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Essay

Der Irrsinn mit dem Essen: "Magersucht ist ein mehr oder weniger heimliches Ideal unserer Kultur"

Warum wollen wir spargeldürr sein? Warum gesunde Lebensmittel kaufen? Was und wie wir essen, ist in unserer hochzivilisierten Gesellschaft kulturell geprägt. Es geht längst nicht mehr um Nahrungsaufnahme.

Von Christoph Klotter

Kultur und Ernährung: Eine Frau isst Schokolade

Schokolade? Ja, aber nur ein winziges Stück. "Selbstkontrolle ist eine moralische Kategorie", sagt Ernährungspsychologe Christoph Klotter in seinem Essay, in dem er die negativen Seiten unserer "Ess-Kultur" beleuchtet.

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Kultur ist Kultur, und Krankheiten sind Krankheiten. Das eine habe mit dem anderen nichts zu tun – so denken wir üblicherweise. Dann gestehen wir gerade noch zu, dass die Krebserkrankungsrate mit dem durchschnittlichen Älterwerden der Gesellschaft zunimmt.

Dass diese als selbstverständlich geltende Trennung so nicht aufrechterhalten werden kann, lässt sich mit Sigmund Freud, dem Begründer der Psychoanalyse, veranschaulichen. Am Ende des 19. Jahrhunderts wandte er sich der damaligen Modeerkrankung, der Hysterie, zu. Eine Hausdame hat den Geruchssinn verloren. In den psychotherapeutischen Gesprächen mit Freud stellt sich heraus, dass sie in den Hausherrn verliebt ist, das aber auf keinen Fall akzeptieren kann: Eine Gouvernante verliebt sich nun einmal nicht in den Hausherren. So etwas war zu Freuds Zeiten verboten. Die strenge Sexualmoral führt dazu, dass sie ihre Liebesregungen nicht wahrnehmen will – geschweige denn, umsetzen – und begünstigt die Entstehung der Hysterie.

Heute gibt es diese Form der Hysterie nicht mehr. Dafür gibt es eine einfache Erklärung: Die Sexualität hat sich liberalisiert. Heute ist alles möglich, wenn dies zuvor mit dem Partner, mit der Partnerin abgeklärt ist.

An die Stelle der Hysterie sind Essstörungen getreten, weil heute der Hungertrieb gesellschaftlich massiv unterdrückt wird. Aber wie? Und warum? Das Wie lässt sich relativ einfach erklären – über ein radikaler werdendes Schlankheitsideal. Dieses erreichen wir eigentlich nur dann, wenn wir wenig oder besser noch gar nicht essen. Dazu ein kurzer historischer Rückblick: Musste ein deutscher Mann Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts noch wohlbeleibt sein, um sozial anerkannt zu sein, so ist er dies heute nur dann, wenn er schlank ist. Innerhalb weniger Jahrzehnte hat eine Radikalisierung des als Ideal wahrgenommenen Körpers stattgefunden.

Marilyn Monroe galt in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts mit ihren Rundungen als weibliches Idol, sie zierte das Cover der ersten Ausgabe des Playboy. In den 60er Jahren wurde sie abgelöst von der sehr dünnen, knabenhaft wirkenden Twiggy. Trotz einiger Korrekturen dominiert heute auf den Laufstegen noch immer der Twiggy-Typ.

Die Verehrung dieses Typs führt dazu, dass quasi nicht mehr gegessen werden kann. Jeder Happen steht im Verdacht, einen Beitrag zu leisten, das Schlankheitsideal zu verfehlen. Essen löst ein schlechtes Gewissen aus. Der Milchkaffee wird als Gefahr begriffen. Denn wir akzeptieren nur den schlanken Körper als gesund-fitten Körper. Übergewicht und Adipositas werden automatisch als Gesundheitsgefährdung begriffen – was wissenschaftlich zunehmend in Zweifel gezogen wird.

Der von dem französischen Soziologen und Philosophen Pierre Bourdieu eingeführte Begriff der sozialen Distinktion mag eine Erklärung dafür bieten, warum heute Schlankheit so hoch im Kurs steht. Fast in der gesamten Menschheitsgeschichte ist Hunger ein existenzielles Problem: Jede Generation hat ihn erfahren oder war zumindest davon bedroht. Als Schönheitsideal galt daher fast immer Wohlbeleibtheit. Heute, in der sogenannten Überflussgesellschaft, können sich alle ausreichend ernähren, alle können wohlbeleibt sein. Daher müssen sich die sozial Bessergestellten mit etwas anderem abgrenzen: mit Schlankheit, dem Kauf von Bioprodukten und Ernährungstrends wie Vegetarismus.

In unserer Kultur wird der Hunger durch das rigide Schlankheitsideal in Teilen unterdrückt. Und so ist die Magersucht, die Anorexia nervosa, eigentlich keine Krankheit, sondern ein mehr oder weniger heimliches Ideal unserer Kultur. Sie wird über unsere Kultur mit produziert. Aber auch die Entstehung von Übergewicht und Adipositas wird durch dieses Ideal begünstigt – wenn jemand schlank sein will, aber es nicht durchhalten kann, weniger zu essen, ins genaue Gegenteil verfällt und zu viel isst.

Tugend der Mäßigung

Warum haben wir so ein strenges Schlankheitsideal? Weil Europa seit 2500 Jahren von der Tugend der Mäßigung bestimmt wird. Mäßigung bedeutet, seine innere Natur kontrollieren zu können, um auf diese Weise ein besonnener und vernünftiger Bürger zu sein. Denn es wurde davon ausgegangen, dass der maßlose Mensch zur Tyrannei neigt. So bekommt Mäßigung eine politische Dimension. Spontan denken wir, dass Mäßigung doch eine gute Sache sei. Wer will schon von seiner inneren Natur überwältigt werden, aggressiven Impulsen ausgeliefert sein und ständig Schlägereien anzetteln? Oder sich gezwungen fühlen, unbedingt heute Nacht noch Sex haben zu müssen? Aber diese Form der Mäßigung ist etwas anderes als das heutige radikale Schlankheitsideal, das geradezu verbietet, etwas zu essen.

Die Tugend der Mäßigung hat also ihre eigene Geschichte. Platon, der einflussreichste Philosoph Europas, interpretierte im antiken Griechenland Mäßigung auf eigentümliche Weise. Für ihn bestand der Staat aus drei Gruppen: geführt von weisen Philosophen. Darunter befindet sich die Kaste der Wächter, die kaserniert und ehelos wie Soldaten leben und die "zuchtlose" Bevölkerung mit allen möglichen Mitteln kontrollieren soll, um die Stärke der Polis (des Staates) auszubauen.

Es geht also um das Glück der Polis und nicht um das Glück des Einzelnen. Besonnenheit bedeutet im platonischen Modell Zucht und Selbstzucht. Das heutige Schlankheitsideal passt perfekt zu Platon. Dazwischen liegen mehr als 2000 Jahre Geschichte, mit verschiedenen Varianten der Mäßigungstugend, die aber in ihrem Kern auf dieser frühantiken Tugend beruhen.

Die römisch-katholische Kirche übersetzt die Mäßigung in Sündenfreiheit, in die Fähigkeit, den irdischen Begierden zu entsagen, insbesondere dem Sex. Seit etwa 200 Jahren radikalisiert die protestantische Ethik die römisch-katholische Interpretation der Mäßigung. Nicht so sehr der Sex wird als teuflische Begierde begriffen, sondern das Nicht-Arbeiten, Müßiggang und Faulheit gelten als Feinde. Es ist schändlich, zu viel zu quatschen, zu viel zu schlafen, Pausen zu machen, etc. Gegen diese Ethik ist die römisch-katholische geradezu sinnenfreudig. Die protestantische Ethik hat zumindest in der angloamerikanischen Welt ihren Siegeszug angetreten. Und es ist zu vermuten, dass sie unser radikales Schlankheitsideal mit verursacht hat. Was dieses Ideal vorantreibt, ist radikale Gnadenlosigkeit.

Schon landen wir bei einer weiteren Essstörung unserer Tage, der Bulimia nervosa, der Ess-Brech- Sucht. Impulsdurchbrüche mit dem Verzehr von großen Mengen an Lebensmitteln werden beantwortet mit zum Beispiel selbst induziertem Erbrechen. Ziel hierbei ist, eine schlanke Figur zu behalten, so die Impulsdurchbrüche der Öffentlichkeit zu verheimlichen und nach außen Disziplin und Selbstkontrolle zu demonstrieren, also als maßvoll zu erscheinen.

Es ist nicht so, dass selbst induziertes Erbrechen ausschließlich der Bulimia nervosa zuzurechnen ist. Im antiken Rom gab es bei den Reichen die Sitte, sich durch Erbrechen zu erleichterten, um dann unbeschwert weiteressen zu können. Mangelnde Selbstkontrolle war in keiner Weise peinlich, im Gegenteil. Nicht so heute. Wir stellen uns eine Gruppe bulimischer Frauen vor, die lachend zusammen in der Toilette stehen, um nacheinander zu erbrechen. Undenkbar!

Selbstkontrolle ist eine moralische Kategorie, sie wird assoziiert mit Leistungsfähigkeit. Symbol für Selbstkontrolle ist Schlankheit. Wer sich zu kontrollieren vermag, der ist ein nützlicher Teil einer Gesellschaft. Sie ist eine Voraussetzung dafür, dass ein moderner Nationalstaat hofft, stärker zu sein als der andere Nationalstaat.

Vom Zwang, gesund zu essen

Vor dem modernen Nationalstaat gab es den Absolutismus. Einem Ludwig XIV. war die breite Bevölkerung gleichgültig. Der Sonnenkönig kümmerte sich nicht um diese. Nicht so der moderne Nationalstaat: Mit der Ersetzung des Berufsheeres durch das Massenheer, mit der allgemeinen Wehrpflicht als historischem Novum (die es heute in Deutschland nicht mehr gibt), wird der Gesundheitszustand der Bevölkerung auf einmal relevant. Schließlich sollen die Soldaten gesund und leistungsfähig sein. Falls nicht, siegt der Feind.

Dasselbe gilt für die industrielle Produktion, die auf eine Vielzahl gesunder Arbeiter angewiesen ist. Als gesund werden sie nur eingeschätzt, wenn sie schlank sind. So wird das heutige Schlankheitsideal genutzt, um einen leistungsfähigen Gesellschaftskörper zu erzeugen, aber auch, um permanent für Gesundheit zu mobilisieren, eine allgemeine gesundheitsbezogene Mobilmachung zu ermöglichen und die Bevölkerung unentwegt zu ermahnen, auf ihre Gesundheit zu achten. Bezüglich der Gesundheit und des Essens herrscht quasi ein permanenter Kriegszustand – unabhängig davon, ob der Krieg erfolgreich ist.

Philosophisch fundiert wird dies nicht nur mit Platon, sondern auch mit der Aufklärungsphilosophie des 18. Jahrhunderts, insbesondere von dem französischen Philosophen Denis Diderot, der ein neues Prinzip formulierte: das Sich-bewähren- Müssen. Nicht die Herkunft bestimmt über das soziale Ansehen, sondern die Leistung, die jeder Mensch erbringt, erbringen muss. Ihm wird die soziale Anerkennung verwehrt, sollte er sich verweigern oder einfach versagen.

Damit wird nochmals klar, dass unsere Gesellschaft zu Anteilen heimlich Anorektikerinnen und Bulimikerinnen bewundert. Mag schon sein, dass sie nicht so leistungsfähig sind wie andere. Aber sie verkörpern die Haupttugend unserer Gesellschaft: radikale Mäßigung, Demonstration von Disziplin, zumindest nach außen.

Und es wird ersichtlich, dass einer der Hauptfeinde unserer Gesellschaft die Dicken sein sollen: dem Anschein nach maßlos und ohne Selbstkontrolle. Sie kommen einfach gegen ihren inneren Schweinehund nicht an – so die übliche Denkweise. Deshalb dürfen sie verachtet und diskriminiert werden. Mit dieser Verachtung wird indirekt der Selbstkontrolle gehuldigt, und sie wird auf den Sockel gestellt.

Jetzt wurden bereits diverse Essstörungen und deren Bezug zu unserer Kultur vorgestellt. Eine, die noch fehlt, ist die Orthorexia nervosa, das übermäßig und zwanghaft gesundheitsbewusste Essen. Der amerikanische Arzt Steven Bratman hat diesen Begriff Ende der 90er Jahre geprägt und meint damit ein gestörtes Essverhalten, das aus einer Mischung aus Anorexia nervosa und einem Zwangssystem bezüglich der Nahrungsaufnahme besteht. Er schildert aus eigener Erfahrung, wie er sich zwanghaft mit seiner Ernährung beschäftigt, dabei ein eigene, unausgewogene Diät entwickelt, die um Reinheit und Qualität von Nahrungsmitteln kreist. Wie er versucht, andere Menschen davon zu überzeugen, so zu essen wie er, wie er die anderen nicht davon überzeugen kann, sein zwanghaftes System radikalisiert, wie er sich psychosozial isoliert, Essdurchbrüche und Stimmungseinbrüche erfährt und sich fast vollständig verliert.

Orthorexia nervosa fällt nicht vom Himmel. Sie überzeichnet nur ein wenig unsere gesellschaftlich geprägte Einstellung zum Essen, die durch die Verwissenschaftlichung des Essens vor etwa 200 Jahren determiniert ist. Seither wissen wir, oder glauben wir zu wissen, welche Inhaltsstoffe in welchem Umfang wir zu uns zu nehmen haben. Und wehe, wir weichen von den Ernährungsempfehlungen ab. Dann fühlen wir uns schlecht und glauben, unserer Gesundheit zu schaden.

Die naturwissenschaftliche Sichtweise auf das Essen ist im Prinzip das Modell des Essens, das Steven Bratman umgesetzt hat; nur hat er ein eigenes Kostregime entwickelt und war radikaler als diejenigen, die sich nach den wissenschaftlichen Empfehlungen richten.

Übermäßig gesundes und zwanghaft ausgeübtes Essen greift zwei gesellschaftliche Entwicklungen auf: die gesellschaftliche Pflicht zu einem gesundheitsbewussten Essen und die Chance und Pflicht zur Individualisierung. So hat sich Bratman als Betroffener keiner Gruppierung wie den Vegetariern angeschlossen, sondern hat ein ureigenes Ernährungsregime entwickelt.

Individualisierung ist ein Kennzeichen der Moderne, also der letzten 200 Jahre in Europa. Sie bedeutet die Chance und Pflicht zur Selbstverwirklichung. Jede und jeder soll ein einzigartiger Mensch werden und seine Talente voll entfalten. So kann jeder Mensch einen einzigartigen Essstil entwickeln.

Wir sehen also, dass unsere Kultur bestimmte Muster von Essstörungen vorgibt, in die sich individuelle persönliche Notlagen quasi einfügen können. Da ist jemand darüber verzweifelt, nicht einzigartig genug zu sein, und entwickelt orthorektisches Essverhalten.

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