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Urlaub in Zeiten von Corona: Plexiglas-Boxen und Maskenpflicht am Strand: Wie der Sommer in Italien aussehen könnte

Noch grassiert das Coronavirus in Italien besonders heftig – dennoch sind sich Politik und Wirtschaft einig: Der Sommer am Meer, er muss irgendwie möglich gemacht werden. Mediziner sind alarmiert.

Der Sommer ist den Italienern heilig. Vor allem im August spielt sich das Leben hitzebedingt fast ausschließlich am Meer ab. Auch wir Deutschen schätzen Pizza, Pasta und Gelato am Strand – genau wie hunderttausende andere Touristen, die dem Land jedes Jahr Millionen in die Kassen spülen.

Das Coronavirus grassiert bislang jedoch immer noch heftig in Italien – obschon der Trend bei Infektionszahlen und Todesfällen langsam in eine positive Richtung zeigt. Ist unter diesen Umständen überhaupt an Urlaub zu denken? Ja, finden Regierung und Wirtschaft und haben nun erste Überlegungen angestellt, wie ein Sommer am Meer in Zeiten von Corona aussehen könnte.

Sind Plexiglasboxen die Lösung?

Sonnenbaden hinter Plexiglasscheiben: So stellt sich Claudio Ferrari den Sommer 2020 an Italiens Stränden vor. Eigentlich ist der Unternehmer aus Modena im Keramik-Business tätig, hat sein Geschäft seit der Corona-Krise jedoch auf Schutzvorrichtungen gegen das Virus ausgedehnt. Seine Idee: Damit Touristen und Einheimische trotz Pandemie am Meer urlauben können, soll es am Strand spezielle Plexiglas-Boxen geben, in denen Familien, Paare aber auch Einzelpersonen ganz für sich bleiben können – ohne Ansteckungsrisiko. Der Zeitung "La Repubblica" zeigte Ferrari einige seiner Visualisierungen. 

2 Meter hoch und 4,5 Meter lang an jeder Seite soll die Box sein, auf einer Seite soll es einen 1,5 Meter breiten Zugang geben. "Unserer Meinung nach kann es funktionieren", sagte Ferrari der Zeitung. 

Mauro Vanni, Präsident der Seebäder-Vereinigung Rimini Sud, hält davon nichts: "Jeder, der den Strandtourismus kennt, weiß sehr gut, dass es unmöglich ist, eine Person in eine Plexiglasbox unter der Sommersonne zu schließen, wenn es 40 Grad sind", sagte er der Nachrichtenagentur ANSA.

Maskenpflicht am Strand

Auch anderswo gibt es Überlegungen, wie ein Strandurlaub in Zeiten von Corona aussehen könnte. Mauro Della Valle, der Chef des Dachverbands der italienischen Seebäder, sagte der Nachrichtenseite "Il Fatto Quotidiano", er könne sich zum Beispiel fixe Dauer-Vermietungen der Sonnenschirme vorstellen. Und: "Sobald man sich von seinem Schirm entfernt, sollte eine Maske getragen werden", so Della Valle. Aber auch Bluttests samt Selbstzertifizierung seien möglich, um sicherzustellen, dass nur gesunde Menschen an die Strände gehen.

Sein Kollege, Mario Gangi von den Seebädern im Lazium, sagte "Il Fatto Quotidiano", er könne sich vorstellen, die Seebäder "eine begrenzte Anzahl von Stunden am Morgen für ältere Menschen und Risikogruppen" zu reservieren.

Strandverwalter an öffentlichen Abschnitten

Das Problem bei allen Überlegungen: Solche Maßnahmen könnten nur in den Seebädern, den sogenannten Balneari, umgesetzt werden – abgetrennte Strandabschnitte, in denen es Liegestühle und Sonnenschirme gegen Gebühr zu mieten gibt.

Die frei zugänglichen, öffentlichen Strandabschnitte ohne Bestuhlung kann dagegen jeder aufsuchen. In der Emiglia-Romagna überlegt man deshalb, spezielle "Strandverwalter" einzusetzen. Laut ANSA soll dies "kein Polizist, der Sanktionen verhängt", sein, sondern eine "beruhigende Person mit der Aufgabe, die Einhaltung der Regeln zu überprüfen und Gäste zu beraten." Rund um Rimini gibt es zudem Überlegungen, an den Zugängen zu den Stränden Desinfektionstunnel zu installieren oder Leitungen zu verlegen, die regelmäßig Desinfektionsflüssigkeit versprühen.

Mediziner raten von Strandbesuchen ab

Ein Sommer ohne Badetourismus hätte für das wirtschaftlich ohnehin schon schwer gebeutelte Italien verheerende Folgen. Laut dem Nationalen Verband der Mittelstandsunternehmen (CNA) werden die Tourismuseinnahmen im ersten Halbjahr 2020 wohl voraussichtlich um 73 Prozent einbrechen. Der Bürgermeister von Positano an der beliebten Amalfiküste richtete bereits einen drastischen Appell an die Regierung: "Wenn der Tourismus nicht wieder beginnt und der Staat uns nicht hilft, riskiert Positano die Insolvenz, es gibt keine anderen Möglichkeiten."

Das Problem scheint in der Politik erkannt zu sein. Die Unterstaatssekräterin für Kultur, Lorenza Bonaccorsi, stellte bereits klar: "Wir werden in diesen Sommer ans Meer gehen. Wir arbeiten daran, das möglich zu machen."

Mario Schiavina, Ex-Direktor der Abteilungen für Pneumologie und Lungen-Intensivmedizin an der Poliklinik Sant'Orsola in Bologna, zeigte sich alarmiert angesichts dieser Aussage. "Einen Strandurlaub in diesem Sommer zu planen, das kann man vergessen." Das Risiko sei einfach zu groß: "Dieses Virus hat eine außergewöhnliche Ansteckungsgefahr." Bei der kleinsten Menschenansammlung drohe die Epidemie erneut "explodieren", so Schiavina.

Auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen riet erst vor wenigen Tagen davon ab, jetzt schon an Sommerurlaub zu denken: "Warten Sie mit dem Buchen. Bislang kann niemand zuverlässige Vorhersagen machen."

Sicher scheint bislang tatsächlich nur eins zu sein: Ein normaler Sommer wird es nicht.

Quellen: "Il Fatto Quotidiano", "La Repubblica [1]", "La Repubblica [2]", "Quotidiano [1]", "Quotidiano [2], Nachrichtenagentur ANSA

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