Stich lassen." Nach seinem Tod war ich deshalb für einen Moment auch wütend auf ihn: Warum hatte er nicht auf mich gehört? Aber ich wusste, er konnte nicht anders. Er war immer für andere da.

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Hatte er keine Angst, an Covid-19 zu erkranken?

 Nie. Aber er muss von Anfang an großen Respekt vor dem Virus gehabt haben. Beim Ausräumen seiner Praxis haben wir gesehen, dass er sich offenbar frühzeitig auf eigene Kosten FFP2-Masken, Augenschutz und Schutzkleidung gekauft hatte. Als andere noch die dünneren medizinischen Masken trugen. Und dennoch ist er erkrankt.

Dr. med. Samuel Ayim zusammen mit seiner Tocher Dr.med.Amma Baldé
Der Mediziner aus Velbert muss sich in seiner Praxis angesteckt haben, sagt die Tochter. Er war einer, der sich ­gekümmert hat – nicht nur um seine Patienten
© Dr.med.Amma Baldé

Denken Sie, er hat sich in der Praxis angesteckt?

Das muss so gewesen sein. Er hatte mir damals sogar von der Patientin erzählt, bei der er sich vermutlich angesteckt hat. Die Frau hatte Magen-Darm-Probleme. Er war sich aber sicher, dass ihr Test positiv ausfallen würde. Was dann auch so war. Und wenig später ist er schon selbst erkrankt. Nach sieben Tagen kam er ins Krankenhaus, gemeinsam mit meiner ebenfalls kranken Mutter. Aber nur er musste intubiert werden. Seit dem 12. April 2020 wussten wir: Mein Vater wird nicht überleben.

Sie selbst konnten nicht mehr zu ihm?

So sehr ich das gewollt hätte: Das ging in meiner Situation mit einem Neugeborenen nicht. Meine Schwester hat ihm aber eine Handybotschaft von mir vorgespielt. Er sollte wenigstens meine Stimme hören. Ich habe ihm gesagt, dass ich nicht weiß, was ich ohne ihn machen soll, dass er mich nicht alleine lassen darf. Er muss meine Verzweiflung gespürt haben. Seine Tränen an diesem Tag waren das letzte Lebenszeichen von ihm.

Wie haben Sie von seinem Tod erfahren?

Die Klinik rief uns an. Als Ärztin bin ich oft mit dem Tod konfrontiert gewesen. Aber wenn der eigene Vater stirbt, ist das etwas völlig anderes. Ich habe geschrien. Und dann zwei Wochen lang nur geweint. Weitere sechs Wochen habe ich Fußböden geschrubbt. Ich brauchte das, um mit meinem Schmerz klarzukommen. Mein Vater war gesund, bis er sich infizierte. Ich musste von heute auf morgen auf ihn verzichten.

Was werden Sie Ihren Kindern später von ihrem Großvater erzählen?

Was für ein besonderer Mensch und Arzt er gewesen ist. Er war 1980 von Ghana nach Deutschland gekommen, um seinen Facharzt in Gynäkologie zu Ende zu machen, und war dann geblieben. 1990 übernahm er die Praxis in Velbert. Er war nicht nur Hausarzt für die Leute im Ort, sondern half auch vielen kinderlosen Paaren aus der ghanaischen Gemeinschaft in Nordrhein-Westfalen, doch noch Eltern zu werden. Und er engagierte sich weit über das übliche Maß hinaus für seine Patienten.

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Was hat er alles für sie getan?

Er unterstützte sie in rechtlichen, sozialen oder kulturellen Fragen. Er half, wenn es um die Berufsunfähigkeit ging oder die Einstufung in eine Pflegestufe, wenn seine Patienten Eheprobleme hatten oder es Streit in ihren Familien gab. Dann schlichtete er. Die Menschen konnten mit allem zu ihm kommen. An den Wochenenden fuhr er in die Krankenhäuser, um Patienten von sich die Untersuchungsergebnisse zu erklären oder um bei Sprachproblemen zu helfen.

Haben Sie überlegt, seine Praxis weiterzuführen?

Das wäre gar nicht gegangen. Ich darf als Gynäkologin nicht einfach eine Hausarztpraxis übernehmen. Aber meine Geschwister und ich haben intensiv nach einem Nachfolger gesucht, wir wollten seine Patienten nicht im Regen stehen lassen. Am Ende sind wir gescheitert. Nicht zuletzt, weil wir keinerlei Unterstützung bekommen haben. Weder von der Ärztekammer noch von der Kassenärztlichen Vereinigung. Wir konnten den Vertretungsarzt nicht unendlich weiter aus eigener Tasche bezahlen und das ganze Praxismanagement machen. Ich finde das nicht fair.

Was ist Ihr wertvollstes Erinnerungsstück an Ihren Vater?

Nach seinem Tod haben wir viele handschriftliche Notizen von ihm gefunden. So hatte er zum Beispiel notiert, wie er Frieden für sich definiert hat: "Friede ist die Achtung der Rechte des anderen." Wir werden seine philosophischen Gedanken für seine Enkelkinder in Büchlein packen. So bekommen sie von ihrem verstorbenen Großvater etwas mit auf ihren Lebensweg.

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Erschienen in stern 16/2021

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