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Furcht vor Ehec: "Unser Angstsystem ist primitiv"

Die Warnung vor Gurken, Tomaten und Salat ist aufgehoben, doch das Ehec-Unbehagen bleibt. stern.de sprach mit einem Angstforscher über reale und gefühlte Gefahren.

Herr Professor Bandelow, viele Menschen sind verunsichert und fragen sich, was sie überhaupt noch bedenkenlos essen dürfen. Ist das übertrieben?
Nicht unbedingt. Der Ehec-Erreger scheint gefährlich zu sein, und es waren Tote zu beklagen. Auch ich war oder bin besorgt. Die meisten Menschen haben nicht Mikrobiologie studiert. Und wer sich nicht so genau mit der Materie auskennt, hat Bedenken. Das ist normal, wenn auch nicht immer angemessen.

Können Sie das näher erläutern?
Wir neigen dazu, alle neuen Gefahren, die uns als unbeherrschbar erscheinen, zu überschätzen. Zwar ist es so, dass die Ärzte manche Patienten auf der Intensivstation nicht retten konnten. Und man kennt noch immer die Quelle nicht. Daher haben die Menschen Angst um sich selber oder um ihre Kinder, dass sie vielleicht irgendwo eine falsche Tomate gegessen haben könnten. Nun lauert das Bakterium aber nicht auf jedem Gemüse. Und man kann sich schützen, etwa indem man die Hygieneregeln beachtet oder die Lebensmittel auf über 70 Grad Celsius erhitzt. Deswegen ist die tatsächliche Gefahr einigermaßen eingrenzbar.

Handelt es sich hierbei um eine Urangst, weil es etwas Grundsätzliches, nämlich die Nahrung, betrifft?
Menschen hatten schon immer Angst davor, sich durch Nahrung zu vergiften. Wir haben einen Rezeptor auf der Zunge, mit dem wir Bitteres herausschmecken können, was ein Hinweis auf Gift sein kann. Unser Gehirn warnt uns vor fauligem Geruch oder Schimmel, weil verdorbene Lebensmittel uns krank machen können. Der Mensch ist so gebaut, dass er vor solchen Gefahren einigermaßen geschützt ist. Da wir nun mal jeden Tag essen müssen, ist es verständlich, dass man darauf baut. Das ist aber keine Urangst.

Sondern?
Wir haben ein primitives Angstsystem in unserem Gehirn, das uns vor Gefahren warnt, die unmittelbar und klar sind, vor etwas, das man sieht, hört oder riecht - etwa, wenn man Feuer riecht oder jemanden sieht, der mit einem großen Messer auf uns zukommt. Dieses primitive Angstsystem hat keinen Hochschulabschluss, das weiß nicht, was Bakterien sind und was die im Körper anrichten. Kein Mensch wird, nur weil er im Kühlschrank eine alte Schachtel mit Sprossen findet, einen Panikanfall bekommen. Der wirft die Packung weg, wäscht sich die Hände und fertig. Während Menschen, die eine Spinne sehen, wirklich in Panik geraten können, mit all diesen körperlichen Ausdrucksformen der Angst: Herzrasen, Luftnot, Schweißausbrüchen. Die Angst vor Spinnen ist eine Urangst. Die Angst vor Ansteckung und Krankheit ist vielmehr eine tiefe Sorge, die über unser vernünftiges, intelligentes Gehirn läuft.

Dennoch wirken manche Befürchtungen übertrieben.
Diffuse Ängste entstehen oft, wenn es an Wissen fehlt. Im Zuge der Ehec-Epidemie ist zum Beispiel schon eine neue Angst entstanden: Weil man keinen Salat und keine Gurken mehr isst, bekommt man womöglich einen Vitaminmangel, von dem man dann krank werden könnte. So etwas ist völlig übertrieben, denn man könnte ja auch Eier essen, Fleisch oder Brokkoli, diese Lebensmittel enthalten auch Vitamine.

Wann ist Angst oder Sorge noch normal, wann nicht mehr?
Hier muss man unterscheiden zwischen realen und nicht realen, krankhaften Ängsten. Eine reale Angst ist etwa die, dass man von einem 20-Tonnen-Laster überfahren wird. Hier ist die Angst wichtig. Sie sorgt dafür, dass wir nicht einfach auf die Straße laufen, sondern vorher nach rechts und links schauen. Diese Angst quält uns normalerweise nicht. Auch Angst vor Terror, Krankheit, Krieg, Tod sind alles reale Ängste. Unfälle passieren. Deswegen geht niemand zum Psychiater. Auf der anderen Seite gibt es krankhafte Ängste. Das betrifft Menschen, die Panikattacken haben, ohne dass eine echte Gefahr droht. Die haben etwa Angst vor Menschenmengen oder Fahrstühlen. Es gibt aber auch Menschen, die vor realen Gefahren große Angst haben. Die wittern diese überall und leiden auch darunter.

Woran erkennt man, dass die Angst überhand nimmt und krankhaft sein könnte?
Das ist für Laien nicht so leicht festzustellen. Es gibt eine Faustregel: Wenn man etwa 50 Prozent des Tages über Ängste nachdenkt und sein ganzes Leben danach ausrichtet, etwa bestimmte Berufe nicht annimmt, weil man mit dem Auto fahren müsste, oder im aktuellen Fall aus Angst vor Ehec nun gar kein Obst und Gemüse mehr isst, wenn das Leben sich also auf die Angst einstellt, muss man schon von einer krankhaften Angst reden. Dann wäre professionelle Hilfe angeraten. Besonders, wenn die Angst einen dazu treibt, dass man sich mit Alkohol oder Beruhigungsmitteln betäubt.

Kann man auch selbst etwas dagegen tun?
Selbsthilfe ist in so einem Fall oft schwierig, weil das System, das einem die Angst einredet, oft stärker ist als die Vernunft. Trotzdem kann man versuchen, sich abzulenken. Manchmal hilft es, sich die statistischen Wahrscheinlichkeiten vor Augen zu führen. Ich sage meinen Patienten immer: Letztes Jahr sind etwa 300 Leute am Verschlucken von Kugelschreibern gestorben. Würden Sie deswegen aufhören, mit Kugelschreibern zu schreiben? Vermutlich nicht. Niemand hat Angst vor Kugelschreibern, obwohl statistisch gesehen mehr Menschen daran sterben als an Ehec. Wichtig ist immer die Relation.

Wie lange werden wir damit noch mit der Angst vor Ehec zu tun haben? Verschwindet sie aus den Köpfen der Menschen, sobald weniger darüber berichtet wird?
Es ist eher umgekehrt. Die Journalisten hören nach einer Weile auf zu schreiben, weil es niemanden mehr interessiert. Wie bei dem Fukushimaunglück: Von dort geht nach wie vor eine stark erhöhte Gefahr aus, trotzdem schreibt man nur noch in Briefmarkengröße darüber. Es gibt so eine Vierwochenfrist, das habe ich nach Ereignissen wie der Vogelgrippe, der Schweinegrippe, nach Terrorangriffen oder dem Reaktorunglück beobachtet: Nach vier Wochen legt sich die Aufregung wieder, weil wir uns daran gewöhnen. Der Mensch ist so gestrickt, dass er sich selbst bei fortwährender Bedrohung der jeweiligen Situation anpasst. Die Angst wird weniger.

Sonja Popovic / print
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