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Trotz Delta-Variante RKI nennt Zahlen: So könn(t)en wir das Virus unter Kontrolle bringen

Coronavirus-Impfzentrum in Berlin
Coronavirus-Impfzentrum in Berlin
© Michael Kappeler / DPA
Herdenimmunität ist möglich – aber erreichen wir sie auch? Das Robert-Koch-Institut hat untersucht, wie das Coronavirus in Deutschland unter Kontrolle zu bringen ist. Drei Punkte sind demnach entscheidend.

Die Delta-Variante des Coronavirus ist auch in Deutschland auf dem Vormarsch. Inzwischen macht sie die knapp Hälfte aller in den Laboren untersuchten Befunde aus, mit steigender Tendenz. Die Mutante B.1.617 gilt als deutlich ansteckender als der Wildtyp des Coronavirus; die Weltgesundheitsorganisation geht davon aus, dass sie weltweit zur dominierenden Variante wird.

Das hat Folgen, auch für die deutsche Impfkampagne. An diesem Mittwochmorgen waren nach Zahlen des Bundesgesundheitsministeriums gut 47 Millionen Menschen hierzulande einmal geimpft, gut 32 Millionen genießen den vollen Schutz – noch zu wenig, um von einer sogenannten Herdenimmunität auszugehen. Sie meint den Effekt von Impfungen durch den auch für Ungeimpfte ein niedrigeres Infektionsrisiko besteht. Doch wie viele Menschen müssen geimpft sein, um die Covid-19-Pandemie in Deutschland auf diese Weise kontrollieren zu können und damit auch eine starke Belegung der Intensivbetten im Herbst und Winter zu verhindern?

Robert-Koch-Institut nennt Zielimpfquoten

Das Robert-Koch-Institut (RKI) hat etliche Szenarien modelliert, um auf diese Frage eine Antwort zu finden. Es ist ein Blick in die Zukunft und eine Rechnung mit vielen Unbekannten: Wie hoch wird die Basisreproduktionsrate des Virus sein? Wie viele Kontakte werden Menschen untereinander haben? Wie lange wird der Impfschutz anhalten? Diese und andere Parameter haben die Berliner Seuchenbekämpferinnen und -bekämpfer in ihre Berechnungen einbezogen. Eine exakte Prognose sei zwar nicht möglich, wohl aber eine fundierte Abschätzung.

Das Ergebnis: Es müssen mindestens 85 Prozent der Zwölf- bis 59-Jährigen und 90 Prozent der über 60-Jährigen in Deutschland geimpft sein. "Bei rechtzeitigem Erreichen dieser Impfquote scheint eine ausgeprägte vierte Welle im kommenden Herbst/Winter unwahrscheinlich", schreibt das RKI in seinem aktuellen Epidemiologischem Bulletin, "sofern sich die Bevölkerung zusätzlich zur Impfung weiter an die Basishygienemaßnahmen hält und bei möglicherweise wieder ansteigenden Infektionszahlen Kontakte zu einem gewissen Grad reduziert."

85 bzw. 90 Prozent Geimpfte für die Herdenimmunität, das ist deutlich mehr als bisher angenommen. Das RKI hält das Erreichen dieser notwendigen Zielimpfquoten dennoch für möglich, zumindest in der Theorie. Dafür sollte der Sommer "dringend genutzt werden". Es gibt jedoch Zweifel, dass das gelingt. So zeigte sich der Immunologe Carsten Watzl jüngst im stern-Interview diesbezüglich pessimistisch. Er geht von einer notwendigen Impfquote von 83 Prozent in der Gesamtbevölkerung aus: "Wir müssten also nahezu 100 Prozent der erwachsenen Bevölkerung impfen, um auf diese 83 Prozent zu kommen. Diesen Wert werden wir nicht erreichen", so der Wissenschaftler. "Herdenimmunität ist mit der Delta-Variante kaum zu erreichen." Aber: "Jede Impfung zählt." Mit den Impfungen komme man leichter und ohne Lockdown durch eine vierte Welle.

Zurzeit sind rund 84 Prozent der über 60-Jährigen in Deutschland mindestens einmal geimpft. Die ermittelte Impfbereitschaft in dieser Altersklasse von fast 95 Prozent lässt darauf schließen, dass das Ziel von 90 Prozent  hiererreichbar ist.

Bei Coronavirus-Schutzimpfungen noch Luft nach oben

In der Altersklasse der Jüngeren haben dagegen erst 51,1 Prozent mindestens eine Impfdosis erhalten; knapp 20 Prozent sind vollständig geimpft. Insgesamt liegt die ermittelte Impfbereitschaft hier nur bei rund 84 Prozent, also unter der Zielquote. Menschen zwischen zwölf und 18 Jahren wurden dabei nicht befragt. Vor allem unter jungen Erwachsenen sieht das RKI daher weiterhin einen Aufklärungsbedarf, um die Impfbereitschaft zu erhöhen. "Information und Aufklärung zur Sicherheit und Wirksamkeit der Impfung sind weiterhin relevant."

Spahn fordert einen "Impfruck"

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hofft auch ohne allgemeine Expertenempfehlung auf eine rege Beteiligung junger Menschen an der Corona-Impfkampagne. Die Versorgung mit Impfstoffen habe sich inzwischen derart verbessert, dass alle Kinder und Jugendliche bis Ende August einen ersten Termin erhalten könnten, sagte Spahn an diesem Mittwoch im ARD-"Morgenmagazin". "Ich finde, wir sollten die Kinder und Jugendlichen selbst entscheiden lassen." Wer wolle, könne geimpft werden. Die Empfehlungen der Ständigen Impfkommission seien wichtige Leitlinien, ergänzte der Gesundheitsminister. Aber es gebe eben am Ende auch einen sicheren und zugelassenen Impfstoff für alle Menschen über zwölf Jahren, der nach individueller Abwägung und Entscheidung verabreicht werden könne. Es sei bereits klar, dass es in nicht geimpften Bevölkerungsgruppen ab Herbst viele Infektionen geben werde, sagte Spahn. Eine hohe Impfquote sei daher "wichtig". In erster Linie seien jedoch weiterhin auch die Erwachsenen zu Impfungen aufgefordert, betonte der Minister. Es müsse "ein Impfruck durch Deutschland gehen". (AFP)

Angesichts der zunehmenden Verbreitung der Delta-Variante gibt das RKI damit drei entscheidende Empfehlungen ab:

  • Die noch ungeimpfte Bevölkerung motivieren, das Impfangebot noch im Sommer wahrzunehmen, um die notwendigen Impfquoten möglichst bald zu erreichen.
  • Ausreichend Kapazitäten zur Verabreichung der in Aussicht gestellten Impfstoffmengen vorhalten.
  • Weiterhin die Basishygienemaßnahmen umsetzen, inklusive einer geringfügigen Reduktion der Kontakte.

Allerdings: Selbst wenn die Zielimpfquoten in Deutschland vor dem Herbst erreicht werden sollten – ausrotten lässt sich das Coronavirus allein dadurch laut RKI nicht. "Für eine Elimination wäre es darüber hinaus erforderlich, dass die Impfaktivitäten auch global ein Erfolg sind, damit nicht kontinuierlich Virus importiert und sich je nach Impfquote erneut ausbreitet oder zu lokalen Ausbrüchen führt", so die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. "Ebenso wäre die Entwicklung eines permanenten Tierreservoirs ein Hindernis für die Elimination." Ob all die erreicht bzw. verhindert werden könne, sei "zweifelhaft".

"Das Ziel, eine breite Grundimmunität in der Bevölkerung zu erreichen, durch die auf individueller Ebene das Auftreten schwerer Erkrankungsfälle deutlich reduziert und auf der Populationsebene die Viruszirkulation erheblich verringert wird, ist jedoch realistisch", schreibt das RKI. Sprich: Die Herdenimmunität in Deutschland (und damit die Kontrolle über das Virus) ist machbar – und zwar trotz der Delta-Variante noch in diesem Jahr. Der Weg führt übers schnelle Impfen, nur übers schnelle Impfen.

Quellen: Robert-Koch-Institut, Bundesministerium für Gesundheit, Nachrichtenagentur DPA


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