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Virologin über Corona-Verbreitung: "Je lokaler ein Ausbruchsgeschehen, desto besser"

Lokale Corona-Ausbrüche wie die in Schlachthöfen lassen Infektionszahlen nach oben schnellen und sollten unbedingt verhindert werden. Dennoch sind sie aus infektiologischer Sicht oft weniger kritisch als eine unkontrollierte Ausbreitung, wie die Virologin Melanie Brinkmann im stern-Interview erklärt.

Das Coronavirus Sars-CoV-2 unter einem Elektronenmikroskop

Das Coronavirus Sars-CoV-2 unter einem Elektronenmikroskop

Getty Images

In Deutschland hat sich die Anzahl an bestätigten Neuinfektionen mit dem Coronavirus auf niedrigem Niveau eingependelt: Aktuell melden das zuständige Robert Koch-Institut und die Gesundheitsämter einige Hundert Neuinfektionen am Tag. Die Reproduktionszahl wird bezogen auf die vergangenen sieben Tage mit 0,87 angegeben. Das bedeutet, dass ein Infizierter im Schnitt weniger als eine Person ansteckt - und das Infektionsgeschehen demnach abnimmt.

Für Schlagzeilen sorgen aktuell jedoch Corona-Ausbrüche in deutschen Schlachthöfen. Weil die Arbeiter oft auf engem Raum zusammen leben und arbeiten, scheint sich das Virus in den Betrieben besonders effektiv verbreiten zu können. Allein in einer einzelnen Fleischfabrik in Birkenfeld bei Pforzheim wurden seit dem 7. April 399 Mitarbeiter positiv auf das Virus getestet. Auch Belegschaften in Coesfeld, Oer-Erkenschwick, Bad Bramstedt (Schleswig-Holstein) und Dissen (Niedersachsen) sind von lokalen Ausbrüchen betroffen.

Infektionsketten müssen nachvollziehbar bleiben

Aus infektiologischer Sicht haben lokal scharf abgegrenzte Ausbrüche wie diese jedoch gewisse Vorteile im Vergleich zu einer unkontrollierten Ausbreitung mit vielen versprenkelten Einzelfällen, wie die Virologin Melanie Brinkmann vom Helmholtz-Zentrum im Interview mit dem stern erklärt. Und das, obwohl beide Arten von Ausbrüchen gleichermaßen die Anzahl an Neuinfektionen in einer Region erhöhen können. (Das vollständige Interview können Sie hier nachlesen.)

"Je lokaler und eingekapselter ein Ausbruchsgeschehen ist, desto besser", so Brinkmann. "Es macht zum Beispiel einen großen Unterschied, ob eine erhöhte Zahl an Neuinfektionen in einem einzelnen Betrieb auftritt oder sich quer über einen Landkreis verteilt. Wenn die Nachvollziehbarkeit der Infektionsketten nicht mehr gegeben ist, ist das ein Hinweis darauf, dass sich das Virus stärker verbreitet hat."

Um das Infektionsgeschehen in einem Landkreis oder einer Stadt beurteilen zu können, sei daher nicht nur die absolute Zahl an Neuinfektionen wichtig. "Nicht zuletzt kommt es auch darauf an, wo die Neuinfektionen aufgetreten sind."

Corona-Obergrenze als Notbremse

In den vergangenen Tagen wurden bundesweit zahlreiche Corona-Auflagen gelockert. Andere - wie etwa das Tragen von Mund-Nasen-Bedeckungen im Einzelhandel - bleiben vorerst jedoch bestehen. Gibt es in einer Region innerhalb von sieben Tagen mehr als 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner, müssen die Behörden vor Ort prüfen, ob wieder strengere Beschränkungen in Kraft treten sollen. Die Obergrenze soll als eine Art Notbremse dienen, um unkontrollierte Corona-Ausbrüche zu verhindern.

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Der Kreis Coesfeld gehörte in der vergangenen Woche zu den fünf Regionen in Deutschland, in denen die Obergrenze für Neuinfektionen nicht eingehalten werden konnte. Zeitweise lag die Zahl der bestätigten Corona-Neuinfektionen bei 103 pro 100.000 Einwohner. Die Corona-Fälle im dort ansässigen Schlachtbetrieb hatten maßgeblich zu dem Anstieg beigetragen.

Quelle: Robert Koch-Institut (RKI)

ikr

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