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Interview mit Iqwig-Chef Sawicki: Pharmakritiker stellt sich Kritik

Peter Sawicki gilt als einer der unbestechlichsten Kritiker der Pharmaindustrie. Jetzt steht der Chef des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen selbst am Pranger. Er soll der Firma seiner Frau Aufträge zugeschustert haben. Im stern.de-Interview nimmt der Mediziner ausführlich Stellung.

Von Markus Grill

Herr Sawicki, wie viele Aufträge hat das Iqwig an das private Institut Ihrer Frau vergeben?

Es gab einen Auftrag im Frühjahr 2005, als wir prüfen sollten, ob ein bestimmter Cholesterinsenker, nämlich Sortis, einem anderen Cholesterinsenker überlegen ist. Es gab unter den wenigen Sachverständigen, die sich in Deutschland mit evidenzbasierter Medizin auskennen, keinen, der diesen Auftrag so schnell übernehmen konnte. Deshalb haben wir das Deutsche Institut für evidenzbasierte Medizin (DIeM), an dem meine Frau Geschäftsführerin ist, gefragt. Allerdings habe ich diese Auftragsvergabe vom Vorstand der Iqwig-Stiftung prüfen lassen, weil mir klar war, dass man daraus einen Interessenkonflikt konstruieren könnte. Der Vorstand hat das beraten und dann der Auftragsvergabe ans DIeM zugestimmt.

Nun müssen Sie sich in Medien den Vorwurf der Vetternwirtschaft gefallen lassen.

Ich wurde 2004 gebeten, die Leitung des Iqwig zu übernehmen. Schon damals dachte ich, es sei besser, das DIeM, an dem meine Frau und ich beteiligt waren, zu schließen. Ich habe das den Mitgliedern der Berufungskommission, die mich als Chef eingestellt haben, auch angeboten. Doch damals hieß es: Nein, lassen Sie das DIeM doch bestehen, es reicht, wenn sie sich zurückziehen. Womöglich war es ein Fehler, in dieser Frage auf die Vorstandsmitglieder zu hören und das DIeM bestehen zu lassen. Vielleicht hätte ich da einen klaren Schlussstrich ziehen müssen.

Neben dem Gutachten über die Cholesterinsenker sind noch weitere Aufträge an das Institut ihrer Frau gegangen.

Nein, nicht von uns - aber von anderen. Wir haben im Jahr 2005 an die Medizinische Abteilung der Universität Graz 13 Aufträge zu Bluthochdruck und Diabetes vergeben. Die Uni Graz wiederum hat diese Aufträge nicht ausschließlich selbst bearbeitet, sondern zwei Unteraufträge an das DIeM weitergeben. Eine dritte Kooperation gab es zu Methodenfragen. Alle diese Aufträge wurden uns gemeldet, sie sind auch auf der Homepage der Uni Graz veröffentlicht, insofern ist das transparent.

Waren diese Aufträge genehmigungspflichtig?

Nein, Unteraufträge bedürfen nicht der Zustimmung des Vorstands, sie müssen dem Iqwig nur gemeldet werden. Genehmigungspflichtig durch den Vorstand sind nur Aufträge, die das Iqwig direkt an das DIeM vergibt. Im Nachhinein wäre es natürlich geschickter gewesen, damals den Vorstand zu informieren. In dem Anfangstrubel des ersten Jahres des Institutsaufbaus hat aber keiner daran gedacht.

Gab es noch weitere Unteraufträge?

Wir haben einen Auftrag zu Stammzellen an die Uniklinik Düsseldorf vergeben. Der Leiter des dortigen Cochrane-Zentrums, Bernd Richter, hat selbst wiederum erklärt, er müsse sich dazu auch Fachwissen holen und hat seinerseits für eine spezielle Recherche einen Unterauftrag an das DIeM vergeben. Das haben wir aber erst mitbekommen durch die Meldung der Uni Düsseldorf an uns. Leider wurde diese Meldung im Sommer 2007 bei uns falsch abgeheftet. Dadurch haben wir dies erst einige Wochen später registriert, dass beim Stammzellen-Auftrag ein Unterauftrag an das DIeM gegangen ist. Das Problem bei diesem Auftrag war, dass der Iqwig-Vorstand zuvor beschlossen hatte, dass wir den Hauptauftrag zu Stammzellen nicht an das DIeM vergeben sollten. Als wir nun erfuhren, dass die Düsseldorfer einen Unterauftrag ans DIeM vergeben hatten, haben wir sie per Brief aufgefordert, die Zusammenarbeit mit dem DIeM sofort zu beenden. Das haben die Düsseldorfer dann auch gemacht. Allerdings hatte das DIeM schon begonnen zu arbeiten. Deshalb wurde auch ein Teil des Auftrags honoriert.

Was wäre gewesen, wenn Sie rigoros keinen Auftrag an das DIeM vergeben hätten?

Dann hätten wir in den vergangenen drei Jahren seit Gründung des Iqwig bei weitem nicht so viele Gutachten über Medikamente und Therapieverfahren bewältigen können. Im Januar 2005 wollte der Gemeinsame Bundesausschuss von uns, dass wir weltweit alle relevante wissenschaftliche Literatur zur Therapie von sieben chronischen Erkrankungen auswerten, also Diabetes, Depression, Bluthochdruck, Asthma und so weiter. Und zwar in kürzester Zeit. Das war ein Wahnsinn! Wir haben händeringend nach Sachverständigen gesucht. Die medizinischen Fachgesellschaften waren ablehnend, die etablierte Medizin wollte mit uns nicht kooperieren. Ich habe die Fachgesellschaften damals persönlich angerufen und bin gegen eine Mauer gelaufen.

Wieso ist es eigentlich so schwierig, Sachverständige zu finden? Es gibt doch in jeder größeren Stadt eine Uniklinik.

Ja, aber nur wenige sind gewillt oder in der Lage, nach den Methoden der evidenzbasierten Medizin zu arbeiten, die heute international wissenschaftlicher Standard ist. Um für uns ein Gutachten zu erstellen, muss man systematisch Studien recherchieren, sie überprüfen, die Daten kontrollieren, die verlässlichen auswählen, zusammenfassen und interpretieren. Außerdem muss man angeben, ob man als Sachverständiger selbst Interessenskonflikte hat, also welche Pharmafirmen einen finanziell unterstützen und Ähnliches. Wenn Sie das alles berücksichtigen wird die Zahl der Mediziner, die in Deutschland für so was in Frage kommen, doch sehr überschaubar. Außerdem gibt es die Sorge in der Branche: Wer mit uns zusammenarbeitet, wird von der Industrie künftig geschnitten. Anfang 2005 haben wir dann eben an der Uni Graz Sachverständige gefunden, die angesichts der Menge und des Zeitdrucks einige Unteraufträge an das DIeM vergeben haben. Wir hätten diese Unteraufträge verbieten können – doch dann hätten wir auch manche medizinische Frage nicht klären können, die heute vielen Ärzten und Patienten im Alltag hilft.

Was meinen Sie damit?

Beim Auftrag über den Bluthochdruck haben wir zum Beispiel herausgefunden, dass die günstigsten Arzneimittel mindestens genau so gut wirken, zum Teil sogar besser, als die teuersten. Auch bei den Diabetesmedikamenten, den Cholesterinsenkern oder den Blutverdünnern haben wir mache Behauptungen von Pharmaunternehmen über die angeblich bessere Wirkung ihrer Neuheiten als Mythos entzaubert.

Und sich damit viele Feinde gemacht...

Das weiß ich nicht. Ich finde es nur schade, dass man hierzulande so heftig gegen Institute wie unseres vorgeht, das eben unabhängig von der Pharmaindustrie versucht, bestimmte medizinische Fragen zu klären.

Vorstandssprecher Andreas Köhler, der gleichzeitig Chef der Kassenärztlichen Vereinigung ist, hat nach einem Gespräch mit Ihnen an die vier anderen Vorstandsmitglieder der Iqwig-Stiftung einen Brief geschrieben, indem es heißt: "Im Ergebnis dieses Gesprächs muss festgestellt werden, dass die Behauptungen und Vermutungen größtenteils leider zutreffend sind."

Das ist mitnichten der Fall. Ich teile hier seine Auffassung nicht. Ich selbst habe dem Vorstand jedenfalls mitgeteilt, dass es im Hinblick auf die Vergabeverfahren des Iqwig keinerlei Unregelmäßigkeiten gibt und dass gegen die Beschlüsse des Vorstands nie verstoßen wurde.

Die Auftragsvergabe an das Institut Ihrer Frau hat trotz allem auch einen Nebengeschmack.

Ja, das mag sein. Auch wenn es formell korrekt war, war es vielleicht nicht richtig, weil man sich angreifbar macht. Aber auf die Arbeit des DIeM zu verzichten, hätte vor allem bedeutet, viele medizinische Fragen, mit denen Ärzte, Krankenkassen und Gesundheitsministerium an uns herangetreten sind, nicht beantworten zu können – oder zumindest nicht so schnell wie bisher.

Haben Sie die ganzen Anfeindungen der letzten Jahre nicht langsam satt? Die Pharmalobby wartet doch nur darauf, dass Sie entnervt aufgeben.

Ich hab mich ja nicht beworben um diesen Job. Zuvor war ich als Chefarzt sehr zufrieden. Die Patienten fehlen mir jetzt. Die Leitung des Iqwig habe ich übernommen, weil ich dachte, so kannst du für die Patienten mehr tun. Die direkte Arbeit für und mit Patienten bringt aber deutlich mehr Freude.

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