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Mädchen mit Herzfehler Der viel zu frühe Abschied von der kleinen Rose


Die Eltern der kleinen Rose erfuhren während der Schwangerschaft: Ihr Kind hat nur ein halbes Herz. Der Fotograf Martin Lehmann hat die Familie fünfeinhalb Jahre lang begleitet - bis zu Roses Tod.
Ein Interview von Katharina Kluin

Noch bevor Rose auf die Welt kam, erfuhren Birgitte und Jacob Vestergaard, dass ihre Tochter einen schweren Herzfehler hat. Sie mussten entscheiden, ob sie das Kind zur Welt bringen wollen. Sie entschieden sich für Rose - und baten den befreundeten Fotografen Martin Lehmann ihr kurzes Leben zu begleiten.

Martin Lehmann, woher kennen Sie die Familie Vestergaard?

Roses Mutter Birgitte war die Tagesmutter meines Sohnes. Sie erfuhr in der 21. Woche der Schwangerschaft, dass ihre Tochter nur eine Herzkammer hatte. HLHS, Hypoplastisches Linksherzsyndrom - der schwerste angeborene Herzfehler. Niemand wusste, ob Rose die ersten Tage nach der Geburt überleben würde. Deshalb bat ihre Mutter mich, Rose gleich während der ersten Stunden zu fotografieren. Sie sagte: Ich will, dass es wenigstens ein schönes Bild von meiner Tochter gibt, falls sie stirbt.

Was für ein Auftrag...

Ja, im ersten Moment war ich geschockt. Aber in den Wochen vor der Geburt hatte ich Birgitte und ihren Mann Jacob immer besser kennengelernt und wollte ihnen diesen Wunsch schließlich erfüllen. Ich war sehr beeindruckt davon, wie mutig sie sich auf das vorbereitet haben, was da auf sie zukam. Zum Beispiel habe ich auch Fotos von den beiden gemacht, als sie auf einen Kinderfriedhof gingen - Birgitte noch mit ihrem hochschwangeren Bauch. Sie wollten sich innerlich darauf vorbereiten, dass auch ihre ungeborene Tochter schon bald dort liegen könnte. Das war schon von außen, schon durch die Kamera schwer auszuhalten. Birgitte und Jacob haben mich in den folgenden Jahren immer wieder sehr beeindruckt, ich habe viel von ihnen gelernt. Wir sind enge Freunde geworden.

Rose war ebenfalls stark. Sie hat die ersten Tage nach der Geburt gut überstanden - und konnte nach einer Woche zum ersten Mal operiert werden.

Ja. Kinder mit diesem Herzfehler müssen früh operiert werden, damit ihr Kreislauf nicht zusammenbricht und damit ihr Herz ihren Körper mit genug Sauerstoff versorgen kann. Ich war bei der zweiten Operation mit der Kamera dabei. Da war Rose auf den Tag genau zwei Monate alt. Es war unfassbar. So ein kleiner Mensch auf einem Operationstisch. Es ist schwer, das richtig zu finden, wenn man es sieht. Und dennoch: Die Ärtze waren so vorsichtig und liebevoll mit ihr, sie wollten Rose einfach helfen zu leben - das hat mich wieder beruhigt.

Sie waren dann fünfeinhalb Jahre lang sehr nah dabei. Wie war Rose?

Rose kannte ihr Leben ja nur so, wie es war. Es war ok für sie. Es hat sie nicht sonderlich geärgert, wenn sie nach ein paar Metern Rennen erstmal wieder verschnaufen musste. Das war halt so. Sie war neugierig und lustig, sie wollte toben und Quatsch machen. Wie ein ganz normales Kind. Zumindest die ersten drei Jahre lang.

Dann blieb ihr Herz plötzlich stehen.

Kurz vor ihrem dritten Geburtstag. Sie hatte die dritte große Herz-OP gerade überstanden, aber eine Herzklappe war nicht stark genug, für die Aufgabe, die sie danach hatte. 30 Minuten stand Roses Herz still, dann hatten die Ärzte sie zurück. Aber sie trug einen schweren Hirnschaden davon. Sie konnte nicht mehr sehen, nicht mehr sprechen, nicht mehr laufen. Ihr Zustand besserte sich nur sehr langsam. Aber immerhin: Sie ging in eine Förder-KiTa, sie hatte wieder Spaß. Auf den meisten Bildern aus dieser Zeit lacht sie. Keiner von uns hat damit gerechnet, dass es bald vorbei sein könnte. Aber ihr Körper war wohl einfach erschöpft.

Ostern 2014 starb sie. Sie haben auch Bilder von der toten Rose gemacht.

Ihre Mutter rief mich an und sagte: "Wir haben sie bei uns zuhause. Kommst du auch?" Und ich dachte: "Fotos machen? Jetzt?" Aber natürlich, ich war in den ersten Minuten ihres Lebens schon dabei gewesen, und auch davor. Und so war es nur richtig, sie auch am Ende noch einmal zu fotografieren. Für ihre Eltern war das völlig selbstverständlich. Wir mussten das gemeinsam zu Ende bringen. Aber es war auch für mich letztlich gut und wichtig: Dass Rose vor ihrer Beerdigung noch zwei Tage zuhause in ihrem Bett lag, hat ihren Tod viel begreifbarer gemacht. Es war schön, sich so in Ruhe von ihr verabschieden zu können.

Die Geschichte von Rose....

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