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Interview: "Wir brauchen mehr Blutspender"

Das Blut wird knapp: Peter Schlenke vom Universitätsklinikum Lübeck über fehlenden Nachschub, Katastrophenvorräte und das Wohlgefühl nach dem "Aderlass".

Von Ulrich Kraft

Warum gingen im Sommer dieses Jahres die deutschen Blutvorräte zur Neige?

Viele Spender waren im Urlaub, andere hatten Angst, dass sie Kreislaufprobleme bekommen, wenn sie sich bei dem heißen Wetter ihr Blut abnehmen lassen. Diese Engpässe gibt es in fast jedem Sommer.

Wie bedrohlich war die Situation?

An der Universität Lübeck haben wir im Durchschnitt Blut für vier Tage vorrätig - im Sommer reicht es oft nur noch für ein oder zwei Tage. Um zu gewährleisten, dass im Notfall alle Patienten schnell versorgt werden, müssen wir manchmal die Reserven angreifen, die für Katastrophenfälle vorgesehen sind.

Füllen die Bestände sich nach den Sommerferien?

Blut ist in Deutschland ständig knapp. Wir haben einfach zu wenige Spender. In den Beneluxstaaten oder Skandinavien betrachtet ein großer Teil der Bevölkerung das Blutspenden als selbstverständliches soziales Engagement; den Deutschen ist wohl nicht klar, dass sie jederzeit in eine Situation kommen können, in der sie selbst eine Konserve zum Überleben brauchen. Vielleicht müssen wir das Bewusstsein dafür verfeinern, damit mehr Leute spenden.

Wie viel Blut wird bundesweit benötigt?

Heute liegt der jährliche Bedarf bei rund 4,2 Millionen Blutkonserven, allerdings rechnen wir für die Zukunft mit einem stetigen Anstieg von zwei bis drei Prozent pro Jahr. Das Problem wird sich also verschärfen, wenn nicht mehr Menschen spenden.

Warum werden wir mehr Blutspenden brauchen?

Vor zehn Jahren ging man davon aus, dass durch die Schlüssellochchirurgie Blut sparender operiert wird. Weil die Medizin aber immer weiter Fortschritte macht, wird insgesamt mehr operiert - und vor allem bis in ein höheres Alter. Gerade alte Menschen brauchen nach größeren Eingriffen oft Blut. Mit dem Altern unserer Gesellschaft steigt daher auch der Blutbedarf.

Sind Ärzte und Krankenhäuser vor diesem Hintergrund zu großzügig mit den Ressourcen?

Bislang war dieser Vorwurf nicht unberechtigt, inzwischen werden die Blutbanken aber erzieherisch tätig: Sie appellieren an Ärzte, nur so viel zu geben, wie nötig ist. Blut ist ein Medikament und unterliegt einer strengen Indikation. Ist sie nicht gegeben, braucht der Patient auch keine Blutkonserve. Zur Kontrolle führen wir Statistiken: Wenn ein Abnehmer unverhältnismäßig viel Blut anfordert, rufen wir an und fragen, was los ist.

Vor einigen Jahren fanden Forscher Hinweise dafür, dass männliche Blutspender ein geringeres Herzinfarktrisiko besitzen. Ist der "Aderlass" gesund?

Blut abzugeben regt die Neubildung von Blutzellen an. Es gibt jedoch keinen Beleg dafür, dass sich bei gesunden Spendern dadurch irgendeine Organfunktion messbar verbessert.

Manche fühlen sich nach der Blutspende leistungsfähiger und frischer...

Gerade bei langjährigen, regelmäßigen Spendern kommt das vor. Wenn sie die Altersgrenze erreichen, wollen sie oft gar nicht aufhören, Blut zu spenden. Doch auch dieser Effekt ist nicht wissenschaftlich bewiesen.

Wer darf Blut spenden?

Jeder Gesunde zwischen 18 und 68. Bei Menschen mit einer chronischen Erkrankung muss ein Arzt prüfen, ob die Person zum Blutspenden darf. Die Regeln des Spenderschutzes sind streng: Wenn diese Kriterien eine Blutspende erlauben, ist das völlig unbedenklich.

Welchen zusätzlichen Nutzen haben diese Regeln für die Spendenden?

Jeder Spender wird vor der Abnahme untersucht: Der Arzt misst seinen Blutdruck, hört Herz und Lunge ab und bestimmt sein Blutbild, außerdem wird das Blut auf Infektionskrankheiten wie Aids oder Hepatitis B und C getestet. So bekommen alle Blutspender automatisch und kostenlos einen kleinen Gesundheitscheck. Der kann zwar den regelmäßigen Arztbesuch nicht ersetzen, aber er bedeutet etwas mehr Gewissheit, dass körperlich alles in Ordnung ist. Und das Anzapfen der Vene mit der Spritze tut noch nicht einmal weh.

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