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Streit um Maßnahmen Kassenärztechef wettert gegen Lauterbachs "unrealistische" Corona-Pläne für den Herbst – so weit gehen die Meinungen auseinander

Gesundheitsminister Karl Lauterbach
Karl Lauterbach will für den CoronaHerbst planen und bekommt dafür mal wieder viel Gegenwind. 
© Michael Kappeler/dpa
Das Chaos wächst: Gesundheitsminister Karl Lauterbach will den Corona-Herbst planen. Doch dafür bekommt er immer mehr Gegenwind. Jetzt will der Kassenärztechef am liebsten auch noch die letzten Eindämmungsmaßnahmen für beendet erklären. 

Deutschland steckt mitten in der Sommerwelle und keiner kriegt's mit. Oder will es mitbekommen. Sich noch auf Corona testen zu lassen, halten viele derzeit nicht für notwendig. Experten wie Thorsten Lehr, er hat den Covid-Simulator entwickelt, fürchten, dass die Dunkelziffer derzeit dreimal so hoch sein könnte wie die offizielle Statistik. Und so breitet sich das Virus aus und aus und aus. Gesundheitsminister Karl Lauterbach schwant Böses, denkt er an Deutschland im Herbst. Er warnte bereits vor einer "katastrophalen" Pandemie-Entwicklung. Und erntete, wie so oft, Schelte. Nun mischt auch noch der Chef der Kassenärzte mit einer Forderung mit, die manche die Augen reiben lässt.

Lauterbach wünscht sich einen Plan. Denn sollten keine tauglichen Maßnahmen im Kampf gegen das Virus beschlossen werden, fürchtet er, dass die Infektionszahlen wieder zu einer Überlastung der Intensivstationen führen würde. "Wenn wir so wie jetzt in den Herbst hineingingen, also ohne weitere Schutzmaßnahmen, ohne Masken, ohne alles, dann würde das bedeuten, dass die Fallzahlen stark steigen würden", sagte der SPD-Politiker am Donnerstag bei einem Besuch in der US-Hauptstadt Washington der Deutschen Presse-Agentur. Dazu komme die sich zuspitzende Personalnot in den Krankenhäusern. Er sprach von einer "Kerze, die an beiden Enden brennt".

Unvorbereitet in den deutschen Corona-Herbst?

Die Zeit drängt. Im September läuft die Rechtsgrundlage für die inzwischen stark eingeschränkten Regeln aus. Doch zwischen Lauterbachs Ministerium und dem Haus von Justizminister Marco Buschmann (FDP) zeichnet sich noch keine Einigung über geplante Corona-Maßnahmen ab. Ohnehin gilt die FDP diesbezüglich als größter Bremser in der Ampel-Regierung. Die Liberalen sind aber nicht die einzigen, welche die Lage, zumindest macht es diesen Eindruck, entspannter sehen.

Auch Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), teilt Lauterbachs Sorgen so nicht. Maßnahmen brauche es letztlich nur, sagte er der "Neuen Osnabrücker Zeitung" (NOZ), wenn eine nachweislich gefährlichere Virusvariante auftaucht und als Folge davon die Zahl der Schwerkranken erheblich ansteigt und eine Überbelegung der Intensivstationen droht. Sonst nicht". Und weiter: "Für die von Herrn Lauterbach befürchtete 'Killer-Mutante', die so ansteckend wie Omikron und so gefährlich wie Delta ist, gibt es derzeit keine Anzeichen." Die Idee, abzuwarten bis das Problem nicht mehr nur an die Pforte klopft, sondern bereits eingetreten ist, erinnert allerdings an die Anfangszeit der Pandemie. Eben jene Zeit, in der nur noch ein Reagieren anstelle eines geplanten Agierens möglich war. Eine Szenario, das Lauterbach zu umgehen sucht.

Gassen: Corona-Impfziel ist "unrealistisch"

Die Bundesregierung hat daher das Ziel ausgegeben, im Herbst und Winter noch einmal 60 Millionen Impfungen gegen Corona zu setzen. Längst empfiehlt der Gesundheitsminister auch die vierte Impfung für Menschen unter 60 Jahre. Ein Ziel, das Gassen allerdings für "unrealistisch" hält. "Die KBV hat das mal kalkuliert: Bei einem zweiten Booster für alle ab 60, einem ersten Booster für alle Jüngeren und einem üppigen Kontingent für Ungeimpfte – ohne große Hoffnung, dass bisherige Impfskeptiker sich jetzt impfen lassen - kommen wir – großzügig gerechnet – auf rund 30 Millionen Impfungen", rechnete er dem Blatt vor. Er geht stattdessen davon aus, dass Impfstoff im Wert von möglicherweise hundert Millionen Euro oder mehr weggeworfen werden müsse. 

Lange Zeit hofften viele darauf, dass die sogenannte Herdenimmunität erreicht wird. Dass also aus der Infektion von wenigen nicht mehr die Ansteckung von vielen folgt. Leider wird dieser Gemeinschaftsschutz zumindest in naher Zukunft nicht erreicht werden. Dabei sind die allermeisten Menschen in Deutschland sind geimpft oder genesen. Viele haben also inzwischen einen gewissen Immunschutz gegen das Coronavirus entwickelt. Aber eben keinen vollständigen. Impfungen zumal mit Booster schützen vor schweren Verläufen, und das sehr gut. Aber nicht dauerhaft vor Ansteckungen. Gleiches gilt für Genesene. Warum die Herdenimmunität ein unrealistisches Ziel ist, das erklärte der Immunologe Carsten Watzl bereits vor rund einem Jahr im stern-Interview.

Hohe Dunkelziffer der Corona-Infektionszahlen

Am Freitag lag die bundesweite Inzidenz laut Robert Koch-Institut (RKI) bei 729,3 (Vormonat: 488,7). Allerdings liefern diese Angaben, wie bereits erwähnt, ein nur sehr unvollständiges Bild der Infektionszahlen – vor allem, weil bei weitem nicht alle Infizierten einen PCR-Test machen lassen. Nur positive PCR-Tests zählen in der Statistik. Zudem können Nachmeldungen oder Übermittlungsprobleme zur Verzerrung einzelner Tageswerte führen. Bereits seit einigen Wochen steigt die Zahl der Menschen, die mit Covid-19 auf einer Intensivstation behandelt werden müssen, wieder an. Und trotzdem sieht zumindest Gassen keine Notwendigkeit, sich noch einmal boostern zu lassen. Er selbst jedenfalls hat das nicht vor. "Alle paar Monate unkritisch eine Boosterimpfung, nur, weil so viel Impfstoff bestellt wurde?", fragte Gassen in der "NOZ". "Etliche Immunologen warnen davor! Viel hilft nicht immer viel."

Er ging sogar noch weiter. Statt Eindämmung setzt er demnach auf Öffnung. Gassen ist der Meinung, dass nun die Zeit gekommen ist, alle Corona-Isolations- und Quarantänepflichten aufzuheben – "bis auf Weiteres". Er sprach von einer Rückkehr zur Normalität und scheute sich nicht, in seiner Argumentation einen vergleich zwischen Corona und der Grippe zu ziehen. "Wer krank ist, bleibt zu Hause. Wer sich gesund fühlt, geht zur Arbeit. So halten wir es mit anderen Infektionskrankheiten wie der Grippe auch", meinte er. Deutschland könne sich nicht dauerhaft vor dem Virus verstecken. "Wir sind das letzte Land in Europa, das noch derart aufgeregt über einen Corona-Notstand diskutiert", urteilte Gassen.

Eine steile These, die nicht von allen wohlwollend aufgenommen wurde. Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, warf Gassen gar "Opportunismus" vor. "Die Isolation schützt. Denn so wird verhindert, dass sich andere anstecken. Long- und Post-Covid sind die Folgen. Schon über fünf Millionen Genesene leider darunter." Gassen spiele mit der Gesundheit der Menschen, so Brysch. Und auch Lauterbach fühlte sich bemüßigt zu reagieren. Auf Twitter kommentierte der Gesundheitsminister am Samstag: "Infizierte müssen zu Hause bleiben. Sonst steigen nicht nur die Fallzahlen noch mehr sondern der Arbeitsplatz selbst wird zum Sicherheitsrisiko. Die Krankschreibung soll telefonisch erfolgen."

mit Agenturen

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