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Todesursache Herzstillstand: "Wenn das Herz flimmert, zählt jede Sekunde"

Gestern hörte das Herz von Michael Jackson auf zu schlagen. Wie es dazu kam, ist noch ungeklärt. Jährlich erleiden in Deutschland etwa 100.000 Menschen einen plötzlichen Herzstillstand. Für die Überlebenschancen sind die ersten Minuten entscheidend.

Von Lea Wolz

Unser Herz ist ein großer Muskel. Bei den meisten Menschen schlägt es zuverlässig und gleichmäßig und sorgt so dafür, dass das Blut durch den Organismus gepumpt und Organe, Muskulatur und Gehirn mit Sauerstoff und anderen lebenswichtigen Substanzen versorgt werden. Dabei hat unser Herz einen natürlichen Schrittmacher: den sogenannten Sinusknoten, ein etwa olivenkerngroßes Areal im rechten Vorhof des Herzens, dessen Zellen regelmäßig elektrische Signale erzeugen. Diese winzigen Stromstöße sind für die Herzmuskelfasern das Signal, sich zusammenzuziehen und so Blut durch den Körper zu pumpen.

Dieses Zusammenspiel funktioniert allerdings nicht immer reibungslos. Der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Schlaganfall und Herzinfarkt weltweit die häufigste Todesursache. Aus dem Takt kommt unser Herz auch beim plötzlichen Herzstillstand (Sudden Cardiac Arrest, SCA). Diese Herzrhythmusstörung kommt nicht nur bei Herzkranken vor, sondern kann auch durch einen Schock, den Sturz in kaltes Wasser oder einen Stromunfall verursacht werden. "Auch eine Überdosierung von Psychopharmaka sowie Kokainmissbrauch können dazu führen", sagt Georg Ertl, Kardiologe am Universitätsklinikum Würzburg und designierter Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie. Diese wirken auf das Gehirn und die Herzmuskelzellen und verändern so den Stromfluss.

Risikofaktoren: Alter, Bluthochdruck und Rauchen

"100.000 Menschen erleiden in Deutschland pro Jahr einen plötzlichen Herzstillstand, rund zehn Prozent davon überleben", sagt Ertl. Eine geringe Quote. Begründet ist sie dem Kardiologen zufolge unter anderem dadurch, dass ein Großteil der Betroffenen bereits schwere Herzerkrankungen hat, häufig komme auch die Hilfe nicht rechtzeitig. Junge Menschen trifft ein Herzstillstand allerdings eher selten. Bei einem Alter über 60 Jahre erhöht sich das Risiko um den Faktor fünf. Männer sind stärker gefährdet als Frauen: 5 bis 15 Prozent höher ist ihr Risiko einen Herzstillstand zu erleiden. Bluthochdruck, Rauchen und Diabetes zählen ebenfalls zu den Risikofaktoren. Dabei ist der Herzstillstand nicht mit einem Herzinfarkt zu verwechseln: "Ein Infarkt tritt auf, wenn ein Herzkranzgefäß verstopft ist und daher kein Sauerstoff mehr zum Herzen transportiert werden kann", sagt Ertl. Durch den Sauerstoffmangel stirbt ein Teil des Herzmuskels ab, was zu Rhythmusstörungen führt, die wiederum einen Herzstillstand auslösen können.

Bevor das Herz aufhört zu schlagen, kommt es zum sogenannten Kammerflimmern. "Wenn das einmal da ist, beseitigt es sich nicht von selbst", erklärt der Kardiologe. "Die meisten Patienten fallen wie vom Blitz getroffen um." Doch auch das Kammerflimmern hat Vorboten: Herzstolpern oder -rasen sowie Bewusstlosigkeit zählen dem Mediziner zufolge dazu. Beim Kammerflimmern funktioniert der natürliche Schrittmacher des Herzens nicht mehr, der Sinusknoten wird durch die vielen elektrischen Signale im Herzen ausgeschaltet. Das Herz ist übererregt, das Blut wird nicht mehr transportiert. Die Pumpe steht praktisch still. "Wenn das Herz einmal flimmert, zählt jede Sekunde", sagt Ertl. "Nach drei Minuten Herzstillstand kann es zu gravierenden Hirn- und Organschäden kommen, nach sieben Minuten sind die Chancen sehr gering, dass der Patient ohne Schäden überlebt." Eine Reanimation, die nach einer Stunde erfolgreich ist, wäre ein absoluter Ausnahmefall. Daher ist es wichtig, dass die Umstehenden gleich richtig reagieren.

Herzdruckmassage kann Leben retten

"Eine Herzdruckmassage und die künstliche Beatmung können entscheidende Minuten bringen, bis der Notarzt kommt", erklärt der Kardiologie. Auch wenn sich mancher aus dem Erste-Hilfe-Kurs an die stabile Seitenlage erinnert, ist diese bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand ein Fehler mit fatalen Folgen: Der Patient kann so weder beatmet werden, noch ist eine Herzdruckmassage möglich. Genauso ungünstig wie eine falsche Reaktion ist allerdings auch, wenn der Betroffene in diesem Moment allein ist. "Wenn ein Kammerflimmern eingetreten ist, dann hat der Patient so gut wie keine Chance mehr, wenn niemand da ist, um ihm zu helfen", sagt Ertl. "Sind gleich Helfer zur Stelle und trifft der Notarzt bestenfalls nach sieben bis acht Minuten ein, können Beatmungsgeräte und ein Defibrillator eingesetzt werden." Dabei wird das Herz mit Stromstößen dazu gebracht, wieder im gewohnten Rhythmus zu schlagen. Die Chance, dass eine Defibrillation noch hilft, nimmt allerdings mit der Zeit ab. "Dauert das Flimmern zu lange an, ist der Herzmuskel irreparabel beschädigt", sagt Ertl.

Bei Michael Jackson waren erste Wiederbelebungsversuche ohne Erfolg, vielleicht war es dazu auch schon zu spät. Der Notarzt, der kurz nach zwölf Uhr Mittag Ortszeit in die Villa des Popstars gerufen wurde, fand ihn schon in tiefem Koma. Ein Stunde hätten die Ärzte in der Klinik noch versucht, den Sänger wiederzubeleben, erzählte Jacksons Bruder Jermaine wenige Stunden nach dem plötzlichen Tod. Eine Autopsie soll nun die Ursache für den Herzstillstand klären.

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