VG-Wort Pixel

Herdenimmunität Im Kampf gegen die Delta-Variante muss die Impfquote deutlich steigen. Ist das neue Ziel zu schaffen?

Feiernde in London trotz Delta-Variante
In London wird bereits wieder massig gefeiert - trotz der grassierenden Delta-Variante.
© Picture Alliance
Die Delta-Variante sorgt dafür, dass sich nun noch mehr Menschen im Kampf gegen eine vierte Welle impfen lassen müssen. Die angestrebte Impfquote ist hoch. Sind die Zahlen bis Herbst zu schaffen?

Sommer. Die Inzidenzen sind niedrig, die Impfkampagne schippert vor sich hin und Deutschland atmet auf. Wäre da nicht die Delta-Variante, die auf dem Vormarsch ist und sich anschickt, die Pandemielage kräftig aufzumischen. Die Corona-Variante ist hochansteckend, um ihr die Power zu nehmen, müssen nun noch mehr Menschen die Ärmel hochkrempeln und sich impfen lassen, als bisher gedacht. Das Robert Koch-Institut (RKI) hat die zu erreichende Impfquote nach oben geschraubt und schätzt, dass anstelle von mindestens 80 nun mindestens 85 Prozent der Bevölkerung gegen das Coronavirus immun sein muss, damit die angestrebte Herdenimmunität erreicht werden kann.

"Bei rechtzeitigem Erreichen dieser Impfquote scheint eine ausgeprägte 4. Welle im kommenden Herbst/Winter unwahrscheinlich", schreibt das RKI in seinem Bulletin. Das ist aber nur ein Teil des Satzes, der mit "sofern" fortgeführt wird. Drei wesentliche Faktoren spielen eine Rolle: 1. Impfstoff-Verfügbarkeit 2. Die Impf-Kampagne darf nicht durch Faktoren wie Ferien ins Stocken geraten und 3. "Basishygienemaßnahmen" müssen weiter eingehalten werden. Steigen die Infektionszahlen müssten möglicherweise auch Kontakte wieder reduziert werden. Aber reicht das?

Herdenimmunität kaum zu erreichen

Im stern-Interview erklärte Immunologe Carsten Watzl bereits Ende Juni: "Herdenimmunität ist mit der Delta-Variante kaum zu erreichen." Er rechnete vor, dass dafür, wenn man rechne, dass eine Person sieben Personen anstecke – sechs von sieben Personen geimpft sein müssten. Das entspricht einer Impfquote von ungefähr 83 Prozent, also noch etwas geringer als die, die nun das RKI schätzt. "Wir müssten also nahezu 100 Prozent der erwachsenen Bevölkerung impfen, um auf diese 83 Prozent zu kommen. Diesen Wert werden wir nicht erreichen", sagte er. "Es sei denn, wir haben einen großen Prozentsatz an geimpften Kindern und Jugendlichen."

Laut RKI müssen mindestens 90 Prozent der Über-60-Jährigen und mindestens 85 Prozent der 12- bis 59-Jährigen vollständig geimpft sein. Das ist mit Blick auf die aktuellen Zahlen ambitioniert. Aktuell sind 39,3 Prozent der Gesamtbevölkerung zweimal geimpft, 56,8 Prozent haben mindestens eine Impfdosis erhalten (Stand: 5.6.). Bei den Menschen ab 60 Jahren sind laut offiziellen Angaben 65,1 Prozent vollständig geimpft, bei den Jüngeren im Alter von 18 bis 59 Jahren sind es 36,6 Prozent. Das RKI gibt sich etwas optimistischer als Watzl und beruft sich auf eine Umfrage zur Impfbereitschaft der Bürger, die zwischen Mitte Mai und Anfang Juni durchgeführt wurde. "Es bestand eine Impfbereitschaft, die die im Modell identifizierten Zielimpfquoten erreichbar erscheinen lassen", schreiben die Expert:innen in dem Bulletin.

Sommerurlaub ist durch Corona gefährdet

Impfmüdigkeit spürbar

Um die Zahlen schnell nach oben zu kurbeln, muss die Impfkampagne weiter vorangetrieben werden oder wie das RKI schreibt "mit hoher Intensität fortgeführt werden". Doch das Bild, das sich derzeit vor allem in vielen Impfzentren zeigt, ist ein anderes. Bei der Buchungslage sei ein Ferieneffekt unverkennbar, sagte Martin Helfrich, Sprecher der Hamburger Gesundheitsbehörden bereits vergangene Woche. Tausende Termine bleiben in dem zentralen Impfzentrum der Stadt derzeit ungebucht, verfallen. Und auch Christoph Schulze, ärztlicher Leiter der Impfzentren des Rhein-Neckar-Kreises sagte im Gespräch mit dem stern: "Leider müssen wir bereits eine gewisse Impfmüdigkeit feststellen. Momentan vergeben wir hauptsächlich Zweitimpfungstermine, Termine für Erstimpfungen werden nur sehr schleppend gebucht."

Der Kampf gegen die Delta-Variante und eine vierte Welle könnte einmal mehr zu einem Wettlauf gegen die Zeit werden. Gerade hinsichtlich der Delta-Variante sei es entscheidend, "dass die noch ungeimpfte Bevölkerung motiviert wird, das Impfangebot noch im Sommer wahrzunehmen, um die notwendigen Impfquoten möglichst bald zu erreichen", schreibt das RKI.

Das sieht auch Gesundheitsexperte Karl Lauterbach so. Hinsichtlich der neuen Schätzung des RKI schrieb er auf Twitter: "Die Idee 'wir öffnen wenn alle ein Angebot hatten, wer nicht will der hat schon', wird nicht funktionieren. Es würde viele Erkrankte geben." Er schlägt vor: "Wir müssen mit dem Impfstoff auf die Straße. In die Ausgehmeilen, vor die Shisha Bars, vor die Cafés." Nur so kämen wir an die 85 Prozent der Erwachsenen heran. Zusätzlich würde, schreibt er, eine Impfempfehlung für Jugendliche ab 12 Jahren helfen.

Die Ständige Impfkommission empfiehlt eine Corona-Impfung für Jugendliche ab 12 Jahren derzeit nicht pauschal, sondern beispielsweise nur bei bestimmten Vorerkrankungen und beruft sich darauf, dass diese nur selten schwer an Covid-19 erkranken. Die Empfehlunghatte zuletzt wieder vermehrt für Kritik gesorgt, vor allem hinsichtlich der Rückkehr an die Schulen nach den Sommerferien. Nun äußerte auch Gesundheitsminister Jens Spahn im ARD-"Morgenmagazin" die Hoffnung, dass sich viele Kinder und Jugendliche auch ohne Empfehlung impfen lassen. Er sagte, die Impfstoff-Versorgung habe sich derart verbessert, dass alle Kinder und Jugendliche bis Ende August einen ersten Termin erhalten könnten. Wer wolle, könne geimpft werden. "Ich finde, wir sollten die Kinder und Jugendlichen selbst entscheiden lassen."


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker