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Christa Pfafferott über ihren Film "Andere Welt": So sieht der Alltag in der Forensischen Psychiatrie aus

Im Maßregelvollzug sind psychisch erkrankte Straftäter untergebracht. Wann sie wieder rauskommen, hängt vom Urteil der Gutachter ab. Ein Film von Christa Pfafferott zeigt die Welt hinter den Mauern.

Ein Interview von Mirja Hammer

Die 32-Jährige Autorin und Filmemacherin Christa Pfafferott lebt in Hamburg. Ihr preisgekrönter Dokumentarfilm "Andere Welt" dokumentiert den Alltag auf einer Frauenstation in einer Klinik für Forensische Psychiatrie.

Die 32-Jährige Autorin und Filmemacherin Christa Pfafferott lebt in Hamburg. Ihr preisgekrönter Dokumentarfilm "Andere Welt" dokumentiert den Alltag auf einer Frauenstation in einer Klinik für Forensische Psychiatrie.

Der Dokumentarfilm "Andere Welt" nimmt den Zuschauer mit an einen Ort, der der Öffentlichkeit ansonsten verborgen ist. Hinter Mauern und Stacheldraht leben Menschen in Forensischen Kliniken, wenn sie zuvor als "für die Allgemeinheit gefährlich" eingestuft wurden. Die meisten von ihnen haben unter Einfluss einer psychischen Erkrankung eine Straftat begangen, wodurch sie nicht als voll schuldfähig eingestuft werden können. Der Paragraf 63 des Strafgesetzbuches sieht für solche Personen den Maßregelvollzug vor, eine Unterbringung zur "Besserung und Sicherung" auf unbestimmte Zeit. Frei kommt nur, wer für die Allgemeinheit als nicht mehr gefährlich begutachtet wird. Durch den Fall Gustl Mollath war der Paragraf 2013 in die Kritik geraten.

Die Hamburger Filmemacherin Christa Pfafferott hat einen Dokumentarfilm über die Patientinnenen einer Forensischen Psychiatrie gedreht, für den sie mit dem Marlies-Hesse-Nachwuchspreis des Journa­listinnenbundes ausgezeichnet wurde. An diesem Mittwoch um 23:40 Uhr wird "Andere Welt" im SWR ausgestrahlt. Danach ist der Film auch in der Mediathek zu sehen. Mit stern sprach die Hamburgerin über das nicht immer einfache Verhältnis zwischen Patientinnen und Pflegepersonal und über die ethischen Fragen der Unterbringung nach Paragraf 63.

Frau Pfafferott, Sie haben 25 Tage in der Forensischen Psychiatrie gedreht. Der Fokus Ihrer Dokumentation "Andere Welt" liegt auf dem Verhältnis zwischen Pflegepersonal und Patientinnen. Was hat sie daran so fasziniert?

Mich hat das Spannungsfeld interessiert, in welchem sich die Pflegerinnen bewegen. Einerseits müssen sie dafür sorgen, dass sich die Patientinnen "bessern", sie helfen ihnen, dass sie gesund werden und eines Tages wieder entlassen werden können. Andererseits sind sie für deren Sicherung verantwortlich. Und gleichzeitig sind sie mit die engsten Bezugspersonen für die Patientinnen.

Wann und ob eine Patientin freigelassen wird, hängt damit auch stark von der Beurteilung des Personals ab.

Es hängt natürlich nicht allein vom Wohlwollen des Personals ab, es gibt gesetzliche Richtlinien. In der Klinik in Rheinland-Pfalz arbeiten sich die Patientinnen etwa in einem neunstufigen Lockerungssystem nach oben. Das reicht von den unteren Stufen, für einen freieren Aufenthalt auf dem Gelände bis hin zu Stufe neun, einer Beurlaubung. Das Kritische am Maßregelvollzug ist, dass die Patientinnen auf unbestimmte Zeit untergebracht sind und es somit tatsächlich stark vom Personal abhängt, wann und ob sie freikommen. Diese Abhängigkeit verursacht bei vielen ein Gefühl von Ohnmacht.

Diese Ohnmacht wurde im Film an vielen Stellen deutlich. Die Patientinnen fühlen sich teils sehr ungerecht behandelt.

Eine Frau erzählt im Film-Interview, dass sie aufgrund von Bedrohungsdelikten, für die sie als schuldunfähig verurteilt wurde, 11 Jahre im Maßregelvollzug untergebracht war. Normalerweise bekommt man für ein Bedrohungsdelikt bis zu ein Jahr Freiheitsstrafe oder eine Geldstrafe. Das empfand sie natürlich als vollkommen unverhältnismäßig. Auf der anderen Seite muss man natürlich auch bedenken, dass diese Personen Taten begangen haben, bei der sie als nicht einsichtsfähig und steuerungsfähig galten, weswegen sie in den Maßregelvollzug kamen. Hier stehen sich der große Wunsch und auch das Recht auf Freiheit und ein gesetzlicher Auftrag gegenüber: Der Öffentlichkeit muss Sicherheit garantiert werden, wenn von den Untergebrachten weiterhin eine Bedrohung ausgeht. Die große, kaum zu beantwortende Frage lautet: Wie entscheidet man richtig?

Elf Jahre Unterbringung im Maßregelvollzug anstelle eines Jahres Haft. Man kommt als Außenstehender kaum umhin, dieses Verhältnis in Frage zu stellen.

Die Patientin bekam ja nicht von vornherein elf Jahre. Sie ist als schuldunfähig zur "Besserung und Sicherung" auf unbestimmte Zeit untergebracht. Dies hat sich dann hinausgezögert, weil sie es auf den Lockerungsstufen nicht weiter nach oben geschafft hat. Hier stellt sich vielmehr die Frage, wie schwierig es ist, in diesem abgeschlossenen System festzustellen, ob eine Person noch gefährlich ist - oder ob sie sich einfach nur nicht an ihr Umfeld anpasst. Während unserer Dreharbeiten wurde eine Patientin wegen ihres Verhaltens weiter im sogenannten Kriseninterventionsraum untergebracht - sie hatte einen Kaffeebecher an die Wand geworfen. Dieses Ereignis hat uns sehr nachdenklich gemacht. Ich will mir nicht anmaßen zu beurteilen, was falsch und was richtig ist. Aber zu sehen, welche Konsequenz so ein Vorfall haben kann, war erschreckend.

24 Stunden Überwachung, begrenzte Hofzeiten, teils lange Isolationszeiten auf den Zimmern. Sich in solch einem Umfeld anzupassen, dürfte selbst jemandem ohne psychische Vorbelastung schwerfallen.

Das macht die Unterbringung so schwierig. Einerseits sollen die Menschen gesund werden, gleichzeitig werden sie gesichert und isoliert. Alles wird angeschaut, dokumentiert und beurteilt. Doch niemand von uns ist 24 Stunden perfekt - fast jeder hat mal einen Aussetzer. Experten müssen dann beurteilen, ob das abweichende Verhalten noch menschlich ist, oder ob es krank oder tatsächlich allgemeingefährlich ist.

Der Paragraf 63 ist durch den Fall Gustl Mollath 2013 in die Kritik geraten. Vor allem die darin festgesetzte unbestimmte Dauer der Unterbringung wird scharf kritisiert. Dies ist auch Thema ihrer Dokumentation.

Für mich ist die Unterbringung auf unbestimmte Zeit eines der Hauptmotive, warum ich den Film gemacht habe. Ich halte den Paragrafen für unbedingt reformbedürftig. Mit ihm wird ein menschliches Grundrecht eklatant beschnitten. Bei aller Gewahr für die Sicherheit der Gesellschaft, aber die Menschen im Maßregelvollzug müssen eine realistische Hoffnung entwickeln können. Und diese Hoffnung muss anders gesetzlich festgeschrieben sein, sei es durch höhere zeitliche Reglementierungen oder eine erhöhte externe Begutachtung. Durch den Fall Mollath hat die Regierung Reformüberlegungen dazu angestellt. Es wird überlegt, unter anderem die Unterbringung zeitlich festzusetzen und nach Ablaufen dieser Zeit zu überprüfen, ob von den Betroffenen noch eine Gefahr ausgeht.

Inwiefern könnte ihre Doku "Andere Welt" ein Denkanstoß für Gesellschaft und Politik sein?

Es ist wichtig, dass Medien in bestimmte Bereiche der Gesellschaft gehen. Die Arbeit an "Andere Welt" hat mir einerseits gezeigt, wie gut und wichtig unser Justizsystem ist. Andererseits aber auch, welche Realitäten es für die Betroffenen schafft und welche Spannungsfelder dadurch entstehen. Durch konkrete Beispiele von Menschen, die von ihrer Sicht in Gefangenschaft erzählen, kann ein Anstoß dazu gegeben werden, dass Gesetze überdacht und gegebenenfalls verändert werden.

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