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Immunologe im Gespräch Besonders ansteckend – wie die Delta-Variante die Herdenimmunität verhindert

Delta Coronavirus Impfung: Spritzen mit Impfstoff liegen in einer Schaöe
Schutz vor der Delta-Variante des Coronavirus: "Die Zweitimpfung ist besonders wichtig"
© Jan Woitas/ / Picture Alliance
Die Impfquote in Deutschland steigt, gleichzeitig aber auch der Anteil an Infektionen mit der Virusvariante Delta. Drohen bald höhere Inzidenzen? Im Interview erklärt der Immunologe Carsten Watzl, wie gut die Impfstoffe gegen Delta schützen und warum das Ziel der Herdenimmunität in weite Ferne rückt – das aber nicht zwingend eine schlechte Nachricht ist.

Herr Prof. Watzl, der Berliner Virologe Christian Drosten sieht Deutschland aktuell in einem Rennen mit der Delta-Variante des Coronavirus. Wer hat denn aktuell die Nase vorn: das Virus oder wir?

Im Moment sind das noch wir. Aber natürlich müssen wir die Variante gut im Blick behalten, das zeigt nicht zuletzt das Infektionsgeschehen in Großbritannien, wo Delta aktuell zu steigenden Infektionszahlen führt. Auch in Deutschland legte die Variante in den letzten Wochen prozentual zu, aber zuletzt gab es noch keinen Anstieg an absoluten Zahlen mit der Mutante, weil es insgesamt weniger Fälle gab. Aktuell haben wir in Deutschland sehr niedrige Inzidenzen, das spielt uns in die Karten. Wir müssen jetzt also die kommenden Wochen nutzen und fleißig weiterimpfen, um möglichst viele Menschen zu schützen.

In Deutschland haben bislang mehr als 51 Prozent der Bevölkerung mindestens eine Impfdosis erhalten. 32 Prozent gelten als vollständig geimpft. Sind wir damit für die kommenden Wochen gut gegen Delta gewappnet?

Der Anteil der Menschen, der vollständig geimpft ist, ist schon einmal sehr gut. Das Besondere bei Delta ist ja, dass Menschen nach der ersten Impfung noch nicht gut vor der Ansteckung oder der Erkrankung geschützt sind. Die Zweitimpfung ist daher besonders wichtig. Nach der zweiten Impfdosis steigt der Schutz vor schwerer Erkrankung weiter an und liegt bei über 90 Prozent. Der Schutz vor Infektion, also generell der Erkrankung, ist nach der zweiten Impfdosis auch noch sehr gut. Astrazeneca kommt hier auf rund 60 Prozent Schutzwirkung, Biontech auf rund 88 Prozent. Allerdings gibt es schon einen gewissen Abfall im Vergleich zu anderen Varianten, weil Delta der Immunantwort etwas besser entgehen kann.

Wie schneiden Moderna und Johnson&Johnson gegen Delta ab?

Zu beiden Impfstoffen gibt es noch keine Daten. Allerdings sind sich die Impfstoffe von Biontech und Moderna sehr ähnlich. Es handelt sich in beiden Fällen um mRNA-Impfstoffe. Von daher kann man davon ausgehen, dass alles, was wir im Moment über Biontech lernen, auch für Moderna zutrifft. Ich würde hier somit eine hohe Effektivität gegen die Delta-Variante erwarten. Der Impfstoff von Johnson&Johnson ist ein Vektorimpfstoff wie Astrazeneca. Aus den Zulassungsstudien von Johnson&Johnson wissen wir, dass der Impfstoff gegen die Beta-Variante, die ja auch dem Immunschutz entgeht, recht wirkungsvoll ist. Von daher bin ich eigentlich auch sehr optimistisch, was die Effektivität von Johnson&Johnson gegen Delta betrifft.

Die Corona-Lage in Deutschland ist aktuell noch gut, die Inzidenz niedrig. Welche Maßnahmen sind aus Ihrer Sicht neben dem Impfen wichtig, damit das erstmal so bleibt?

Wir wissen, dass Delta besonders ansteckend ist und müssen aufpassen, dass die Variante nicht schon über den Sommer zu Problemen führt. Wichtig wird sein, dass wir uns in den kommenden Wochen nicht zu viele Fälle ins Land holen durch Reiserückkehrer oder Fußball-Fans, die zu EM-Spielen in Virusvariantengebiete fliegen. In diesem Bereich müssen wir konsequent testen. Lokale Ausbrüche gehören außerdem mit allen Mitteln eingedämmt, die uns zur Verfügung stehen – von Kontaktnachverfolgung bis hin zu Quarantänemaßnahmen. Aktuell bin ich noch hoffnungsvoll, dass es uns auf diese Weise gelingen kann, Delta über den Sommer niedrig zu halten.

Viele Touristen haben sich vor ihrer Reise um einen Impfschutz gekümmert. Wie genau müssen wir da mit dem Testen sein?

Aktuell sehen wir in Großbritannien, dass sich vor allem Personen mit Delta anstecken, die noch gar nicht oder nur einmal geimpft sind. Das sind also Bereiche, in denen wir ganz besonders aufpassen müssen. Wir sollten aber auch wachsam sein, wenn sich Personen trotz vollständiger Impfung infizieren. Das sind Fälle, die wir dringend sequenzieren müssen, um herauszufinden, welche Variante dahintersteckt. Es darf uns beispielsweise nicht passieren, dass sich in Deutschland eine Variante entwickelt und ausbreitet, ohne dass wir es bemerken.

Experten rechnen damit, dass Delta die Fallzahlen Richtung Herbst ansteigen lässt. Welche Impfquote sollten wir bis dahin erreicht haben?

Je höher die Impfquote, desto besser. Jede Impfung zählt, aus zwei Gründen. Der erste ist, dass die Person zunächst selbst vor Ansteckung und Erkrankung geschützt ist. Der zweite, dass eine hohe Impfrate auch als Schutz für all jene dient, die nicht oder noch nicht geimpft sind.

Sie spielen auf die sogenannte Herdenimmunität an. Fraglich ist aber, ob die gegen das Coronavirus jemals erreicht werden kann.

Ja, das stimmt. Die Herdenimmunität bedeutet, dass eine ausreichend große Anzahl an Menschen geimpft ist und diese Impfquote dafür sorgt, dass auch Nicht-Geimpfte geschützt sind und sich das Virus nicht weiterverbreiten kann. Wie hoch diese Schwelle ist, hängt aber davon ab, wie ansteckend das Virus ist. Hier kommt wieder Delta ins Spiel. Ein kurzer Blick zurück: Wir wussten, dass die Ursprungsvariante des Virus eine Reproduktionszahl von ungefähr Drei hatte. Eine infizierte Person hat damit ohne eindämmende Maßnahmen drei weitere Personen angesteckt. Bei der Virusvariante Alpha stieg dieser Wert an und lag zwischen vier und fünf. Delta ist noch einmal ansteckender. Hier steckt ein Infizierter ungefähr fünf bis acht Personen an. Das heißt, um eine Herdenimmunität gegen Delta zu erreichen, müssten – wenn man rechnet, dass eine Person sieben Personen ansteckt – sechs von sieben Personen geimpft sein. Das entspricht einer Imfquote von ungefähr 83 Prozent.

Was kaum zu erreichen ist.

Ja, in Deutschland wären das knapp 70 Millionen Menschen. Wir müssten also nahezu 100 Prozent der erwachsenen Bevölkerung impfen, um auf diese 83 Prozent zu kommen. Diesen Wert werden wir nicht erreichen. Es sei denn, wir haben einen großen Prozentsatz an geimpften Kindern und Jugendlichen. Aber auch danach sieht es im Moment nicht aus.

Vom Ziel der Herdenimmunität können wir uns also verabschieden?

Herdenimmunität ist mit der Delta-Variante kaum zu erreichen. Das heißt aber nicht, dass wir wieder unkontrolliert in eine vierte Welle reinlaufen. Wie gesagt: Jede Impfung zählt. Und wenn nicht sechs von sieben geimpft sind, sondern vielleicht nur vier oder fünf von sieben – und in diese Bereiche kommen wir locker – dann hilft das auch schon viel. Den Unterschied können wir dann wieder mit einfacheren Maßnahmen ausgleichen, zum Beispiel Lüftungskonzepten in Innenräumen oder Maskentragen im Nahverkehr. Die gute Nachricht ist: Mit den Impfungen kommen wir viel leichter durch eine mögliche vierte Welle. Ohne Lockdown.

Biontech hatte zuletzt die Möglichkeit von Drittimpfungen ins Spiel gebracht. Was weiß man darüber, wie lange der Impfschutz nach vollständiger Impfung anhält?

Die Daten, die wir für die Impfungen bislang haben, decken den Zeitraum ungefähr für ein halbes Jahr nach der Impfung ab. Man sieht zwar, dass die Antikörperspiegel mit der Zeit etwas abfallen, insgesamt sieht es aber noch okay aus. Man kann also davon ausgehen, dass die Mehrheit der Personen, die dieses Jahr geimpft wurde, gut durch den Winter kommt. Es gibt aber Gruppen, wo wir wissen, dass die Impfung nicht ganz so hohe Antikörperspiegel erzeugt hat. Das betrifft unter anderem Ältere. Sollte sich jetzt zeigen, dass die Antikörperspiegel bei diesen Personen auch noch recht schnell abfallen, müsste man sicher prüfen, ob man diese Gruppe im Herbst ein drittes Mal impft, um während des Winters einen guten Schutz zu haben.

Besonders Pflegebedürftige in den Heimen dürften dann in den Fokus rücken. Sie wurden bereits vor ein paar Monaten geimpft. Wann wäre aus Ihrer Sicht der ideale Zeitpunkt, um in diesen vulnerablen Bereichen ein drittes Mal zu impfen?

Wir haben damit noch etwas Zeit. Aktuell haben wir noch die Situation, dass einige Menschen aus der Prio-Gruppe Drei weiterhin auf ein Impfangebot warten. Würden wir jetzt schon wieder in den Heimen mit den Drittimpfungen beginnen, wäre das also nicht zielführend. Aber gegen Ende des Sommers oder Anfang Herbst wäre sicher ein guter Zeitpunkt.

Im vergangenen Jahr stiegen die Infektionszahlen allerdings schon im September. Ist der Zeitpunkt Anfang Herbst nicht zu spät, um die Heime erneut zu schützen?

Durch die Impfungen haben wir dieses Jahr etwas mehr Puffer. Man kann also davon ausgehen, dass die Zahlen etwas später beginnen werden zu steigen. Aber spätestens im Oktober werden wir sehen, dass die Infektionszahlen nach oben gehen und spätestens dann müssen wir aufpassen, dass ältere, kranke und besonders vulnerable Personen immer noch sehr gut geschützt sind. Dazu zählen auch Menschen nach Organtransplantationen, Krebs-Patienten oder Menschen mit Autoimmunerkrankungen.

Immunologe im Gespräch: Besonders ansteckend – wie die Delta-Variante die Herdenimmunität verhindert

Impfstoffhersteller arbeiten bereits an modifizierten Impfstoffen, die noch besser vor zirkulierenden Varianten schützen sollen. Werden Booster-Impfungen mit den aktuellen Impfstoffen ausreichen, um gut durch Herbst und Winter zu kommen?

Wenn wir bis zum Herbst einen Impfstoff hätten, der die Varianten abdeckt, wäre das sicherlich toll. Aber auch die bisherigen Impfstoffe schützen gut. Es würde deshalb ausreichen, wenn wir im Herbst die bestehenden Impfstoffe nutzen, um die Immunität in bestimmten Personengruppen noch einmal aufzufrischen. Menschen mit hohen Antikörperspiegeln sind gut gegen die Varianten geschützt.


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