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Hirntraining: Mehr Strom in die Birne

Mit dem Gehirn ist es wie mit den Muskeln: Zu viel Ruhe macht träge. Denkfaule und Gewohnheitstiere vergeuden ihre Intelligenz.

Nichts muss sterben im Kopf, solange der Körper mitspielt

Unser Gehirn ist genügsam. Sofern es mit ausreichend Sauerstoff und Zucker versorgt wird, tut es seinen Dienst 70, 80 Jahre oder gar noch länger. Wird es nicht von Krankheiten geplagt oder von Drogen vergiftet, bleibt seine Leistungsfähigkeit dabei fast unverändert erhalten.

Bis vor kurzem glaubten selbst noch die meisten Wissenschaftler, dass mit steigendem Lebensalter in unseren Köpfen der Neuronentod wüte. Mit jedem Jahr, so nahmen sie an, gingen unwiderruflich Millionen und Abermillionen Nervenzellen verloren. Dank genauerer Untersuchungsmethoden jedoch, die besonders im Verlauf des vergangenen Jahrzehnts entwickelt wurden, konnten die Experten Entwarnung geben. Nichts muss sterben in unseren Köpfen, vorausgesetzt, der Körper drum herum spielt mit. Inzwischen konnten Forscher sogar bestätigen, dass selbst im erwachsenen Gehirn noch neue Nervenzellen gebildet werden - zwar nicht viele, aber genug, um das jahrzehntealte Dogma vom unwiderbringlichen Neuronentod zu stürzen.

Ununterbrochen, von der Wiege bis zur Bahre, verändert sich das Gehirn

In dem gigantischen Netz der mehr als 100 Milliarden Nervenzellen ist alles im Fluss: Neue Verbindungen, die Synapsen, können gebaut, überschüssige wieder eingeschmolzen werden. Gegen das Netzwerk im Schädel, die verschlungene Verkabelung unserer drei Pfund Hirn, wirkt das Internet wie ein Kinderspielzeug. Denn unser Denkorgan hat unzählige Computer: Jede einzelne Nervenzelle ist ein Miniprozessor und in der Lage, Daten zu verarbeiten. Sie besitzt eigene Messinstrumente, Schalter, Sende- und Empfangsanlagen. Durch die ultradichte Vernetzung kann sie weit entfernte Verwandte (»weit entfernt« entspricht einigen Zentimetern) über wenige Relaisstationen kontaktieren.

Ununterbrochen, von der Wiege bis zur Bahre, verändert sich das Gehirn. Denn unentwegt wird es von der Umwelt, die es wahrnimmt, manipuliert - und wir vermögen dagegen nichts zu tun: Sogar während der Lektüre dieser Zeilen verändert es sich. Damit müssen wir leben, und es lebt sich sogar gut damit.

Denn gerade die Veränderung hält uns geistig fit. Wie Untersuchungen mit älteren Menschen gezeigt haben, kann schon ein dreiwöchiger Krankenhausaufenthalt, etwa wegen einer gebrochenen Hüfte, aus einem mitten im Leben stehenden Senioren einen Pflegefall machen. Wer wochenlang im Bett dahinvegetiert und wessen graue Zellen keine Anregung außer »Vera am Mittag« oder dem Talk bei Pfarrer Fliege kennt, der riskiert geistige Trübung.

Auch das Gehirn braucht sein Fitness-Training

Zu viel Ruhe macht träge, das gilt für die Glieder wie fürs Gehirn. Und für unsere Nervenzellen trifft beim Training dasselbe zu wie für die Muskeln: Nicht die kurzfristige Höchstleistung erhält die Gesundheit bis ins Alter, sondern ausdauernde und regelmäßige Betätigung. Was Powerwalken oder Aquarobic für Herz und Kreislauf, das kann schon ein simples Kreuzworträtsel (siehe Hirncheck) oder der Verzicht auf die Schnellwahltaste beim Telefon für das Gehirn leisten. Natürlich kann auch das beste Training nicht vor den Verwüstungen so genannter neurodegenerativer Krankheiten wie der Alzheimerschen schützen (siehe Gedächtnistest). Jedoch kann die bessere Kondition - wie beim Körper auch - den Verlauf eines solchen Leidens häufig zumindest lindern. Ein höherer Vernetzungsgrad, also mehr Verbindungen zwischen den Nervenzellen, erlaubt es dem Denkorgan, immer neue Umwege zu finden, wenn einzelne Neuronengruppen abgestorben sind. So verzögert sich das Auftreten der Krankheitssymptome.

Was fit hält, macht in diesem Fall auch Spaß. So möchten wir Sie dazu anstiften, Ihr Gehirn zu testen und einige seiner Tricks zu erkunden. Denn seine Arbeitsweise ist auf ein Ziel hin optimiert: Überleben. Deshalb sieht es sogar Gesichter, wo keine sind, kann auch aus dem größten Durcheinander von Geräuschen wichtige Informationen herausfiltern und ihren Inhalt selbst dann noch verstehen, wenn er nur in Bruchstücken übermittelt wird.

Je besser das Gehirn beim Lösen von derlei Aufgaben trainiert ist, desto sparsamer geht es mit seiner Energie um - ganz so, wie der trainierte Läufer im Ruhezustand einen niedrigeren Puls hat als ein untrainierter. Gerhard Roth, Hirnforscher aus Bremen, erklärt: »Untersuchungen zeigen, dass Ungeübte und weniger Intelligente beim Lösen komplizierter Probleme ihr Gehirn mehr beanspruchen als Geübte und Intelligentere. Kompliziertes Aufrufen und Zusammenfügen von Information aus den verschieden Zentren geht langsam vor sich und ist teuer.« Der Kluge denkt effizienter und energiesparender.

Hirnerkrankungen gibt es genügend

Die größte Bedrohung unseres Denkvermögens sind nach wie vor die tückischen Erkrankungen, denen das zentrale Nervensystem zum Opfer fallen kann. Das betrifft nicht Wenige: Auf der Liste der Leiden, die uns Menschen die Fähigkeit rauben, ein normales Leben zu führen, steht die Depression an erster Stelle. Drei weitere Gehirnerkrankungen - Alkoholismus, manisch-depressive Störung und Schizophrenie - sind unter den ersten zehn. Bis zu 15 Prozent der über 65-Jährigen leiden unter Alzheimer. Heilung ist bei diesem Hirnleiden, wie auch bei Multipler Sklerose oder Parkinson, noch nicht in Sicht.

Denn trotz der enormen Fortschritte, die der Hirnforschung vor allem im vergangenen Jahrzehnt gelungen sind, hat die Landkarte unseres Inneren noch riesige weiße Flecken. »Nur wenn auch diese Areale erkundet werden«, sagt Christian Elger, Epileptologe in Bonn und Sprecher der deutschen Initiative zur Erforschung des menschlichen Gehirns, »können wir für unsere Patienten neue Behandlungsmethoden finden. Wenn wir deshalb auch hierzulande mehr Begeisterung für das Gehirn wecken möchten, dann nicht nur, weil Neugier seine erste Tugend ist, sondern auch, weil damit Millionen Menschen konkret geholfen werden könnte.«

Von Christoph Koch, Frank Ochmann und Walter Schels (Fotos)

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