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Ehec-Infektion: Angriff auf das Gehirn

Der Ehec-Erreger schädigt nicht nur die Nieren. Bei etwa der Hälfte der schwerkranken Patienten treten auch neurologische Störungen auf. Ob sie sich wieder zurückbilden, ist ungewiss.

Von Sonja Popovic

Seit Ausbruch der Ehec-Epidemie vor einigen Wochen sind die Ärzte und Pflegekräfte rund um die Uhr damit beschäftigt, ihre Patienten zu versorgen. Viele dieser Erkrankten haben als Komplikation ein sogenanntes hämolytisch-urämische Syndrom (HUS) entwickelt, es ging zunächst also vorrangig darum, ein Nierenversagen zu verhindern - was im Einzelfall dramatisch genug war. Doch damit nicht genug: Bei vielen der HUS-Patienten machen sich zusätzlich zu den Nierenproblemen auch neurologische Störungen bemerkbar.

"Das ist für uns eine ganz neue Situation", sagt Jonas Repenthin, neurologischer Oberarzt am Asklepios-Krankenhaus in Hamburg-Barmbek. Bisher kam HUS meist bei Kindern vor, neurologische Störungen traten eher selten auf. Jetzt hat nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Neurologie die Hälfte der HUS-Patienten auch neurologische Probleme.

Unterschiedliche Krankheitsbilder

Diese können sich sehr unterschiedlich äußern. Manche Patienten sind verwirrt, unruhig, haben Angstzustände oder nachts Alpträume. Das sind die harmloseren Fälle. Andere können die Realität nicht richtig erfassen, haben Halluzinationen, sind zeitlich oder örtlich desorientiert, sehen doppelt, finden nicht mehr die richtigen Worte. "Einige verstehen die simpelsten Aufforderungen nicht mehr", erzählt Repenthin. "Wenn wir sie etwa bitten, ihren Arm zu heben, reagieren sie nur mit einem fragenden Blick." Schläfrigkeit ist ein weiteres mögliches Symptom, Lähmungserscheinungen, heftige Kopfschmerzen. Besonders häufig treten Muskelzuckungen auf, bis hin zu epileptischen Anfällen. In besonders schweren Fällen fallen die Patienten ins Koma. "In der Masse der Vorkommnisse war das für uns schon eine große Herausforderung", sagt auch Neurologe Christian Gerloff, Leiter der Klinik und Poliklinik für Neurologie am Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf (UKE).

Uneinheitlich ist auch der Krankheitsverlauf. Die meisten von Repenthin betreuten Patienten entwickelten die neurologischen Störungen, nachdem sie schon einige Tage am HUS gelitten hatten. Gerloff hingegen hatte auch Patienten, deren Niere anfangs kaum betroffen war, die aber neurologisch auffällig waren. Das HU-Syndrom habe sich dann erst später voll entwickelt. Durchfälle hätten aber fast alle gehabt, mindestens aber Bauchschmerzen.

Beschränkte Behandlungsoptionen

Die bisherigen Therapiemöglichkeiten sind überschaubar. HUS-Patienten bekommen zunächst die Plasmapharese (Blutwäsche), um die Zellgifte aus dem Blut zu spülen. Ansonsten behandeln die Mediziner die einzelnen Krankheitsbilder: Sie geben Medikamente gegen die epileptischen Anfälle, Mittel zur Beruhigung, etwa bei ängstlichen Personen, gegen Halluzinationen oder Bluthochdruck, was häufig mit dem Nierenleiden einhergeht. Bessert sich der Gesundheitszustand trotz Blutwäsche nicht, verabreichen die Ärzte auch den neuen Antikörper Eculizumab, von dem noch niemand weiß, ob er wirklich hilft. "Es ist ein Heilversuch, bei dem man aus medizinischen Gründen annehmen kann, dass diese Therapie hier sinnvoll sind", sagt Gerloff. Aber es bleibt ein Experiment.

Als Ursache für die Veränderungen im Gehirn vermuten die Fachleute auch hier die Wirkung des Shiga-Toxins, das die Ehec-Erreger im Körper freisetzen. Das Zellgift führt zu Veränderungen der Gefäße: Die Gefäßwände entzünden sich, schwellen an und verstopfen mit der Zeit, sodass die Niere irgendwann nicht mehr versorgt werden kann - Nierenversagen droht. Zunächst sind die Mediziner davon ausgegangen, dass es im Gehirn genauso abläuft. Wenn die Gefäße sich verschließen, kommt es zu Schlaganfällen, also haben sie erwartet, im weiteren Verlauf Schlaganfallpatienten behandeln zu müssen. Eine systematische Kernspintomographie führte jedoch zu einem anderen Ergebnis: "Die Patienten hatten keine Schlaganfälle", berichtet Gerloff.

Auch hier war das Bild, das sich den Ärzten bot, sehr uneinheitlich. "Bei manchen Menschen, denen es sehr schlecht ging und die schwere neurologische Störungen hatten - Sprachstörungen etwa oder epileptische Anfälle - waren keine Veränderungen in der Kernspintomographie erkennbar", sagt Gerloff. "Das andere Extrem waren schwer kranke Patienten, bei denen auch schwere Veränderungen zu sehen waren." Dazwischen gab es ein Bild, bei dem im Gehirn Auffälligkeiten feststellbar waren, die man von Vergiftungserscheinungen kennt. "Das Gute daran: Von solchen toxischen Veränderungen erholen sich die Patienten häufig."

Noch viele offene Fragen

Unter Fachleuten ist auch im Gespräch, dass es sich bei den Veränderungen im Gehirn um eine Reaktion des Immunsystems auf das Shiga-Toxin handelt. Die Ärzte fangen erst langsam an, dieses Phänomen zu verstehen und zu erforschen - es gibt viele offene Fragen, aber bislang stand die Versorgung der Patienten im Vordergrund. Deswegen lässt sich auch kaum sagen, inwiefern bleibende Schäden zu erwarten sind. "Es kann vorkommen, dass Patienten mit Lähmungserscheinungen einen Arm oder einen Bein nicht mehr richtig bewegen können, oder dass sie ihre Sprachfähigkeit nicht vollständig zurückerhalten", sagt Gerloff. Er zeigt sich dennoch "verhalten optimistisch", wie er sagt, und berichtet von einem Patienten, einem älteren Mann, den er von Anfang an intensiv betreut hatte. Zwischendurch hatte der im Koma gelegen und vollständig seine Sprache verloren. Heute konnte er wieder normal mit ihm reden. "Das war ein tolles Erlebnis."

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