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Interview

Homöopathie: Eiter und Globuli im Ohr: Ein großes Missverständnis - und ein leidendes Kleinkind

Ein Arzt fischt Globuli aus dem Ohr eines vierjährigen Mädchens und twittert über den Vorfall. Im Netz tritt er damit eine Grundsatzdiskussion über Homöopathie los. War das beabsichtigt? Wir haben bei dem behandelnden Arzt nachgefragt.

Ungewöhnlicher Fund: HNO-Arzt Christian Lübbers entdeckte Globuli im Gehörgang einer vierjährigen Patientin

Ungewöhnlicher Fund: HNO-Arzt Christian Lübbers entdeckte Globuli im Gehörgang einer vierjährigen Patientin

Herr Dr. Lübbers, vor fünf Tagen haben Sie einen Tweet verfasst, der im Netz für Furore sorgt. Er ist 140 Zeichen lang und lautet: "Beim Kind mit einer akuten eitrigen Mittelohrentzündung 10 Globuli aus dem Gehörgang geholt... #Homöopathie wirkt: Dummheit potenziert sich." Was war da los?

Alles schien zunächst nach einer Standardsituation. Die Eltern kamen mit ihrer Tochter in meine Praxis, das Kind klagte über Fieber und Ohrenschmerzen. Als HNO-Arzt behandle ich sehr oft Kinder mit diesen Symptomen, das ist also nichts Ungewöhnliches. Ich schaute mit dem Ohrmikroskop in den Gehörgang des Mädchens, und darin sah es ziemlich schaurig aus: Eiter, Sekret und kleine weiße Kugeln, die sich teilweise schon zersetzt hatten. Man kann sagen: eine ganz schöne Pampe.

Wie haben Sie reagiert?

Ich fragte die Eltern, ob das Globuli im Ohr ihrer Tochter seien. Tatsächlich bejahten sie die Frage. Sie hatten sie dort selbst hineingetan.

Was denkt man als behandelnder Arzt in so einem Moment?

In erster Linie tat mir das Kind leid. Als Arzt ist es ja meine Aufgabe, ihm zu helfen und die Symptome zu lindern. Aber ich war auch irritiert und erstaunt darüber, was für Stilblüten ein gut gemeinter Therapieratschlag treiben kann.

Ein Heilpraktiker hatte den Eltern das Mittel zur Linderung der Mittelohrentzündung empfohlen und offenbar nicht über die richtige Anwendung aufgeklärt. Was glauben Sie: Haben die Globuli die Entzündung weiter verschlechtert?

Darüber kann ich nur spekulieren, und das möchte ich nicht. Generell kann man jedoch sagen: Bleibt eine Erkrankung unbehandelt – wird also keine ursächliche Therapie eingeleitet – setzt sich der entzündliche Prozess weiter fort. So wie in diesem Fall geschehen.

Auf Twitter haben Sie über den Vorfall berichtet und damit eine Grundsatzdiskussion über Homöopathie losgetreten. War das beabsichtigt?

Keinesfalls. Ein Tweet kann sehr schnell eine Eigendynamik entwickeln. Und die Kürze der Nachricht birgt immer die Gefahr, dass sie hinterher von bestimmten Lagern interpretiert oder instrumentalisiert wird. Dieser Tweet sollte keinesfalls einen einzelnen hilfesuchenden Patienten oder einen einzelnen homöopathisch behandelnden Therapeuten kritisieren. Er sollte – möchte man ihm eine Intention zusprechen – lediglich das pseudowissenschaftliche Konstrukt hinterfragen, welches die Homöopathie gerne nutzt, um sich in einem wissenschaftlichen Licht darzustellen. 

Damit klingt leise Kritik durch. Wie stehen Sie zur Lehre der Homöopathie?

Ich bin ein Arzt, der nach evidenzbasierten Kriterien behandelt. Evidenzbasierte Medizin beruht auf Studien und Wissenschaft und führt zu Empfehlungen der Fachgesellschaften. Doch eben diese Untersuchungen haben zweifelsfrei bewiesen, dass die Homöopathie keinerlei Wirkung hat, die über den Placebo-Effekt hinausgeht. Der Placebo-Effekt, der bei der Behandlung von Kindern und Tieren auftritt, nennt sich "Placebo-by-proxy" – ein durch Zuwendung gespiegelter Placebo-Effekt.

Was haben Sie dem Mädchen stattdessen verschrieben?

Das Mädchen hatte einen zusätzlichen Infekt, die Nase war verstopft. Sie bekam ein abschwellendes Nasenspray, ein Schmerzmittel und einen antibiotischen Saft. Mittlerweile geht es ihr wieder gut.

Fremdkörper im Ohr – wie oft kommt so etwas überhaupt vor?

Die Tatsache, dass man Erwachsenen oder Kindern irgendetwas aus dem Ohr zieht, ist das tägliche Geschäft eines Ohrenarztes. Meist handelt es sich dabei um Ohrenschmalz-Propfen oder um Teile eines Wattestäbchens. "Q-Tips" gehören deshalb keinesfalls in die Ohren! Kinder stecken sich bevorzugt Spielzeugteile oder Bügelperlen in den Gehörgang. Das ist nicht ungefährlich. Fremdkörper können das Trommelfell durchstoßen oder zu einer Gehörgangentzündung führen.

Und wie sieht es mit Medikamenten aus?

Die findet man eher selten im Ohr. Ich habe aber auch schon Zwiebel- oder Knoblauchstücke aus Gehörgängen gefischt. Sie stammen von Zwiebelsäckchen, die einige Menschen bei Ohrenschmerzen auflegen.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Ich möchte das gern betonen: Man soll und darf immer zum Arzt gehen, wenn man sich Sorgen macht – um sich oder sein Kind. Da ist es völlig egal, um was es geht. Daneben gibt es noch medizinische Gründe, die wie in diesem Fall einen Arztbesuch erfordert hätten: also Ohrenschmerzen in Kombination mit Fieber oder Ausfluss aus dem Ohr. Auch bei geschwollenen Lymphknoten oder allgemeinem Unwohlsein ist es sinnvoll, einen Arzt aufzusuchen.

Wattestäbchen


Interview: Ilona Kriesl
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