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Diabetes insipidus: Über den Durst trinken

Sie trinken zehn Flaschen Wasser am Tag - und haben trotzdem immer noch unglaublichen Durst. Menschen, die an der Wasserharnruhr leiden, haben das Gefühl, auszutrocknen.

Quälender Durst und unzählige Gänge zur Toilette: Das sind die typischen Anzeichen für den Diabetes insipidus. Zwar ähneln diese Symptome dem Diabetes vom Typ 1 oder Typ 2 - aber mit der Zuckerkrankheit hat der Diabetes insipidus nichts zu tun. Denn bei dieser Krankheit, auch Wasserharnruhr genannt, ist nicht der Zucker-Stoffwechsel gestört, sondern der Stoffwechsel des Wassers im Körper.

Bei gesunden Menschen kontrolliert ein komplexes Netzwerk, wie viel Flüssigkeit sich im Körper befindet. Die Hauptrolle spielen dabei unsere Nieren: Sie filtern überschüssige Flüssigkeit aus dem Blut und geben sie als Urin an die Blase weiter. Wie viel Wasser unser Körper loswerden muss oder ob wir zusätzliche Flüssigkeit brauchen, registrieren winzige Messzellen, die sich unter anderem im Gehirn befinden.

Messfühler im Hirn registrieren, ob unser Wasserpegel stimmt

Wenn wir zum Beispiel geschwitzt haben oder nicht genug getrunken, signalisieren diese Zellen: Hilfe, Durst! Dann trinken wir. Gleichzeitig wird das so genannte antidiuretische Hormon, kurz ADH, aktiv. Dieses Hormon stellt der Hypothalamus her, eine Region, die tief im Innersten des Hirns liegt. Dieser Hirnkern setzt ADH frei, wenn wir Wasser brauchen. Über das Blut gelangt das Hormon zu den Nieren und sorgt dafür, dass sie weniger Harn produzieren.

Bei Menschen mit Wasserharnruhr funktioniert dieser Regelkreis nicht mehr richtig. Beim Diabetes insipidus centralis ist der Hypothalamus beschädigt – zum Beispiel durch einen Tumor, eine Hirnhaut-Entzündung, eine Kopfverletzung oder eine Operation. Bei rund einem Prozent der Betroffenen wird die Krankheit vererbt. Die Folge ist immer dieselbe: Der Hypothalamus produziert entweder nicht genug ADH, er speichert es nicht richtig oder er schüttet es nicht aus.

Beim Diabetes insipidus renalis dagegen ist der Hirnkern in Ordnung, aber die Nieren reagieren nicht auf das Hormon. Der Fehler an den Nieren kann vererbt sein. Aber auch chronische Nierenkrankheiten, Medikamente wie Lithium oder bestimmte Antibiotika - Baktierenkiller - können Schuld sein. Ganz selten tritt die Wasserharnruhr während einer Schwangerschaft auf. In diesem Fall zerstört ein Enzym aus dem Mutterkuchen das Hormon ADH.

Wasserharnruhr können Sie mit Wasser behandeln

Wenn Sie ständig zur Toilette rennen müssen und immer Durst haben - vor allem auch nachts -, gehen Sie besser zum Arzt. Und zwar zu einem Spezialisten, dem Endokrinologen. Er kennt sich mit Hormonen aus.

Für Diabetes insipidus centralis und renalis gibt es unterschiedliche Medikamente, um die Symptome zu lindern. Aber seien Sie beruhigt: Diabetes insipidus ist nicht lebensbedrohlich - so lange Sie genug trinken. Bei leichten Formen reicht das möglicherweise schon als Therapie.

Constanze Böttcher

Symptome

Pendeln zwischen Flasche und Toilette

Wenn Sie Diabetes insipidus haben, sitzen Sie ständig auf dem Klo und scheiden riesige Mengen an Urin aus. Das können über 20 Liter pro Tag sein! Ihr Harn ist wässrig und geruchslos. Außerdem sind Sie ständig durstig und trinken zwanghaft viel. Sogar nachts, deshalb schlafen Sie nicht mehr durch. Die Symptome können ganz plötzlich auftreten, oder die Anzeichen stellen sich mit der Zeit ein und werden allmählich auffälliger.

Leiden Sie an der Wasserharnruhr und trinken zu wenig, wird’s gefährlich: Sie können austrocknen. Und das führt in extremen Fällen zur Bewusstlosigkeit oder gar zum Tod. Deswegen achten Sie auf diese Symptome: trockene Haut und Schleimhäute, Fieber, schneller Puls, Ihre Augen wirken eingefallen, Sie nehmen ungewollt ab.

Außerdem kann der Elektrolythaushalt in Ihrem Körper durcheinander geraten. Das bedeutet, dass die in der Körperflüssigkeit gelösten Salze anders zusammengesetzt und in anderen Mengen vorhanden sind als bei Gesunden. Zeichen für einen gestörten Elektrolythaushalt sind: Müdigkeit und Teilnahmslosigkeit, Kopfschmerzen, Reizbarkeit oder Muskelschmerzen.

Kinder haben noch andere Symptome: Sie sind scheinbar grundlos aufgeregt oder weinen untröstlich. Ihre Windeln sind ungewöhnlich voll. Ältere Kinder machen nachts plötzlich wieder ins Bett. Die Kleinen haben eventuell Fieber und Durchfall oder sie erbrechen sich. Ihre Haut ist trocken, Arme und Beine sind kalt. Sie wachsen nicht mehr richtig oder nehmen ab.

Constanze Böttcher

Diagnose

Machen Sie einen Durst-Versuch!

Zuerst klärt Ihre Ärztin, ob Sie an einer Krankheit leiden, die vielleicht Diabetes insipidus auslöst. Oder ob Sie Medikamente nehmen, die Ihren Wasserhaushalt stören. Vielleicht gibt es in Ihrer Familie schon einen Fall von Wasserharnruhr? Möglicherweise ist die Krankheit bei Ihnen vererbt - das kann die Endokrinologin mit einem Gentest prüfen.

Anschließend wird der Arzt wissen wollen, wieviel Urin Sie innerhalb von 24 Stunden ausscheiden. Sind das mehr als drei Liter pro Tag, haben Sie eine so genannte Polyurie, ein krankhaft erhöhtes Harnvolumen. Natürlich wird der Endokrinologe auch eine Harnprobe von Ihnen haben wollen, um sie ins Labor zu schicken. Dort wird getestet, ob der Urin sehr verdünnt ist. Auch Ihr Blut landet im Labor: Enthält es zu viel Natrium, ist das ein weiteres Indiz für die Wasserharnruhr.

Gesunde reagieren auf eine Durststrecke mit stark gefärbtem Urin

Für eine genaue Diagnose wird die Ärztin Sie ins Krankenhaus überweisen. Dort machen Spezialisten einen Durst-Versuch mit Ihnen: Zwölf Stunden lang dürfen Sie nichts trinken. Diese Untersuchung ist aber nichts für Menschen, die schon unter Flüssigkeitsmangel leiden oder gar ausgetrocknet sind.

Der Durst-Versuch beginnt meist morgens. Während des Tests untersuchen Laborantinnen regelmäßig Ihr Blut und Ihren Urin. Sie kontrollieren auch, wie viel antidiuretisches Hormon, kurz ADH, sich in Ihrem Blut befindet. Zudem wird auch Ihr Körpergewicht ständig gemessen.

Gesunde Menschen würden während der Durststrecke immer weniger Urin ausscheiden, und das wenige, das die Niere noch durchlässt, wäre hoch konzentriert - also sehr farbig und geruchsintensiv. Menschen mit Diabetes insipidus scheiden hingegen weiterhin viel Wasser aus, das von klarer Farbe ist.

Fehlt ein Hormon oder streiken die Nieren?

Ob Sie einen Diabetes insipidus renalis oder centralis haben - ob also die Hormone oder die Nieren schuld sind - zeigt ein weiterer Test. Deswegen bekommen Sie am Ende des Durst-Versuchs das Medikament Desmopressin, das ist eine künstliche Form des natürlichen Hormons ADH.

Nach zwei Stunden wird Ihr Urin erneut untersucht: Ist er weniger wässrig, also konzentrierter? Dann ist Ihr Gehirn für den gestörten Wasserhaushalt verantwortlich, es produziert nämlich nicht ausreichend ADH. In diesem Fall haben Sie einen Diabetes insipidus centralis. Bleibt die Konzentration Ihres Harns jedoch unverändert, reagieren Ihre Nieren nicht auf das Hormon ADH - dann haben Sie einen Diabetes insipidus renalis.

Constanze Böttcher

Therapie

Viel trinken hilft viel

Leiden Sie nur an einer leichten Form von Diabetes insipidus centralis, brauchen Sie wahrscheinlich keine Medikamente - sondern lediglich genug zu trinken. Ihre Ärztin wird Ihnen sagen, wie viel Flüssigkeit genau Sie trinken sollten, um nicht auszutrocknen.

Reicht die Wasser-Therapie allein nicht aus, bekommen Sie das Medikament Desmopressin, eine künstliche Form des antidiuretischen Hormons. Es ersetzt das natürliche Hormon, das Ihnen fehlt. Desmopressin wirkt wie das körpereigene ADH und sorgt dafür, dass die Nieren Wasser zurückhalten. Das Mittel gibt es als Nasenspray oder Tablette. Im Notfall kann es auch gespritzt werden.

Desmopressin hilft auch Frauen, die in der Schwangerschaft einen Diabetes insipidus bekommen. Das Mittel darf aber in keinem Fall überdosiert werden: Dann besteht die Gefahr einer so genannten Wasservergiftung, die lebensbedrohlich sein kann.

Paradox: Wassertreibende Arzneien helfen auch

Haben Sie einen Diabetes insipidus renalis, sind also die Nieren das Problem, hilft Ihnen Desmopressin leider nicht. Denn Ihre Nieren reagieren weder auf körpereigenes ADH noch auf dessen künstliche Variante. Auch bei dieser Form der Wasserharnruhr lindern Sie leichte Symptome am besten, indem Sie viel trinken. Und achten Sie auf salzarme Ernährung: Das verringert Ihre Urinmenge.

Bei manchen Menschen mit angeborenem Diabetes insipidus renalis helfen so genannte Diuretika. Das ist paradox, denn Diuretika sind Medikamente, die normalerweise entwässernd und harntreibend wirken. Diese Arzneien können bei manchen Kranken mit Diabetes insipidus renalis weniger Harn fließen lassen - auf ein normales Maß zurückdrängen können die Diuretika die Harnmenge aber nicht. Deshalb müssen Kranke, die diese Mittel nehmen, entsprechend viel trinken.

Ist eine andere Krankheit Auslöser für den Diabetes insipidus, wird Ihre Ärztin diese natürlich zuerst behandeln. Wird Ihre Wasserharnruhr durch Medikamente verursacht, bespricht die Medizinerin mit Ihnen, ob Sie diese Mittel absetzen können.

Constanze Böttcher

Tipps

Das Allerwichtigste: Wasser

Egal, welche Form der Wasserharnruhr Sie haben: Es besteht immer die Gefahr, dass Sie austrocknen. Packen Sie deshalb immer genug zu trinken ein. Denn es gibt nicht überall Trinkwasser - zum Beispiel auf Reisen.

Sie nehmen das Medikament Desmopressin? Dann trinken Sie bitte nur, wenn Sie wirklich durstig sind. Denn die Substanz veranlasst, dass Ihre Nieren weniger Urin produzieren. Ein Zuviel an Flüssigkeit sammelt sich sonst womöglich woanders in Ihrem Körper an und verursacht eine gefährliche Wasservergiftung.

Für den Notfall tragen Sie am besten einen Gesundheitspass mit sich. Dieses Dokument enthält Ihre persönlichen Daten und Informationen über Ihre Krankheit. Werden Sie etwa bewusstlos oder haben Sie einen Unfall, wissen Ärzte sofort, was sie tun müssen.

Haben Sie kleine Kinder mit Diabetes insipidus oder betreuen Sie ältere Personen mit der Krankheit, achten Sie besonders darauf, dass Ihre Schützlinge genug trinken. Denn Kleinkinder können oft noch nicht sagen, dass sie durstig sind. Und das Durstgefühl verschwindet mit der Zeit, je älter ein Menschen wird.

Constanze Böttcher

Expertenrat

Professor Johannes Hensen, Chefarzt der Medizinischen Klinik im Klinikum Hannover Nordstadt, antwortet

Ich habe ständig Durst und muss dauernd auf die Toilette. Woran kann ich als Laie unterscheiden, ob ich Diabetes mellitus oder Diabetes insipidus habe?
Ein Diabetes insipidus centralis aufgrund eines Mangels an ADH kann recht plötzlich beginnen und zur Ausscheidung von mehreren Litern eines wasserhellen Urins führen. Solche Patienten werden auch nachts durch häufiges Wasserlassen und Durst mehrfach gestört. Bei Patienten mit Diabetes mellitus, also der Zuckerkrankheit, ist das vermehrte Wasserlassen meist weniger stark ausgeprägt. Diese so genannte Polyurie mit nachfolgendem Durst kommt bei ihnen durch die vermehrte Ausscheidung von Traubenzucker und Wasser über Niere und Urin zustande. Durch den Traubenzucker ist das spezifische Gewicht des Urins eher hoch und der Urin schmeckt süß, während der Urin beim Patienten mit Diabetes insipidus ein niedriges spezifisches Gewicht hat, nicht süß schmeckt und auch kaum Geruch hat. Heutzutage ist es sehr einfach, mittels eines Teststreifens zu prüfen, ob der Urin Glukose, also Traubenzucker, enthält. Sie können diese Streifen in jeder Apotheke kaufen. Lässt sich Diabetes insipidus heilen?
Die meisten Fälle von Diabetes insipidus centralis und Diabetes insipidus renalis lassen sich nicht heilen. Allerdings wird bei den Fällen, die sich nach einer Operation - etwa im Bereich der Hypophyse - entwickeln, häufig eine Besserung im ersten Jahr gesehen. Mein Kind leidet an Diabetes insipidus. Jetzt habe ich Angst, dass sich seine Entwicklung verzögert.
Bei Kindern mit einem angeborenen Diabetes insipidus renalis sind Entwicklungsverzögerungen häufig, weil es noch keine wirklich befriedigende Therapie gibt. Der aufgrund eines ADH-Mangels entstandene Diabetes insipidus centralis lässt sich heute gut medikamentös behandeln. Dann treten Entwicklungsverzögerungen allein aufgrund des Diabetes insipidus centralis nicht auf. Nicht selten liegen aber bei betroffenen Kindern noch andere Störungen vor. Eine häufige Ursache für einen Diabetes insipidus centralis stellt zum Beispiel das so genannte Kraniopharyngeom, ein gutartiger Hirntumor, dar. Bei den Kindern kann es zu mehreren Hormonausfällen und zu Ess-Störungen kommen. Diese können Entwicklung und Wachstum in Kindheit und Jugendalter erheblich beeinträchtigen. Deshalb müssen diese Kinder sehr genau beobachtet werden; Hormonausfälle sollten frühzeitig durch einen Spezialisten behandelt werden.

Hier können Sie Ihre Fragen stellen. Unser Experten-Team wird Ihnen so schnell wie möglich antworten.

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