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DR. v. HIRSCHHAUSENS STERN GESUND LEBEN: Wie gefährlich ist ein dicker Bauch?

Fettpolster sind eigentlich eine gute Sache. Ohne sie könnten wir nicht einmal Kinder bekommen. Doch zu viel Bauchmasse gilt als Risiko – sogar für Normalgewichtige.

Körperfett wurde lange unterschätzt: Noch vor 70 Jahren glaubten Wissenschaftler, es handele sich nur um träges Bindegewebe mit zufällig eingestreuten -Tröpfchen. In den 50er- Jahren kam man darauf, dass die Vorräte an Bauch, Hüfte und Oberschenkeln die Menschheit vermutlich immer wieder über Hungerzeiten gerettet hatten. Darüber hinaus hüllt unser Körper seine delikateren Teile in fette Stoßdämpfer: Augäpfel und Nieren etwa ruhen in weichen Kissen.

In den 80er-Jahren erkannte man im vermeintlich trägen Speck eine Schaltzentrale des Stoffwechsels. Botenstoffe aus dem Fett signalisieren, ob Kalorien eingelagert oder verbrannt werden sollen, sie steuern das Immunsystem und sogar unsere Fruchtbarkeit: Ohne sie würden weder Eizellen noch Spermien heranreifen.

Seit einigen Jahren forschen Wissenschaftler auch an sogenanntem braunem Fett. Es setzt extrem viele Kalorien in Wärme um. Eisenhaltige Mitochondrien verleihen ihm seine Farbe. Die eiförmigen Strukturen gelten als winzige "Kraftwerke" in den Körperzellen und verbrennen reichlich Fett. Leider findet sich das braune Gewebe in nennenswerter Menge nur bei Säuglingen. Die Heizkissen in Brust und Nacken schützen Babys offenbar vor Auskühlung. Erwachsenen hingegen bleiben nur ein winziges Reservoir über dem Schlüsselbein, weitere im Nacken und in der Nähe der Nieren – insgesamt etwa 100 Gramm. Trotzdem ergründen Mediziner, wie man den kleinen Ofen aktivieren und fürs Abnehmen nutzen könnte. Kälte zum Beispiel verwandelt helles Fett in braunes, das mehr als hundertmal so viel Wärme erzeugen kann wie andere Gewebe.

Den weitaus größten Teil der menschlichen bilden allerdings weiße Adipozyten, also Fettzellen ohne übermäßiges Verbrennungstalent. Als lebende Kalorienspeicher können sie sich extrem aufblähen, um große Mengen Fett aus dem Blut aufzunehmen und einzulagern. Ob diese Polster krank machen, hängt davon ab, wo sie sitzen: Als lästig aber harmlos gelten Pfunde an Hüfte, Oberschenkel und Gesäß, die zur weiblichen Fettverteilung vom "Birnen"-Typ führen. Manche Forscher glauben sogar, dass solches Unterhautfett vor Krankheit schützen kann. Das würde zum Teil erklären, warum dicke Frauen seltener einen Herzinfarkt bekommen als stämmige Männer mit üppigem Bauch und einer "Apfel"-Silhouette.

Problematisch ist das Fett, das sich tief in der Bauchhöhle sammelt, zwischen Darmschlingen, Magen, Leber und Niere. Vor allem diese viszerale oder abdominale Fettmasse treibt Blutdruck, Cholesterin- und Zuckerwerte in die Höhe – und das Risiko für Diabetes, Darmkrebs, Schlaganfälle oder Herzleiden.

Die Fettzellen tief in der Bauchhöhle sind hyperaktive Sensibelchen. Ihr Stoffwechsel reagiert umgehend auf Stress und viele Botenstoffe. Das kann zu fatalen Kettenreaktionen führen: Wenn zum Beispiel fettlösende Catecholamine an prall gefüllte Adipozyten andocken, werden große Mengen freier Fettsäuren ins Blut geschwemmt. Das blockiert die Blutzucker-Verwertung in Leber und Muskeln und kann auf Dauer zu einem Diabetes Typ 2 führen.

Viele der im produzierten Hormone fördern außerdem chronische Entzündungen, die zur Entstehung von Diabetes und Arteriosklerose beitragen. Nicht nur die Adipozyten selbst setzen solche Brandbeschleuniger frei. Auch Immunzellen bevölkern das Bauchfett: Ein Gramm enthält ein bis zwei Millionen Adipozyten, aber zwei bis drei Millionen Abwehrzellen. Deren Immuneiweiße fachen Entzündungen in den Blutgefäßen an: Interleukin- 6 etwa gilt als ein Auslöser von Arteriosklerose.

Es scheint sogar, als würde ständige Überfütterung die Fettzellen so verwirren, dass sie weitere Immunzellen anlocken und "scharf" schalten. Erschreckenderweise senden pralle Adipozyten sogar Signale, die Krebszellen anziehen. Beobachtungsstudien belegen, das dicke Menschen öfter als schlanke an Brust-, Darm- oder Bauchspeicheldrüsenkrebs erkranken. Die in der Bauchhöhle wuchernden Metastasen zapfen dann das Fettgewebe als willkommene Energiequelle an. Bei starker Fettleibigkeit beginnt ein Showdown: Die immer pralleren Fettzellen werden gequetscht, geraten unter Sauerstoffmangel und sterben.

Puffernde Botenstoffe und regulierende Immunzellen können das metabolische Chaos nicht mehr bändigen. Das Gewebe "kippt" vom gesunden in den stoffwechselkranken Zustand. Fatalerweise bekommen wir davon gar nichts mit, denn die chronische Entzündung verursacht keine Schmerzen.

Das Bauchfett sitzt so tief in den Eingeweiden, dass man es höchstens per Kernspintomografie aufspüren kann. Misst man dagegen die äußere Dicke der Bauchfalte mit einer Fettzange, erfasst diese nur das Unterhautgewebe.
Auch wer sich auf eine herkömmliche Körperfettwaage stellt, erfährt mutmaßlich mehr über den Speck in seinen Beinen als über den in der Bauchhöhle.

Lange Zeit beurteilten Internisten oder Ernährungsberater ein "gesundes" Körpergewicht vor allem anhand des Body-Mass-Index ( : Gewicht in Kilo geteilt durch Quadrat der Körpergröße in Metern). Immer noch steht der BMI als Maßstab für Übergewicht und Fettleibigkeit in ärztlichen Leitlinien und Ernährungsratgebern. Mit einem BMI unter 25 gilt man als normalgewichtig, ab 25 als übergewichtig. Mit 30 rutscht man in den Bereich von Adipositas oder Fettleibigkeit.

Kritik daran gibt es seit vielen Jahren, weil der BMI kaum etwas über den Fettanteil insgesamt aussagt und noch weniger über das riskante Viszeralfett. Immer wieder belegten Beobachtungsstudien, dass extreme Fettleibigkeit krank macht und das Leben verkürzt, leichtes Übergewicht aber nicht unbedingt. Mancher lebt mit ein paar Pfunden zu viel länger als ein dünner Hänfling. Eine Studie der amerikanischen Mayo-Klinik ergab sogar, dass Normalgewichtige mit "Bäuchlein" oft früher starben als fettleibige Patienten mit überschaubarerer Bauchmasse.

Ein einfaches Maß für zuviel Viszeralfett ist der Taillenumfang. In der Mitte zwischen unterstem Rippenbogen und Beckenrand, etwa auf Nabelhöhe, wird ein Bandmaß angelegt, am besten morgens auf nüchternen Magen und nachdem man ausgeatmet hat. Für Männer gelten weniger als 94 Zentimeter Umfang als unbedenklich, für Frauen weniger als 80. Darüber steigt das Risiko für Diabetes und Herzleiden zunächst leicht an, ab 102 Zentimetern bei Männern und 88 bei Frauen gilt es laut Weltgesundheitsorganisation als deutlich erhöht.

Die guten Nachrichten zuerst: Das Gewebe im Bauchinneren ist so aktiv, dass es sein Fett auch leicht wieder freigibt, schneller jedenfalls als die hartnäckigen Polster an Hüfte oder Gesäß. Und mit jedem Stück Bauch schwinden die Gesundheitsrisiken: Schon ein Kilo weniger auf der Waage lässt oft den Blutdruck sinken. Wenig bringt dagegen eine Fettabsaugung, weil sie nur das Gewebe unter der Haut vernichtet. Nach einer solchen OP bleibt einem das riskantere Fett im Inneren leider erhalten – inklusive aller Krankheitsrisiken.

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