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Trotz geringer Impfquote Vom Hotspot zur bundesweit niedrigsten Inzidenz: Was ist in Sachsen und Thüringen los?

Inzidenz liegt in Thüringen und Sachsen unter dem Bundesdurchschnitt
Mit provokanten Plakaten hatten Impfgegner, Querdenker, Rechte und Corona-Leugner im Osten Deutschlands immer wieder gegen dei Schutzmaßnahmen demonstriert.
© Martin Schutt / DPA
In Deutschland steigen die Inzidenzen. Rekorde verzeichnen vor allem Bremen, Hamburg und Berlin – Länder mit hoher Impfquote. In Sachsen und Thüringen ist es genau umgekehrt. Wie kommt es dazu?

Seit Beginn der Pandemie müssen vor allem die östlichen Bundesländer wie Sachsen und Thüringen Hohn, Spott, ein klein wenig Mitleid, aber vor allem Ablehnung über sich ergehen lassen. Der Grund: Die Impfquote liegt unter dem Bundesdurchschnitt – Sachsen vermeldet 62 Prozent doppelt Geimpfte, in Thüringen gelten knapp 68 Prozent als vollständig immunisiert (Stand 25. Januar 2022). Zudem sorgen die beiden Bundesländer seit Pandemiebeginn immer wieder durch die Querdenkerszene und Impfmuffel, die ihre Skepsis öffentlich und vor allem medienwirksam kundtun, für Schlagzeilen.

Am Montagabend gingen allein in Thüringen etwa 22.000 Menschen auf die Straßen. In den vergangenen Wochen war es in dem Bundesland immer wieder zu unangemeldeten und teils gewaltsam ausufernden Protestzügen gegen die Corona-Maßnahmen gekommen, oft aus dem rechtsextremen Spektrum organisiert. Trotz des Widerstandes liegt die aktuelle Inzidenz in Thürungen bei 310 – dabei lag sie vor Weihnachten noch bei über 800. Sachsen vermeldet 377 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in einer Woche. Dass die Impfquote nicht mehr für eine niedrige Inzidenz steht, zeigte zuletzt unter anderem das Beispiel Bremen. Auch in Hamburg und Berlin, wo über 70 Prozent der Bürger doppelt geimpft sind, hat die Inzidenz die 1500er-Marke gerissen.

Wie kommt es nun dazu, dass Sachsen und Thüringen im neuen Jahr zu Corona-Musterschülern wurden?

Strikte Maßnahmen in Sachsen

Dass die Inzidenz in Regionen mit hoher Impfquote steigt, liegt unter anderem daran, dass der Schutz vor einer Infektion je nach Vakzin nach einigen Monaten nachlässt. Das hatte zunächst eine britische Studie vergangenen Herbst belegt. Auch Geimpfte können sich demnach mit dem Virus infizieren und es weitergeben. "Die hohe Impfquote bot ganz guten Schutz gegen Delta-Infektionen, nicht jedoch gegen Omikron", sagt Epidemiliologe Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut in Bremen dem stern. Mit einem Booster könne der Schutz erhöht werden. Unter anderem deshalb drängt die Politik auf die Auffrischung der Impfung sowie eine Impfpflicht. So könne zumindest das Risiko für schwere Krankheitsverläufe und den Tod durch Corona reduziert werden. Das allein erklärt aber noch nicht die niedrigen Inzidenzen in Bundesländern mit vergleichsweise niedriger Impfquote.

Als Grund nennt Zeeb die erheblichen Kontaktbeschränkungen. Die niedrige Inzidenz in Sachsen lässt sich unter anderem auf den Teil-Lockdown zurückführen, den die Landesregierung im November eingeführt und vor Weihnachten noch verschärft hatte. Nach Aussagen von Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) seien dadurch die Krankenhäuser entlastet worden. Mit Blick auf die Omikron-Welle drängte Kretschmer darauf, die Zahl der Intensivpatienten auf 200 zu reduzieren. Eine Woche vor Weihnachten hatte die Landesregierung eine neue Corona-Verordnung beschlossen: Regionen ab einer Inzidenz von 1500 wurden zu Hotspots erklärt, die Gastronomie musste schließen. Auch Schulschließungen schloss Kretschmer nach einem Bericht der "Leipziger Volkszeitung" für das neue Jahr nicht aus.

Diese Maßnahme musste das Land jedoch nicht umsetzen. Stattdessen wurden die Regelungen in der zweiten Januarwoche sogar gelockert. Bars und Restaurants durften wieder öffnen. Jedoch gelten bis heute Einschänkungen. Bleibt die Situation in den Kliniken entspannt, können Kultureinreichtungen und Hotels geöffnet bleiben. Besucher und Gäste müssen jedoch eine doppelte Impfung sowie einen tagesaktuellen Coronatest vorweisen. Von der Testpflicht entbunden sind Geboosterte, doppelt Geimpfte drei Monate nach dem letzten Piks, Genesene ebenfalls drei Monate nach der Erkrankung und unter 18-Jährige. 2G Plus gilt zudem in der Gastronomie, auf Messen, Kongressen und Sportveranstaltungen. Für Veranstaltungen gelten Teilnehmerbeschränkungen.

Inzidenz könnte wieder steigen

Wie das Online-Portal "Watson" unter Berufung auf den Epidemiologen Markus Scholz von der Universität in Leipzig berichtet, habe der Teil-Lockdown die Kontakte um 50 Prozent reduziert. Dadurch sollen ungefähr 3000 Todesfälle verhindert worden sein. Es scheint als wäre Sachsen über den Corona-Berg.

Doch das Gegenteil ist der Fall. Anders als etwa in Norddeutschland, war die Delta-Variante bis Mitte Januar in Sachsen noch dominant. Nach RKI-Angaben wurde sie erst jetzt von Omikron abgelöst. Das bedeutet: Sachsen hat zwar eine Corona-Welle gebrochen, allerdings handelte es sich dabei noch um eine Delta-Welle, wie Epidemiologe Zeeb dem stern  gegenüber bestätigt. Nun "wandern die hohen Inzidenzen almählich aus dem Nordwesten in die anderen Bundesländer". Die Lockerungen in Kombination mit der geringen Impfquote könnten nicht nur die nächste Corona-Welle mit der neuen Virusvariante Omikron provozieren. Auch die Hospitalisierungsrate könnte massiv ansteigen, schätzt etwa der Epidemiologe Timo Ulrichs. Dem Online-Portal "Watson" gegenüber sagte er, die aktuellen Daten seien nur eine Momentaufnahme.

Besonders stark betroffen seien die Städte, sagt Zeeb. Orte wie Leipzig "weisen jetzt auch schon schon substantielle Fallzahlen und Inzidenzen auf, es bleibt zu hoffen, dass die eher ländlichen Gebiete nicht ganz so stark betroffen sein werden".

Auch in Thüringen gehen die Gesundheitsbehörden davon aus, dass sich die Lage Ende Januar wieder verschärft. In dem Bundesland gelten ähnlich strenge Maßnahme wie in Sachsen. Zudem gelten Sperrstunden. Für Ungeimpfte gelten Kontaktbeschränkungen. Dass Delta im Osten Deutschlands noch länger dominierte als im Norden, hat mit den Verbindungen ins Ausland zu tun, sagte Mathias Pletz, Institutsdirektor am Universitätsklinikum in Jena, dem MDR. So sei die Omikron-Welle zunächst aus Dänemark über den Norden hinweggeschwappt, während Ostdeutschland von der Delta-Welle aus Tschechien betroffen war. Insofern könnte sich Omikron mit Verzögerung auch im Osten des Landes weiter ausbreiten und die Inzidenzen steigern.

Quellen: "Tagesspiegel", MDR, "Leipziger Volkszeitung", "Watson"


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